Textile Fotos - Projektvorstellung von Magdalena

Während der gesamten Reise durch Peru hatte ich eine Kamera bei mir. Wenn es nicht die Spiegelreflexkamera war, hatte ich mein Handy zur Hand. Mir ist nach einer gewissen Zeit aufgefallen, dass ich nahezu alle beeindruckenden Erlebnisse mit dem Fotoapparat festgehalten habe. Seien es Muster, Begegnungen, Farbkombinationen oder Flora & Fauna. Wenn ich die SD Karte durchschaue, habe ich gleichzeitig einen ziemlich genauen Ablauf der Reise und Erinnerungen vor mir.

 

Vor der Reise bin ich mit dem Ziel los geflogen, die erhaltenen Eindrücke zu filtern und in abstrahierter Form mithilfe textiler Techniken wiederzugeben. Geändert hat sich dieses Ziel insofern, dass ich die Eindrücke gar nicht mehr filtern möchte. Jedes Erlebnis steht für sich und muss nicht zu einem „Stück“ zusammengebracht werden. Die Inspirationen waren während des Aufenthalts so üppig, dass ich manchmal froh war, sie vorerst visuell speichern zu können und sie später wieder aufzurufen.

 

Besonders beeindruckend fand ich die verzögerte Offenheit der Menschen in Peru. Wenn wir auf einzelne Menschen zugingen und Fragen hatten, wurden wir oft etwas grimmig beäugt oder sofort mit Touristenangeboten überhäuft, sobald wir aber zwei bis drei Sätze gewechselt hatten und von unserem Projekt erzählten, hellten sich die Gesichter schlagartig auf, wir wurden ernst genommen. Sofort wurde uns Hilfe angeboten und wir bekamen verschiedene Tipps. Die Herzlichkeit war spürbar. Generell ist die Hilfsbereitschaft und Selbstlosigkeit der Peruaner sehr bemerkenswert. Außerdem haben mich die Menschen und die Schönheit der Natur im Dschungel tief berührt und inspiriert. Alles schien seinen natürlichen Gang zu gehen, alles schien einfach und doch so logisch miteinander verknüpft. 

 

Für die Umsetzung meiner „textilen Fotos“ habe ich mit der Technik Lavendeldruck gearbeitet. Mit Hilfe von Lavendelöl lässt sich die Druckfarbe vom Papier ablösen und auf Stoff übertragen. Natürlich ändert sich das Erscheinungsbild, es wird blasser. Die Erinnerung an die jeweiligen Situationen werden auch blasser. 

Ich habe mir einzelne Elemente auf den Fotos herausgesucht, die ich besonders spannend finde und diese durch händische Stickerei betont. Dadurch werden die Erinnerungen einerseits für mich wieder wacher, andererseits kann ich sie nun auch mit euch teilen – mit meiner eigenen Note versehen. 

Dschungel ohne Dschungel

Swantje

Die Tatsache, dass wir drei Beiträge brauchten um die Eindrücke aus dem Urwald zu umschreiben zeigt, dass was für eine große emotionale Bedeutung er hat. Mein Gott ich hab mir sogar ein Dschungel Tattoo in Peru stechen lassen! Das durfte Luise damals natürlich nicht schreiben, denn das wollte ich meiner Mutter doch gerne selber sagen und zeigen. Mehr Einsatz für den Dschungel geht ja nun gar nicht. Meine Projektidee hat sich daher nach diesem Ausflug verändert. Wer sich erinnert- mein Idee war ursprünglich die zeichnerische Auseinandersetzung mit den Peruanern. Und obwohl wir genug Erlebnisse mit den Einheimischen hatten, stützten diese sich jedoch auch auf Gespräche oder Auto- fahrten. Nichts was ich wirklich zeichnerisch erfassen konnte, was zum Teil auch an der Gesamtheit der überwältigen Eindrücke lag. Daher entschied ich mich, zurück in Deutschland, unsere Dschungel-Erfahrung als Thema für meine Arbeit zu wählen. Das war für mich auch die beste Kombination aus Natur und Mensch. Alle die wir trafen waren so richtige Charakter-Typen, passend zu dieser einmaligen Landschaft.

Auch unser Dschungel-Blues nach Abreise, zeigte nur allzu deutlich wie wir unser Herzen an den Parque Manu verloren hatten.
Im 7. Semester (2016) hatten wir als Aufgabe uns mittels der Technik des Scherenschnitts einem Thema zu nähern. Ich entschied mich damals für ein Dschungel-Thema. Aus einer einzigen Blatt-Sorte kreierte ich unzählig viele verschiedene Formen, die für mich den Dschungel repräsentierten ohne das ich jemals da gewesen war. Als wir dann im September im Parque Manu einen Spaziergang zum Fuß des Cloud Forest machten, bemerkte Magda lachend zu mir während ich eine Pflanzenwand fotografierte: „ Jetzt nochmal den Scherenschnitt vom 7. Semester machen, was?“. Recht hatte sie.
Am Tag bevor wir nach Nasca aufbrachen, überredete Heda mich Mais einzukaufen um aus diesen kleinen Körnchen etwas für mein Projekt zu schaffen. Ich fand die Idee klasse denn Mais lächelte uns an jeder Ecke an. Auch auf jeder Busfahrt bekamen wir das National-Dessert aus schwarzem Mais serviert. Also was soll´s , einfach mal mitnehmen und schon musste ich in meinem Rucksack platz für drei Kilo Mais schaffen.
Aus diesen zwei kleinen Anekdoten entwickelte sich meine Projektidee. Ich wollte meine eigenen Dschungel-Entwürfe aus der Pre-Peru Zeit mit meinen neuen Eindrücken verbinden. Momentan bin ich also dabei auf meinem bedruckten Stoff ein Wirr-Warr aus schwarzen Mais zu legen. Jedes Korn sammle ich von den Kolben ab und jedes sieht anders aus, mal mit spitzem Ende oder Kerbe in der Mitte. Satte schwarze Körner auf dunklem Stoff- Schwer und total verschlingend, wie der Dschungel.

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Benutz doch Pink!

Luise

Die Luft ist warm und feucht. Meine Haare haben jede Form verloren und ich schwitze. Die Hände und Nägel sind blau und rau. Immer wieder wische ich mir über die Stirn, schalte das Licht an und aus, bügle trocken und tauche den Stoff in den nächsten Sud.

Ich stehe in meiner improvisierten Färbeküche.

Den Hobby-/Werkstatt-/Party-/Lagerraum in meinem Elternhaus habe ich mit schwarzen Müllsäcken verkleidet und den Boden mit Folie ausgelegt. Nichts darf nach meinem Verschwinden darauf hinweisen, dass ich hier gewesen bin und schon gar kein bunter Fleck Textilfarbe. Es ist so warm in dem kleinen Raum und ich bin dankbar dafür, denn draußen sind minus zwanzig Grad. Das Bügelbrett, völlig durchnässt, biegt sich schon durch. Plötzlich geht die Türe auf. Mit finsterer Miene blicke ich vom dampfenden Färbetopf hoch. Wer stört denn jetzt wieder meine Kreise?

Essen, Schlafen, Hund und Klo. – Das sind die einzigen Gründe, warum ich diesen Raum verlasse.

Und ich genieße das!

 

Aber bis ich wirklich so weit war und mich dem Farbenrausch so richtig hingeben konnte, verging einige Zeit.

Wenn sich Südamerika, respektive Peru in einer Sache zum europäischen Standard unterscheidet, dann ist es die Farbgebung und Farbwahrnehmung. Das war schließlich auch einer der Beweggründe gerade dort hinzufliegen. Es ist nicht schwer eine Affinität für die klaren, satten Farben der Peruaner zu entwickeln.  Auf ihrer dunklen Haut und mit ihren schwarzen, dicken Zöpfen wirken die Andenfrauen beinahe unecht illustriert. Die einheimischen Pflanzen machen es möglich derart strahlende Farben zu erzeugen. (Obwohl ich mir uneins bin, wieviel Pigment auf pflanzlicher Basis heutzutage tatsächlich noch verwendet wird.) Es waren zunächst Gedankenspiele, die mich hier als Textiler beschäftig haben, hatte ich doch mein Filmprojekt auf das ich mich konzentrieren sollte. Es war kein textiles Projekt geplant…

 

Im Bänderladen war es schließlich um mich geschehen: Bis zur Decke war der kleine, enge Raum mit Regalen voller bunter Konen bespickt. Mit leicht genervten Blick, aber mit süffisantem Grinsen, räumt der junge Verkäufer die Konen auf die Theke und ich suche heraus. Und das sollte nicht der letzte Laden gewesen sein…

Um Platz für den Rückflug zu sparen, nähte ich die Bänder alle auf meinen Hut… eine clevere Idee, die so bescheuert aussah, dass es nicht mal ein Foto davon gibt. Zum Glück habe ich die vierundzwanzig Bänder wieder abgemacht. Am Flughafen wurde ich schon einem Drogentest unterzogen, wer weiß, was sie gemacht hätten, hätte ich mit diesem kiloschweren Kopfzylinder das Flugzeug besteigen wollen… vermutlich hätte man mich dann einfach dortbehalten.

 

Die gewebten Bänder waren sorgfältig ausgewählt. Jede Farbstimmung sollte mindestens einmal vertreten sein. Ich beschloss nicht nur nach Gefallen zu entscheiden, sondern das volle Farbspektrum auszunutzen… man ist schließlich nur einmal in Peru.

Bei der Analyse wieder in Deutschland fiel mir eins ganz deutlich auf (und nicht nur mir): Die Farben, zehntausend Meter entfernt – fröhlich, stark und schön – wirken hier im tristen Westen überzogen, naiv und kitschig.

 

Da wurde mir klar. Ich möchte einen Weg gestalten. Einen Weg aus Bändern. Ich brauche keine Worte dafür, nicht wie im Tagebuch oder im Film. Ich möchte nur die Farben sprechen lassen. Farben, die ich in Peru für mich entdeckte und die sich dann langsam mit meinen Farben vermischen. Zum Schluss entstehen Bänder, raumfüllend – knapp drei Meter hoch, die meine Farben zeigen… meine neuen Farben… das neue Selbst nach dieser Reise.

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Frauen in Peru – Mein Thema zum Weltfrauentag :-)

Heda

Eigentlich wiedermal ein witziger Zufall, dass ich euch heute mein Projekt vorstelle.

Wenn ich an den Zeitpunkt von vor einem Jahr denke, sehe ich große Aufregung, Freude, Erwartungen und auch Sorgen mit denen wir unsere Reise vorbereitet haben.

Einige Freunde haben mir abgeraten: "Das könnt ihr doch nicht machen! Frauen allein, wenn ihr wenigstens einem Mann dabei hättet!"

Das „Frauenthema“ hat sich von Anfang an in meine künstlerische Verarbeitung eingefügt.

Wir als Frauen unterwegs in einem Land, das ab und zu über Vergewaltigungen berichtet, über unglaublich große Unterschiede zwichen Männer- und Frauenrechte, sogar über Entführungen von junge Frauen ins Ausland. Ich kann es jetzt zugeben: Ich bin schon mit Sorgen um die Mädels hingeflogen... und um mich auch. -  Ob ich da, im Fall der Fälle, die richtige Entscheidungen treffen kann. Ja ja, es sind alles Erwachsene, trotzdem ist man als älteste in der Gruppe ein bisschen anders unterwegs. Vieleicht auch deswegen habe ich  schon vor unserer Reise ganz viel über das Leben peruanischer Frauen recherchiert. In meinem Rucksack hatte ich fünf Adressen von internationale Hilfsorganisationen (Ja, meine lieben bunt goldigen Mädels!), wo wir um Hilfe hätten bitten können. Deutsch, tschechisch - alles was ich gefunden habe. Ich bin sehr glücklich, das wir die nicht gebraucht haben. Genau im Gegenteil, immer wieder überfällt mich das Gefühl, dass wir mit einer Wolke Zuneigung und gutem Wind im Rücken geflogen sind. Geschützt und gesegnet. Schon dieser Fakt, dass wir keinerlei Probleme mit Krankheiten, Diebstahl , streikender Bahn oder andere Unannehmlichkeiten hatten, ermöglichte uns volle Konzetration auf das hier und jetzt. Die volle Wahrnehmung... eines neuen Landes, fremder Menschen und dem Umgang der Menschen untereinander. Es entging mir nicht, dass es viel mit Frauen zu tun hat.

 

Auf einer Seite Männer, die Autos fahren. - Auf der anderen Frauen, die die Autos waschen dürfen. – scheinbar Frauenarbeit.

 

Auf einer Seite schnell laufende junge Frauen am Abend - mit Blick zum Boden. Auf der Flucht vor betrunkenen, jungen Männern. - Auf der anderen eine unglaubliche Hochachtung der Mutter oder Grossmutter im Rahmen der Familie.

 

Auf einer Seite überarbeitete Frauen schlafend an ihrem Marktstand. - Auf der anderen glückliche, rüstige, tanzende Omis mit wahnsinnigem Sexapppel auf dem Tanzparket.

 

 

Und dann gehe ich mein Tagebuch und meine Photos durch und wieder tauchen die Frauen auf. Diesmal in einer focusierten Situation. Alle meine Bilder sind Schnappschüsse auf der Straße in Lima, in Cusco, in den Bergen zum Dschungel. Ich schau mir sie an und in meinem Kopf spielen sich Geschichten ab. Und es reizt mich diesen Frauen ein anderes Leben zu geben oder der Situation einen Witz zu verpassen. So bekommen diese Photos neue Interpretationen. Das ist ein Dialog, den ich mit dem Beobachter führen will.

 

Zum Beispiel wenn die Mutter, die sich Zeit nimmt für ihre Kinder, mittendrinn beim Einkaufen eine Gloriolla verpasse. - Das Bild der peruanischen Mutter ist so für mich vollkommener als alles andere.

 

Oder eine Frau auf dem Markt, die den schwarzen Mais liebvoll in den Korb legt. Ich verwandle den Mais in Gold. Den Mais, aus dem für uns ungewöhnliche Süßigkeiten und Getränke gemacht werden, der bei keinem Fest fehlt und der auch als Schmuckobjekt immer wieder auftaucht.

Bei anderen Bilder lade ich euch einfach in meine Geschichtenwelt ein… Lege sie unbearbeitet vor... Lasst doch auch eurer Phantasie freien lauf!

Und allen Frauen wünsche ich alles Gute. ..macht heute etwas Tolles für euch selbst!

 

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FARBEN PERUS - Projektvorstellung

Fabi

Wie aus „Farben Perus“ eine textile Karte wurde...

oder auch: Einblicke in mein Projekt.

 

5 Monate liegt die Reise nach Peru nun schon wieder zurück. In diesen 32 Tagen ging einmal quer durch den Süden Perus...durch Städte und Dörfer, verschiedenste Landschaften, verbunden mit vielen wunderbaren Begegnungen mit den Einwohnern vor Ort, sowie der Kultur. Vor allem die Welt der Textilien und den Künstlern, welche sie mit sich bringt, brannte sich stark in die Erinnerung ein.

Schon während unseres Aufenthalts schoben sich Erlebnisse und Erfahrungen zu gewissen Bildern in der Erinnerung zusammen. Besondere Farben und Emotionen zu einzelnen Stationen kristallisierten sich heraus und prägten sich besonders ein. Beispiele für solche Momente wären für mich unter anderem die Floßfahrt im Dschungel auf dem Fluss „Madre de dios“ oder auch die Wanderung zum Rainbowmountain.

Für mich wurde schnell klar, dass ich jene Bilder die in meinem Kopf als Erinnerungen herumschwirrten, textil umsetzen möchte. Es sind Stationen unserer Reise, die eine persönliche und für mich besondere Geschichte beinhalten.

In unserem Abenteuer Peru war die Navigation auch ein großes Thema. Sich neu orientieren und Zurecht finden spielte tagtäglich eine Rolle- ob nun die Suche nach dem nächsten Supermarkt, der Weg zu den Museen unserer Wahl, oder die Anreise zu Künstlern oder Betrieben, die wir besichtigen wollten. Genauso waren die langen Busreisen über Nacht gern immer wieder ein Gespräch wert- denn diese Wege zu den nächsten Etappen brachten viele Anekdoten mit sich. Wieder in Deutschland, versuchte ich unsere Routen auf Karten nachzuverfolgen. Je länger ich mich damit beschäftigte, umso klarer wurde mir, dass die Weglinien auch einen Platz in meinem Projekt finden müssen. Dieses Liniengeflecht wirkt als verbindendes Glied zwischen den einzelnen Flächen jener Stationen und ist eine Art textile Landkarte, die unsere Wege durch Peru visualisiert.

 

Umgesetzt werden meine Flächen aus Baumwollstoff. Mit Hilfe von Färbereitechniken, wie zB. Shibori, sowie sonstigen zufälligen Faltungen und Abbindungen entstehen so spannende, nicht eindeutig planbare Strukturen. Diese Flächen werden dann durch die Stickerei veredelt- so entstehen individuelle , die jeweils eine andere Station versinnbildlichen und eine eigene Geschichte erzählen.

 

In weniger als 4 Monaten, genau genommen am 21. Juni diesen Jahres, haben wir die Ehre unsere Ausstellung im Lustschloss in Ostrov eröffnen zu dürfen. Dort werden unter anderem unsere textilen Arbeiten in vollem Umfang zu sehen sein. Kommt gern vorbei, wir freuen uns auf jeden von Euch!

 

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32 TAGE PERU - Das Videoprojekt

Luise

Zum Sonntag ein kleines Filmchen...
Der Trailer zum Videoprojekt!

Zurücklehnen - Anschauen - Sich auf mehr freuen!

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12.09. - Kein Durchkommen...

Luise

Nach einer unverhofften Pause geht es nun endlich weiter! Im Hintergrund ist still und heimlich viel passiert! (Ver)folgt uns gern auf den Social-Media-Kanälen:

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Abreisetag... bereits 0:28 Uhr fängt der Himmel an zu weinen und lässt mich wieder nicht schlafen.

 

Betrübt sitzen wir am Frühstückstisch. Wir wollen noch nicht fort. Umso unwirklicher scheint es, als José uns erklärt, dass der Fluss durch den vielen Regen angeschwollen ist. Lucio meldet sich nicht. José ist sichtlich nervös. Normalerweise ist Lucio schon immer 6:30 Uhr da. Wir bekommen die Anweisung unsere Sachen zu packen und in Gummistiefeln und Badesachen auf der Veranda der Lodge bereit zu stehen. Auf durchnässten Sesseln warten wir auf das Boot. Clewer läuft los und kommt wieder zurück... mit einer tollen Nachricht: Der Fluss, durch den wir gestern noch gewatet sind, geht ihm jetzt bis zur Brust. Zum Glück schleppe ich seit zehntausend Kilometern diesen wasserfesten Beutel mit mir herum. Ich verstaue Kamera und alle anderen Gadgets liebevoll darin und fühle mich damit einigermaßen sicher. Der Rucksack ist einfach viel zu schwer, um ihn auf Händen durch die Fluten zu tragen. - Respektive wird alles andere nass werden. Die Anspannung ist spürbar. Für diese Jahreszeit ist so viel Regen äußerst ungewöhnlich. Dann ein Geräusch... ein Motorengeräusch... wir hören das Boot durch unsere wachsamen Ohren. Das Wasser steht so hoch, dass wir direkt am Ufer abgeholt werden können. Also dürfen wir wieder Top und Hose anziehen... Swantje und ich werfen gleich noch das Regencape über unsere bepackten Körper. - Riesenmarshmallow eins und zwei sorgen ab da schonmal für bessere Stimmung.

Das Boot ist schnell bestiegen und legt auch zügig ab. Erst als wir schon zehn Meter vom Ufer entfernt sind, bemerken wir wie Clewer noch im Fluss steht und uns zuwinkt. Wir winken zurück und das erste kleine Stück bricht von unseren Herzen ab. Am Hafen des kleinen Dorfes verabschieden sich alle Tränenreich von Lucio... mir ist das zu emotional. Am liebsten würde ich mir den Dschungelglitzerzauber von der Schulter klopfen. Wie ein trotziges Kind, dass das Spielzeug eh doof findet, weil Mama es nicht kaufen will, trotte ich zum Bus. Walter läd unsere Sachen ein. Die Fahrt aus dem Nationalpark hinaus ersetzt erneut den Chiropraktiker . Im Radio läut Paint it Black. So trüb wie das Wetter ist auch die Stimmung im Bus. Wehklagen werden angestimmt. Ich sage nichts... eh alles doof.

 

Vom warmen Regenwald geht es wieder aufwärts und die Wolken verdichten sich zu Nebel. Die Landschaft wird merklich karger.

Einen Zwischenstopp hat José noch für uns: Ninamarca liegt auf 3000 Meter Höhe. Es ist scheiße kalt, aber wir lassen uns die Grabtürme nicht entgehen. Eine atemberaubende Aussicht müssen die Mumien damals gehabt haben. Wir zumindest verbringen eine ganze Weile damit, ein Gruppenfoto vor dieser unglaublichen Landschaft zu machen, bis uns das fröstelnde und vehemente "Chicas?!" wieder ins Auto steigen lässt.

Einige Kilometer vor Cusco werden wir von der Polizei angehalten. Ein griesgrämiger Beamter leuchtet mit blinkender Taschenlampe durch das Fenster in unsere Gesichter. Ohnehin schon schlecht gelaunt, geben manche von uns eher... unangebrachte Kommentare von sich... Wenn auch ihn auf deutsch beleidigt, sehe ich uns schon mit dem Gewehr im Nacken auf dem staubigen Boden knien. Schließlich erkennt auch ein peruanischer Polizist den Unterschied von zwischen gutem und bösem Wort. Aber alles geht gut.

 

José gibt uns bei Liz wieder ab, die im Reisebüro extra auf uns gewartet hat. Der Abschied vom Guide ist kurz und pragmatisch. Wir sind halt auch nur eine der vielen Reisegruppen und jetzt macht er schnell zu seiner Familie, denn morgen geht schon die nächste Tour los.

 

Umso herzlicher ist aber das Wiedersehen mit Liz. Wir schießen noch ein Erinnerungsfoto, dann trägt uns einer ihrer Helfer, der angeblich so stark ist wie ein Inka, unsere restlichen Beutel auf den Plaza de Armas und ruft uns zwei Taxis. Die Adressfindung gestaltet sich mal wieder als „complicado“. Erst als wir die Vermieterin anrufen und sie zur Tür kommt, stellen wir fest, dass wir die schon die ganze Zeit davor standen. Uns erwartet eine dekorierte Wohnung. - Mit allerlei bunten Kissen und Decken. Wir wollen sofort wissen, wo sie die her hat.

„Samstag gibt’s die direkt auf der Straße zu kaufen.

Wie sind enttäuscht, denn Samstag sind wir schon wieder nicht mehr in Cusco.

Nach einer kleinen Führung und kurzem Smalltalk verlässt die adrette Peruanerin die Wohnung. Wir wollen auch sofort aufbrechen. Der Hunger plagt uns.

 

Wir laufen los. Fabi mit ihrer App sucht nach einer Pizzeria. Dem leeren Magen geschuldet, besteht unsere Konversation aus schnippischen Bemerkungen und ungeduldigem Gestöhne.

„Ach scheiß, drauf: Wollen wir nicht einfach ein Taxi nehmen und uns bis zur nächsten Pizzeria fahren lassen?!“

Leidende Zustimmung.

Wir halten das nächste Taxi an. Magda fackelt nicht lange. Der Taxifahrer bekommt fünf Sol, wenn er uns zur nächsten Pizzeria fährt. Das ist viel zu viel, aber egal. Das Auto entspricht dem Volumen eines Wäschetrockners. Umso verstörter ist der Fahrer, als wie selbstverständlich und in übermäßiger Geschwindigkeit Fabi auf Swantjes Schoß Platz nimmt und Heda nach rutscht. Auch ich steige ein und will die Tür mit Schmackes zu schmeißen.

WAMM!... Die Autotür prallt an meinem Oberschenkel ab und fliegt wieder auf.

„Aufrutschen!“, brülle ich, als ginge es um Leben oder Tod.

Mit aller Kraft, gelingt es mit die Tür zu schließen und Magda macht noch ein paar Scherze. Verrückte Hühner und so... aber der Fahrer in einem Polohemd und weißem Kragen ist zu höflich um darauf einzugehen.

Wir fahren genau eine Straße weiter, dann dürfen wir wieder aussteigen. Jetzt muss selbst der Fahrer lachen. Ich öffne die Tür und wie einen Schnipsgummi wirft es meinen Hintern aus dem Wagen. Mit den Füßen im Auto und der Hand am Türgriff schaffe ich es noch mich festzuhalten.

 

In der Pizzeria bringen wir die Bedienung ebenfalls zum lächeln, als jeder von uns eine riesige Pizza bestellt. Keiner schafft kaum ein Viertel. Im Hintergrund läuft der Fernseher, berichtet über Anschläge, Tod und Terror. Eine kleine Familie sitzt in der anderen Ecke des Restaurants. Ich kann das Gefühl nicht einordnen, was mich da durchströmt. Der Wunsch wieder zurück zu gehen... mit dem grünen Dickicht zu verschmelzen und auf alles zu pfeifen, steckt mir genauso im Hals, wie der viel zu süße Pizzaboden. Zivilisation ist schon etwas Merkwürdiges.

 

Bleibt gespannt. Wir sind es auch.

Herzlichst

Luise

 

 

 

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11.09. - Floßfahrt mit Hindernissen... II

Luise


„Ein Krokodil! Ein Krokodil!“, schreit Madga.

 

Ich höre ein Platschen oder vielleicht bilde ich mir das auch nur ein... Unser Boot kommt immer noch keinen Millimeter voran. José ruft etwas, ich kann es nicht verstehen. Magda ist völlig aus dem Häuschen, duckt und streckt sich um etwas sehen zu können. Die Passagiere der Rückwärts-Ist-Schneller haben inzwischen ihr Schicksal angenommen… wir drei sitzen wieder – betont entspannt, um den armen Clever nicht noch mehr unter Druck zu setzen. Ich filme in der Gegend herum, während auf dem anderen Kahn eifrig Party gemacht wird. Dann endlich schaffen wie es aus den Pflanzen heraus wieder in freie Gewässer. Wir holen die Anderen ein. José deutet in das Gestrüpp. Ich verstehe immer nur: „Meerschwein! Meerschwein!“ Nach ein paar Minuten ist die Aufregung vorbei und aus dem Kauderwelsch werden vernünftige Sätze. Was da durch das dunkle Nass gekrochen ist, entspricht nicht ganz der Definition eines Reptils. Was ist ein Wasserschwein gewesen, das mit unserem Haustier, dem Meerschweinchen, verwandt ist. Die Fahrt setzt sich also fort, mit Magda, die überzeugt ist, ein Krokodil gesehen zu haben und Lucio, der mit gekonnter Bewegung nun auch unser Boot in die richtige Richtung zieht.

 

 

Ich könnte an dieser Stelle wieder beschreiben, wie schön und atemberaubend dieser Ort auf mich gewirkt hat, aber das erspare ich euch. Obwohl: Und wenn ich es tausend Mal schreiben würde, es würde dem Dschungel immer noch nicht gerecht werden.

 

 

Auf den letzten Metern wedelt Clever mit dem Stab.

 

„Willst du es mal versuchen?“, fragt er mich und hält mir den Leuchtstab der Führerschaft entgegen. Ich mache große Augen… und tippe Heda an.

 

„Heda, Clever fragt, ob du mal steuern willst.“

 

 

Ein strahlendes Gesicht lächelt mir entgegen. Nach einem schnellen wackeligen Positionswechsel hat Heda das Ruder. Sie nimmt den Holzstab in die Hände und setzt zur ersten Bewegung an… Mit der Kraft der Urmutter steuert die Turbanamazone uns durch das Wasser. Eleganz und Energie bilden einen metaphorischen Bogen. - Heda erfährt die Verkörperung des weiblichen Sinnbilds. Als Leitfigur und tragendes Teil des Universums… dann... bleibt der Stock stecken… und ich muss lachen…

 

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11.09. - Floßfahrt mit Hindernissen...

Luise

 

Völlig durchnässt und übel nach zwanzig Jahre altem Schaumstoff riechend, kehren wir zur Lodge zurück. Heda ist schon da und noch völlig verzaubert von ihrem Dschungeldickichtausflug. Nach einem üppigen Mittagessen und einer kalten Dusche (an den mannshohen Spiegel in der Duschkabine werde ich mich wohl nie gewöhnen können...) geht es weiter. Am Ufer steht wieder das längliche blaue Boot. Lucio, der kleine, dürre Mann mit dem breiten Backsteingrinsen, redet mich mit vielen Worten voll und kichert, weil er weiß, dass ich kein Spanisch spreche.

 

Wir überqueren den Rio Madre de dios und landen an einem Steinstrand. Wir sollen etwas schneller gehen, da die Sonne schon wieder am untergehen ist. In dem riesigen, dumpf beigefarbenen Bambuswald fühlt man sich, als stehe man in einer Zahnstocherschachtel. Der Lärm der Tierwelt erinnert an ein Büchsentrommelkonzert aus meiner Kindheit.

 

Auf den Pfaden der Mikadostadt begegnet mir ein äußerst merkwürdiges Insekt: Leuchtend blau gestreift, verwinkelt wie ein Schaukelpferd fliegt es an mir vorbei. Es ist mir nicht möglich das Tier mit der Kamera festzuhalten. Ich eile zu Clever und berichte aufgeregt von meiner Beobachtung.

 

"Was war das für ein Tier?!", beende ich meine lange Ausführung. Clever, überfordert von meiner Wortgewalt, schaut mich kurz an und spult dann einen seiner Regenwald-Biotop-Standartsätze ab. Jetzt ärgere ich mich, dass ich kein Spanisch spreche. Ich werde wohl nie erfahren, wie das Alice-im-Wunderland-Wesen heißt.

 



 

Wir erreichen lichtere Gefilde, gehen über eine schmale Brücke und erreichen einen befestigten Weg übersät mit farbigen Blütenblättern... und um dem Kitsch noch das Krönchen aufzusetzen, liegt unweit entfernt ein kleiner See mit Anlegestelle. Und wiedermal sitzt ein einzelner Mann auf einem Plastikstuhl in Mitten der vermeintlichen Pampa und verkauft uns Boottickets. Das Wasser wirkt idyllisch. Wie ein schwarzer Spiegel reflektiert es Berge aus Blättern und Bäumen. Schmetterlinge und Aras fliegen über uns hinweg. Dann ertönt ein Fauchen. Unsere Blicke wandern zum anderen Ufer. Auf langen, horizontal drapierten Holzstäben sitzt ein einziger Vogel. Wieder faucht dieser schwerfällig. José steckt die Tickets ein und erzählt freudig im Oberlehrerton etwas über dieses Ungetüm. Mit braunbunter Federpracht und leicht untersetztem Körperbau, wirkt dieser Hoatzin irgendwie urig. Bald gesellen sich noch weitere Artgenossen dazu und beschweren sich gegenseitig über die Anwesenheit des anderen.

 

José, Swantje und Magda besteigen den ersten Kahn und werden von Lucio über das Wasser geschippert. Mit kraftvollen Bewegungen stößt der erfahrene Bootsführer einen langen Stab in das Wasser und drückt so das Floß nach vorn. Der Rest setzt sich auf die Bänke des zweiten Gefährts. - Darf ich vorstellen: Das Gewinnerteam in Sachen Masse-Kraft Verhältnis. Auf der Balastseite: Die beiden Hünen Heda und Fabi (Spezialkraft: Beide höher als der Wasserspiegel) und Luise (Spezialkraft: Barocker Arsch kann als Wasserboje dienen.). Auf der Antriebsseite: Clever (Superkraft: Macht das heute zum ersten Mal... ist also noch guter Dinge.) Ich kann mir ein kichern nicht verkneifen, als der Spargeltarzan uns vom Ufer weg schiebt. Wir fahren direkt an den Hoatzins vorbei. Die Tiere sehen wie Drachenvögel aus. In einem Baum am Wasser ist das Fauchen und Grunzen besonders laut und zwischen den Ästen lassen sich drei kleine staubgraue Federpüschel erkennen. Das erwartete "Or, ist das süüüüß!" bleibt diesmal aus. Ich habe noch nie ein Tier und und seine Jungen gesehen, die weiter vom Begriff "niedlich" entfernt waren. Mit seinen stechenden, blau umrandeten Augen starrt uns das Muttertier an.

 

Wir schippern weiter zwischen den Sumpfpflanzen hindurch. Lucio schaut immer wieder nach uns. Ich filme die Silhouetten der Vogelnester entgegen die untergehende Sonne, als mir das Schilf zart um die Beine streicht. Immer mehr driftet unser Kahn zwischen die Fauna. Clever versucht gegenzusteuern, aber einen Rückwärtsgang gibt es nicht. Die erste Gruppe ist schon einige Meter weiter. Da ruft José: "Look! Look!" Magda und Swantje stehen auf, balancieren sich aus und schauen angespannt zwischen den Wasserpflanzen nach der Ungewöhnlichkeit. Genauso angespannt rudert Clever vergebens mit dem Stab im Wasser. Auch ich stehe auf, um etwas sehen zu können, aber vergebens.

 

"Ein Krokodil! Ein Krokodil!", schreit Magda.

 



 

Fortsetzung folgt....

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11.09. - Schlüpferleinen...

Luise

 

Mit lautem Donnergrollen und Regentrommeln weckt uns der Regenwald mitten in der Nacht. Ein Schnarchen höre ich noch, der Lärm kann also nicht so gewaltig sein. Aber die frühmorgendliche Vogelbesichtigung an den Hängen des rio de madre dios fällt aus.

 

Nach Eierkuchen mit Caramel zum Frühstück geht’s zum Ziplining. (Meine Abneigung gegen Süßes beginnt und soll auch in Zukunft ungewohnte Ausmaße annehmen.) Nur Heda macht sich zu einer Tour durch das Dschungeldickicht abseits der Wege auf. Mit Clever und Machete bewaffnet erobert sie sich entgegengesetzt unserer Route die unentdeckten Pfade. Swantje, Fabi, Magda und ich werden zu einer Hütte etwas entfernt der Lodges geführt. Vier Rucksäcke stehen davor, zwei Männer dahinter. Der eine klein mit breitem Grinsen. Der andere klein... mit Hut und Surferboyerscheinung.

 

Es ist unerträglich warm. Die Mischung aus Schweiß, Sonnencreme und Mückenspray läuft mir über die Lippe in den Mund und verleiht dem stolpernden Gang noch einen bitteren Beigeschmack Der kleine Peruaner Nummer eins (seinen Namen habe einfach nicht verstehen können) führt uns in die Wildnis. Die Pfade gehen über ausgespülte Wurzeltreppen steil bergauf. Die Griffe der Doppelseilrolle stechen mir durch den Rucksack in den Rücken. Unser Anführer spricht über jeden Baum, über jedes Blatt... also das vermute ich. Sein Englisch wird durch genuschelte Schüchternheit nicht gerade verständlicher. Irgendwann schalte ich ab und konzentriere mich nur darauf nicht zu schmelzen. Angekommen an der Ziplining Station machen wir erstmal eine kurze Verschnaufpause. (Erst während der Nacharbeit fiel mir auf, dass es ja ZIPlining und nicht SLIPlining heißt... Luise und ihr Schlüpferfetisch wieder...) Wir packen die Rucksäcke aus und setzen die stinkenden und viel zu engen Helme auf. Zuletzt folgen die Handschuhe und ich schwöre, für einen Moment wäre ich die 10 000 Kilometer innerhalb von zwei Sekunden wieder nach Hause gesprintet. Die Fusselvariante mit Überstülpfunktion liegt grau und sterbend in meinen zu bedeckenden Händen. Ein Geruch von moderndem Plastiktextil weht mir entgegen. Textilien Perus...ich seh´ schon... Dafür hat sich die Reise gelohnt... und für die Ekelblase die mir gerade an der Lippe wächst. Aber es hilft ja alles nichts. „Für die Horde!“, verkneife ich mir zu rufen und fahre in die Handschuhe. Meinen inneren Konflikt nicht mitbekommen, hat der kleine Peruaner Nummer eins alles fertig erklärt. Die Mädels schauen skeptisch und nicht unbedingt fröhlich. Von dem hölzernen Gestell führt eine dünne Schnur über eine grüne Schlucht und endet außerhalb unseres Sichtfeldes. Ich bin begeistert. Wenn ich schon die Lebrahandschuhe trage, dann soll es sich auch lohnen. Ich will unbedingt als erste! Kleiner Peruaner Nummer zwei Kettet sich schon mal an die Doppelrolle. Mit nur einer Hand am Griff fährt er los... die coole, coole Sau! Nummer Eins erklärt noch irgendwas, aber keiner scheint es so wirklich zu verstehen. Er winkt uns zu sich heran. Jetzt geht’s los. Ich schaue in wenig überzeugte Gesichter.

 

„Soll ich als erstes?“, frage ich in lässigem Ton, als sei es das unwichtigste auf der Welt. Innerlich mache ich mich schon für die gnadenlose Verteidigung meiner selbsterdachten Vormachtsstellung bereit.

 

„Luise, mach ruhig.“

 

YESSSS, triumphiert es in meinem Kopf.

 

„Gut“, sage ich nüchtern und lasse mich von Nummer eins einkarabinern. Mit angehobenen Beinen sitze ich in den Seilen. Ich löse die Bremse und die Fahrt beginnt. Die großen Bäume lasse ich hinter mir und plötzlich schwebe über dem Urwald. Das zippen der Leine (*Vorsicht Wortwitz*) wird immer pfitschiger. Ich bremse ab und die Zeit vergeht wie in Zeit Lupe. Aufgescheuchte Vögel fliegen über mich hinweg. Unter mir die Lunge der Erde. Ich fühle mich wie Jack Sparrow, der auf halsbrecherische Weise gerade wieder einer brenzligen Situation entkommen ist. Nummer zwei winkt von der nächsten Plattform ungeduldig herüber. Ich lasse die Bremsen los und will bis zur nächsten Plattform rollen, aber der Schwung reicht nicht mehr. Zehn Meter vor dem kleinen Melkhocker, der einem als Landepunkt auf der genagelten Ebene dienen soll, komme ich zum stehen. Lässig drehe ich mich in 30m Höhe um hundertachtzig Grad und hangel mich weiter... ganz lässig... die ersten zwei Meter. Der letzten acht bedarf es einer Anstrengung, die mein weißes, ebenmäßiges Mondgesicht in das eines grobschlächtigen, von Verstopfung geplagten Wrestlers verwandeln. Bei Meter fünf geht es nur noch zentimeterweise voran. Auf Meter sieben kann ich mir ein stöhnendes Luftholen nicht mehr verkneifen. Das war der Hinweis, den uns Nummer eins zum Schluss gegeben hat: Fahrt durch, nicht anhalten... ach was... die Aussicht war es wert. Fabi, Magda und Swantje, einer nach dem anderen, fahren mit rasantem Tempo auf uns zu. Fabi braucht beim ankommen übrigens keinen Hocker. Jeder von ihnen strahlt.

 

„War doch lässig, oder?“, sag ich. Meine Oberarme zittern leicht. Es liegen noch zwei Bahnen vor uns.

 

 

Der Wald verdichtet sich wieder. Aufgrund unserer Höhe befinden wir uns über den Gebüschen und kleineren Pflanzen, die uns normalerweise vom Erdboden aus die Sicht in alle Richtungen verbieten. Der Anblick ist ehrfurchterregend: Die dicken Stämme der Bäume folgen einer nicht definierbaren Regelmäßigkeit. Jede Rinde ist anders gemasert oder mit einer anderen Pflanze verziert. Noch nie habe ich so viele Blattformen an einem Ort gesehen. Vielleicht war das auch einer dieser vielen Schlüsselmomente dieser Reise. Und ohne jetzt allzu theatralisch und altklug zu wirken, wurde mir doch in jenem Augenblick die Verantwortung, die ich gegenüber meiner Umwelt habe, mehr als deutlich bewusst. Der tief empfundene Wunsch, diese Geschenke um uns herum zu schützen und zu pflegen, war noch nie so stark. Und dieses Gefühl wird mich auch noch lange nach der Reise tragen und beschäftigen.

 

 

 

 

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10.09. - Urwaldzauber III

Luise

Neben all dem Wasserspaß freuen wir uns auch auf ein besonderes Highlight: Die Nachtwanderung klingt wie nichts anderes nach Abenteuer. Nach einer Kürbissuppe, dem Hauptgang bestehend aus Reis, Kartoffeln und Gemüse. (Ja, aufgepasst liebe Low-Carb Freunde. Hier wird Sättigungsbeilage mit Sättigungsbeilage kombiniert. SPOILER: Keiner erlitt einen plötzlichen Herzkasper oder entwickelte Typ 2 Diabetes. Einzig das deutsch-deutsche Denken lässt uns José von der Ungewöhnlichkeit berichten. Reis mit Kartoffeln... also wirklich.) Der Schokopudding besänftigt die verwirrten Gemüter sogleich und nach einer neuen Schicht Anti-Mückenspray (inzwischen ist die Abwehraura schon als leuchtende Umrahmung erkennbar), geht es in den Wald.

Die Taschenlampen im Anschlag leuchten wir umher. Überall hin nur nicht auf den Weg. Gummistiefel stoßen gegen Wurzeln. Wir bewegen uns tapsig über den Weg, aber der unglaubliche Geräuschpegel übertönt unsere Sturzversuche. Die Grillen machen mehr Krach, als das Gehörlosenorchester Untertegenau zu Testzwecken der Schalldämmung im Hallenbad. Und das wundert auch nicht: Grashüpfer, Grillen, Zikaden in allen Farben und Formen sitzen unter jedem Blatt. Mit feucht glänzenden Augen schauen sie mich an. Ich schau ins dichte Dunkel und fühle mich unangenehm beobachtet. José erzählt uns viel Interessantes über jeden Krabbelkäfer. Wir entdecken sogar einen Giftpfeilfrosch. Die Verwendung des Hautsekrets dieser bunten Amphibien erklärt sich aus der Namensgebung. An einer Weggabelung hält der Guide uns zurück, sucht sich einen Stock und stochert damit in einem kleinen Erdloch herum. "Tarantula", meint er bloß. Wir warten gespannt. Dann wackelt der Stab und José zieht vorsichtig. Eine handgroße, behaarte, schwarze Spinne kommt zum Vorschein. Verbissen in den vermeintlichen Eindringling wirkt sie im Taschenlampenlicht wie erstarrt.

José ist enttäuscht: "Nur ein Männchen. Die Weibchen sind größer." Wir entdecken eine Gottesanbeterin.

"Weiß jemand, warum das Weibchen das Männchen umbringt?", fragt José mit der das-kommt-morgen-alles-im-Test-dran-Miene. Wir schütteln die Köpfe. Die Antwort ist verblüffend und logisch zugleich: Ohne Kopf dauert die Kopulation statt zwei Stunden ganze zehn Stunden. Die Chance auf Nachwuchs wird also quasi verfünffacht. Es folgen anzügliche Witze aus der Frauenfraktion. Kurz bevor wir die Lodge erreichen, hält uns José wieder an. An einem Baumstamm direkt über dem Boden sitzt ein riesiges Vieh. Die "Scorpionspider" wirkt wie eine dürre Krabbe, so lang wie mein Unterarm. "Die ist ungefährlich.", sagt der Guide. Wir treten nah heran und José zupft ihr an einem Hinterbein. Dann plötzlich schreit er auf. Wir schreien mit und befinden uns innerhalb einer halben Sekunde in zwei Metern Entfernung. Taschenlampen leuchten panisch umher. Dann hören wir ein Lachen. Wie ein kleiner Kobold Kichert José, der Blödmann!

Den Schreck noch in den Knochen, fällt es uns schwer Ruhe zu finden.

 

Wann war man eigentlich das letzte mal mit einer solch neugierigen Aufmerksamkeit in den einheimischen Wäldern unterwegs? Ich weiß es nicht mehr...

 

Fortsetzung folgt

 

 

Stotterspatz gibt Laut!... Morgen in Plauen

Luise

Statt eines langen Blogbeitrags gibt es heute den Hinweis auf ein besonderes Ereignis!

Ganz kurzfristig, bekommen wir die Möglichkeit ein, zwei Reiseberichte vortragen zu dürfen.

Ich schwitze jetzt schon Blut und Wasser und versuche mit innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden den vogtlandischen Dialekt abzutrainieren.

 

Anwesenheit ist Pflicht. Bringt altes Gemüse mit! :P

 

 

Ort: Galerie Forum K, Bahnhofstraße 39 - Plauen, Vogtland

Zeit: 19.30 Uhr

Eintritt: frei

 

Weitere Informationen:

https://www.facebook.com/events/1741376369505652/?active_tab=about

10.09. - Urwaldzauber II

Luise

Wieder im Boot haben die beiden Männer keine ruhige Minute. Die Frauen quasseln in einer Tour. Und nicht mal die rauschenden Wellen schaffen es nicht, das Gegacker zu übertönen. Clewer lacht bei jedem Witz treu mit. Unmengen an Vögeln begegnen uns an den Ufern. Cesar meint, die Fahrt neigt sich langsam dem Ende zu. Wir stöhnen enttäuscht auf. Der Fluss wird schmaler und wir treiben auf den Hafen zu. Der Bootsmann fragt uns, ob wir nochmal schwimmen wollen. Unsere Augen glänzen und wir lassen uns vom Schlauchboot direkt ins Wasser fallen. Die Rettungswesten geben uns die Möglichkeit im Dschungelfluss zu treiben und die Landschaft zu genießen. Ein merkwürdiges Gefühl. Man fühlt sich so winzig und unbedeutend. - Gleichzeitig verspürt man aber unglaubliche Freude, Teil dieser Welt zu sein. Ich warte jeden Moment darauf, dass die Scheinwerfer ausgehen, die Bäume mechanisch im Erdboden verschwinden und eine Computerstimme sagt: „Simulation beendet. Vielen Dank, dass sie sich für Parque de Manu entschieden haben.“

Ich drehe mich wie eine luftgefüllte Tonne auf der Wasseroberfläche.

„Leute, wir sind im Scheiß Regenwalds... Leute!“, sage ich zum hundertsten Mal.

Wir dümpeln so vor dem Boot, testen die Felswandakustik indem wir Arien schmettern und den lauten Vögeln Konkurrenz machen. Dann müssen wir wieder ins Boot. Aus einiger Entfernung sehe ich dabei zu, wie Swantje, Magda und Fabi vom Azubi an den Rettungswesten in das Schlauchboot gezogen werden. Mit all seinen Kräften hievt er die Mädels über die Bootwand. Ihre Gesichter liegen beinahe in seinem Schoß... Ich will nicht... Ich will ganz und gar nicht. Meine Paddelbewegungen werden dezent panisch, aber das Boot holt mich schon ein.

 

„Luise, entspann dich. Lass es einfach passieren.“, höre ich Magda sagen. Ich bete inständig, dass ich beim Herausheben meine Badehose anbehalte. Mit beiden Händen kralle ich mich an der Reling der Titanic fest. Der dünne Faden gibt mir wenig Sicherheit. Ich schließe die Augen. Dann kommt der Rupfer. Ich halte die Luft aus unerfindlichen Gründen an und warte darauf, dass sich mein Körperschwerpunkt ins Boot verlagert. Der Wal ist binnen weniger Sekunden gefangen. Ich beginne wieder zu atmen.

Jetzt fehlt noch Heda. Die weigert sich aber vehement.

„Ich kann auch so bleiben.“, sagt sie und klemmt einen Fuß und einen Arm am Schlauchboot fest. So geht es zurück in den Hafen. José wartet schon auf uns. Von einem überdachten Ausguck beäugt er uns wachsam.

 

Wir tauschen das Schlauchboot gegen ein langes, blaues Motorboot und überqueren den Fluss. Mitsamt Gepäck schippern wir durch das trübe Nass und kommen an einer verschlammten Anlegestelle an. Meine erste Amtshandlung bevor wir uns auf den kurzen Marsch zur nächsten Lodge begeben: Schuhwechsel. Als ich die giftgrünen Schaumstofflappen gegen tatsächlich echte Schuhe ausgetauscht habe, meint José. „Zieh lieber die Badeschuhe an, wir müssen noch durch einen angrenzenden Flusslauf gehen.“ - Die Schmach nimmt einfach kein Ende!

 

Auch als wir uns auf den Weg machen, verkleidet als voll beladene Gepäckstückmonster, muss ich trotzdem filmen. Das Wasser des Flusses ist nicht tief. Bis zum Knöchel umspült es meine Beine. Mein kleiner Rucksack versperrt mir die Sicht auf meine Füße. Am anderen Ufer flattert eine Schar Schmetterlinge. Wie die Verrückten stürmen alle darauf zu. Ich stoße mir schmerzhaft den Zeh an einem Stein und versuche mein Gleichgewicht auf einem Bein zu halten.

„Oh, ist das schön!“, sagt Magda. - Ich schwanke leicht nach vorn.

„Och, sind die süß!“, sagt Fabi . - Ich schwanke wieder zurück, die Kamera in die Höhe gestreckt.

„Seht euch die Farben an!“, sagt Heda. - Jetzt darf ich mich entscheiden, welcher Rucksack nass wird. Ich wähle den Rucksack auf meinem Rücken und stellte meinen pochenden Fuß sachte ab. „Baum fällt!“, will ich rufen, aber plötzlich haben ich wieder festen Stand... Ich hab´s halt doch drauf! Wen interessieren schon Schmetterlinge. - ich habe in den Urwald mit FlipFlops bezwungen und bin nicht draufgegangen!

 

Nachdem wir in der Lodge ausgepackt haben und uns José mit einem eindringlichen „Follow the rules!“ wiedermal zur Ordnung ruft, führt uns Clewer durch den angrenzenden Wald. Auf einer Lichtung stehen wieder kleine Häuser auf hölzernen Balken. Die sind noch nicht fertig, meint Clever, sollen aber später auch mal Gäste beherbergen. Überall stehen einzelne Bäume - Orangenbäume, Affenbrotbäume. Durch die schmal verteilten Beete, die mein Auge gar nicht als solche wahrnimmt, humpelt ein kleiner, huzeliger halbblinder Mann. Er unterbricht Clevers botanische Ausführungen immer wieder und hält uns immer wieder verschiedene Pflanzen unter die Nase. Liebstöckel, Knoblauch und Zuckerrohr... alles scheint er hier im Garten zu haben. Philippe ist ein Schamane und wohnt seit der Gründung, sprich seit 18 Jahren, hier und kümmert sich um den Garten. Das Grundstück gehört einem amerikanischen Professor, der einmal im Jahr mit seinen Studenten hier vorbeikommt. Magda fragt, warum er hier alleine lebt.

„Weil er das so will.“, bekommen wir nur als Antwort.

 

Auf dem Rückweg entdecken wir einen riesigen Schmetterling. Der Bananenfalter setzt sich auf Hedas Turban nieder. Das Blitzlichtgewitter beginnt. Der Schmetterling hebt ab und wir erstarren alle. Wieder lässt sich das grazile Geschöpf nieder. - Diesmal auf Swantjes Schulter. Blitzlichtgewitter. Dann hält die Welt wieder still. Immer wieder. Die Dekadenz des Touristentums ist mir nie so deutlich erschienen...

 

 

 

Der Tag scheint endlos... und er ist auch noch nicht vorbei...

 

Fortsetzung folgt...

 

 

 

 

 

 

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10.09. - Urwaldzauber

Luise

 

Der Tag beginnt in drei Schichten: Sonnencreme, Mückenschutz und Fenistil. Zum Frühstück gibt es Ei. Durch das von Gaze umschlossene Fenster können wir Kolibris beobachten. (Das „Oh, ist das schön!“ erscheint in diesem Moment noch angemessen. Nach drei Tagen mit vier Frauen im Urwald, zuckt mein rechtes Auge ganz unauffällig, wenn jemand zu diesem Satz ansetzt...) Das erste Gesprächsthema am Frühstückstisch ist diesmal ausnahmsweise nicht die Verdauung, sondern die Mücken. José erzählt uns, dass bei ihm Stiche nur ein paar Stunden anhalten. Es ist eine Sache der Gewöhnung und der Herkunft. Die Ureinwohner beispielsweise werden die ganze Zeit zerstochen, besitzen aber mehr natürliches Antihistamin und drehen deshalb nicht so schnell durch, wie wir Weicheier. Kaum fällt das Wort auf die Ureinwohner, sind wir gespannt und wollen mehr erfahren. Nur einige wenige Kilometer entfernt befindet sich ein Stamm. Vor knapp drei Jahren gab es mal Kontakt zu ihnen. Es gibt sogar ein Video, welches er uns später zeigt. Die meisten Natives sind Jäger und Fischer, da der Wald nicht viele essbaren Pflanzen bietet. Stämme, die den Kontakt suchen, müssen sich an bestimmte Regeln halten. Oft geben die Einwohner ihre eigene Kultur auf und werden abhängig von Spenden aus der „Zivilisation“ - wie José immer gern in Anführungszeichen betont. An seiner Miene erkennt man, wie ihm das missfällt. Von Menschen, die alles hatten, werden sie zu Menschen die nichts mehr haben.

 

 

 

Als Aufwärmübung laufen wir eine Stunde des Weges.(Wieder wird jedes Ameisenhäufchen von allen Seiten dokumentiert. Ich bin mir sicher: Anhand unserer tausend Bilder können wir später ein exaktes 3D-Model des Regenwalds erstellen.) Dann werden wir zum Rafting gefahren. Wir halten unterwegs in Patria. Wieder will José Brot kaufen. Diesmal dürfen wir uns sogar die Bäckerei anschauen. Ich bin überrascht. Bei diesen süßen Burgerbrötchen, die es hier nur zu kaufen gibt, habe ich immer eine sterile Fließband Abfertigung erwartet... irgendwie amerikanisch. Aber in der kleinen Hütte im Hinterhof erwartet uns ein riesiger Steinofen. Über der Lehm verputzten Kuppel hängen die Balken voller Asche. Der Bäcker nimmt die Bestellung entgegen und schöpft die kleinen Brote aus einem hölzernen Basin.

 

Auch Bananen will José kaufen, als er aber mit leeren Händen wieder einsteigt, stellt der Fahrer nur grunzend fest: „Ist ja Sonntag. Da gibt’s wohl nix.“

 

Teils fahren wir durch wilden Dschungel, teils durch kleine Dörfer. Überall liegen Cocablätter auf blauen Plastikplanen zum trocknen aus. Erst in der nächsten Kleinstadt finden wir Kochbananen und Yuka. Am Straßenrand finden die Männer sogar die Annatto-Pflanze, die die Frau zum Färben von Orangetönen benutzt. José fackelt nicht lang und bricht eine handvoll der stacheligen Früchte ab. „Damit könnt ihr dann euer Gesicht bemalen.“, lacht er.

 

In einem kleinen Ort hält schließlich der Bus und fährt rückwärts in einen Hof. Auf dem Tor sitzt ein roter Papagei und beäugt uns wachsam. José erklärt, dass wir ab hier zu Fuß zum Rafting müssen. Wir sollen uns umziehen, Badekleidung, Sandalen und Clewer soll uns bemalen. Wir lachen über den Scherz, aber José meint es ernst. „Das hilft gegen die Mücken.“ Jaja, verarschen kann ich mich selber. Aber nachdem sich Heda bereitwillig das Gesicht verzieren lässt, denke ich mir auch, sollen die anderen doch auch ihren Spaß haben. Wir sind fast fertig, da deutet José auf meine Turnschuhe. „Du brauchst andere Schuhe, es wird sehr nass. In dem Laden da vorn gibt es FlipFlops.“ Was der gute Mann nicht weis; nach öffentlichen Treppengeländern und Pausenhofmobbern gibt es nur eins, was ich verabscheue: Diese Moosgummifußzehenspalter... Zwei Minuten später bin ich also stolzer Besitzer der untersten Schuhwerkkaste. Caesar, unser Raftingbootsführer verteilt Schwimmwesten und Paddel. Zumindest hat Heda auch Clewer geschminkt. Wir sehen also alle gleich bescheuert aus, als wir im Gänsemarsch, mit Kriegsbemalung, im Bikini , mit Paddel unterm Arm und rotem Wasserharnisch los watscheln. Die Dorfbewohner schauen uns belustigt hinterher. „Wir sind die Ritter der Schwafelrunde!“, rufe ich noch, werde aber sofort bestraft, indem ich über meinen rechten FlipFlop stolper und mir mit dem Paddel selber eine verpasse. Heda grunzt schadenfroh. Clever weiß nicht, ob er lachen oder mir helfen soll.

 

Am Wasser angekommen, wird das Schlauchboot aufgepumpt. Ceasar macht uns die rudimentären Paddelbewegungen vor und nennt uns die dazugehörigen Signale. Wir tragen das Boot ans Wasser. Ceasar überblickt die Gruppe und Verteilt seine Paddler. Er fragt mich, ob es ok ist, wenn ich vorne sitze. Zu jeder Schandtat bereit, nicke ich. Erst später verstehe ich, warum das so ein Sonderplatz ist... Das Boot ist schnell bestiegen. Vom seichten Wasser geht es in die ersten Stromsschnellen. Wir brechen eine Welle und die erste Reihe wird eiskalt voll geschwappt. „Ladies, forward!“, ruft Ceasar und wir paddeln los. Die meiste Zeit rudere ich pflichtbewusst in der Luft. Die Angst hinein zu fallen schwindet nach und nach und wir legen uns ins Zeug. „Stoooop, Ladies!“ Im ruhigen Wasser angekommen, heben wir die Paddel in die Lüfte und stimmen Siegesgeheul an. Nach der Biegung liegt ein kleiner, grauer Steinstrand. Wir lassen uns ans Ufer treiben, legen die Rettungswesten ab und dürfen endlich schwimmen. Mit unseren orange verwaschenen Gesichtern schauen wir uns um. Die Strömung nimmt uns leicht mit und mit strampelnden Bewegungen halten wir dagegen. Ruhe und Bewegung treffen sich an diesem Ort. Die Felsen, gegen die das Wasser laut schlägt, bilden einen Verlauf von Grünspan über ein kühles Pupur bis einem tiefen Indigo. Die Bäume, ewig hoch, mit gewaschenen Wurzeln und singenden Vögeln in den Kronen, geben uns das Gefühl im Einklang zu sein.

 

„Das ist Leben.“, sagt Magda, „Wenn ich es in einem Bild beschreiben müsste, dann so...“ Dann lächelt sie und der Reihe rum erstrahlen auch unsere Gesichter vor Glück....

 

 

 

 

 

 

 

Fortsetzung folgt...

 

 

 

09.09. - Zwischen Zikaden und Bananenblättern... Unser erster Tag im Dschungel

Luise

Sieben Uhr steht der Bus vor unserer Haustür. Wir räumen noch schnell die Bude auf, dann sprinten wir zum Auto. Uns begrüßen Walter und José, die unserer Gepäck einladen. Es ist ein kleiner, weißer Bus mit elf Sitzplätzen. Wir sind erleichtert. Nach Machu Picchu hat keiner von uns Lust touristisch großportioniert abgefertigt zu werden. Nach kurzer Fahrt halten wir an und José, der Guide, nimmt unseren Nahrungsvorrat für die nächsten Tage entgegen. Dann müssen wir noch auf jemanden warten. Fabi verdreht die Augen: „Wir machen nur Platz für ´nen hübschen Peruaner.“ Und dann kommt er angejoggt... der „Guide in training“, wie José sagt. Der junge Mann steigt mit einem leicht gehetzten Lächeln ein und streicht sich die dunklen Haare aus dem Gesicht. Gut, denke ich mir. - Und ich will Peru auf einem fliegenden Alpaka bereisen... Ich warte kurz....aber mein Wunsch geht nicht in Erfüllung. Wir fahren also aus Cusco hinaus. An jedem zweiten Haus steht ein Schild: Cuyeria – Meerschweinchen, aber nicht die zum streicheln... Wir rümpfen alle die Nase.

In Oropesa halten wir erneut. Hier gibt es angeblich das beste Brot. Was uns Jose dann zum Kosten anbietet nennt sich Chuto und erinnert an ein riesiges Milchbrötchen. Das Hefebrot ist sehr süß... wie alles in Peru. Wir fragen nach dem Namen des Azubis. „Clewer.“ Sein Name sorgt für etwas Belustigung. „Weis nicht, ob er wirklich clever ist.“, meint José. Clewer lächelt nur süffisant.

In Paucartambo machen wir eine kurze Pause und besuchen dort ein Museum. Neben den typischen Kopfbedeckungen der Schamanen, Ch´ullu genannt und den bemalten Bekleidungen der Urwaldbewohner, gibt es eine ganze Ausstellung über die Fiesta de la Virgen de Carmen, welche immer am 16. Juli für drei Tage lang zelebriert wird. Clewer erklärt uns viel über die ausgestellten Kostüme und Masken. In schillernden Farben und mit glitzernden Applikationen erzählen die Verkleidungen über die Geschichte Perus. Ob über die Chucchu-Masken, mit ihrer gelben Farbe und Geschwülsten im Gesicht oder über die Spanier mit den dicken Bäuchen und der Alkoholflasche in der Hand... Die Kostüme vermitteln immer eine saftige Satire vergangener Ereignisse.

Gefüllt mit Wissen machen wir noch einen Abstecher zur Tankstelle, aber nicht um das Auto aufzufüllen. Jose steigt mit einer leeren Fantaflasche aus und füllt sie am Zapfhahn mit lila Flüssigkeit... für den Generator in der Lodge.

Der weitere Weg führt uns durch staubige Gefilde, alles ist grau. Der Staub zieht in den Bus und lässt uns husten. Die Wegstrecke wird steiniger. Durch das Gerüttel wird mein Hintern ganz taub. Am Eingang zum Parque Nacional del Manu legen wir die erste Rast ein. Anhand der dort aufgestellten Karte erklärt uns der Guide wo und wie lang wir uns an welchem Ort aufhalten. Das Tropengebiet des Manu Parks ist riesig. Während unserer vier-Tages-Reise erkunden wir nur einen winzigen Teil. José erzählt uns, dass zehntausende Tier- und Pflanzenarten schon hier gezählt wurden und es auch Forschungsstationen amerikanischer und deutscher Forscher gibt. Beim Mittagessen sorgt die Granadilla für kulinarische Neugier: Eine orangene Frucht mit harter Schale. José macht es uns vor. Wie ein gekochtes Ei haut er den leuchtenden Ball auf den Tisch. Im Inneren befinden sich Fruchtfleisch ummantelte Kerne. Sprich: Knackst du die Hülle, darfst du süßes Froschlaich auszutschen... wir sind begeistert.

Gegenüber der Einfahrt sitzt eine Frau am Webstuhl. Endlich können wir José klar machen, warum wir hier sind. Ambitioniert schreitet José also voran und will für uns übersetzten. In Quechua zeigt uns die Weberin die Teppiche hinter sich. Und wie auf´s Stichwort erklärt sie uns, mit welchen Pflanzen sie welche Farbtöne für die gesponnene Wolle erzeugen kann. Neben ihr liegen alle Zutaten, die sie uns nacheinander vorstellt. Mir kommt das wieder sehr drapiert vor... schließlich braucht sie zum Weben keine Färbemittel. Ich kann aber froh darüber sein, denn so kann ich sehr schöne Aufnahmen für den Dokumentarfilm machen. Vierzehn Stunden sitzt sie täglich am Webstuhl. Ihr schmerzen die Hände und der Nacken. Unsere Ehrfurcht ist groß. Jeder von uns saß schon einige Stunden an den großen Schaftwebstühlen, die im Vergleich zur südamerikanischen Webanlagen ein Luxus darstellen.

Im oberen Bereich der Anden ist der Dschungel durch den vielen Nebel überhaupt nicht sichtbar. Die Wolken kommen vom tiefgelegenen Regenwaldgebiet und stauen sich quasi an den Anden. Jede Kurve scheint im sichtbaren Nichts zu enden. Einige hundert Höhenmeter tiefer lichten sich die Reihen und der Urwald wird sichtbar. Irgendwann ruft Clewer, der schon die ganze Zeit konzentriert aus dem Fenster starrt: „Stopp! Stopp!“ Der Wackelbus hält an. Und da sehen wir ihn... den Cock-of-the-Rock. Als einer der tierischen Repräsentanten Perus, sitzt der leuchtend rote Felsenhahn gut versteckt im grünen Dickicht. „Man sieht ihn nicht oft. Wir haben Glück.“, meint José. (Interessanterweise sehen wir an diesem Tag bestimmt drei oder vier Exemplare dieser Schmuckvögel mit dem charakteristischem Federkamm über der Stirn. Unsere Reise ist vom Glück bekleidet.) Auch für Adler halten wir an. Magda mit ihrem Teleobjektiv hat natürlich die beste Sicht. Swantje mit ihrem Weitwinkelobjektiv fotografiert eher Suchbilder. Ich filme natürlich und warte darauf, dass sich der Vogel bewegt – am besten weg fliegt. Wir stehen eine Weile. Ein zweiter Bus kommt angefahren und hält ebenfalls an. Alle warten gespannt, dass der Adler sich erhebt. Der König der Lüfte muss sich fühlen, wie ich früher in der Sportstunde: Es reicht nicht anwesend zu sein, man muss auch noch Kunststücke vollführen.

 

Bevor wir die Lodge erreichen, steht uns noch eine einstündige Wanderung bevor. Die Kamera im Anschlag dokumentieren wir gefühlt jedes Blatt, jedes Insekt und den Vogel. Die Farnblätter die an dem Berghang wachsen, könnten mir locker als Hängematte dienen. Von Josés Ausführungen bekomme ich nicht viel mit. Wie immer hänge ich hinterher. Dafür kann ich mich aber mit Clewer unterhalten, der anscheinend als Schlusslichtaufpasser abkommandiert wurde. Für ihn ist es erst die zweite Tour als Guide. Kein Wunder also, dass José ihn so hart ran nimmt. Der alte Hase ist hier schon seit 18 Jahren jede Woche unterwegs.

Angekommen in der Lodge trauen wir unseren Augen kaum. Hölzerne Hütten auf meterhohen Pfosten geben uns das Gefühl direkt in einen Reisekatalog gesprungen zu sein. Wir haben ungefähr fünf Minuten Idylle. Dann wird der Warmwassergenerator angeworfen...

Es wird wieder sehr schnell dunkel hier. Die ersten Glühwürmchen schweben über die Terrasse. Unserer Zimmer bestehen aus zwei Betten und darüber gespannte Moskitonetze. Wir verstauen unser Gepäck und setzen uns auf die Veranda. Magda stickt. Da kommt Swantje vorbeigerannt, frisch geduscht und mit nichts außer einem Handtuch bekleidet. Sie strahlt: „Wer hätte gedacht, dat ick mal im Handtuch und Bübchen Himbeerspaß (Duschgel) durch den Dschungel renne.“

Um sieben gibt es Abendbrot. Quinoasuppe als Vorspeise, Nudeln mit Tofu und Maispudding. José erzählt, dass Quinoa total gesund sei, man es aber nicht jeden Tag essen solle. Und seitdem es in Europa als Superfood bekannt und der Export gestiegen ist, wird es auch in Peru für mehr Geld verkauft. Dann schwärmt José von diesem Maispudding. Wir wissen schon, was auf uns zu kommt und verziehen die Gesichter. Aus Anstand nehme ich zwei Löffel von der dunkellilanen Masse und bemühe mich nicht zu würgen. Wie eingedickter Glühwein liegt mir der Pudding des Todes auf der Zunge. Ich schlucke und spüle gleich mit Kamillentee nach. Nach vielen Scherzen beim gemeinsamen Essen und weiblichen Glucksen und Gekicher taut José endlich auf. Clewer lacht sowie so bei allem mit, egal ob wir Deutsch, Spanisch oder Englisch reden.

 

Die erste Nacht im Urwald ist berauschend. Die Insekten sind mindestens genauso laut, wie die Autos in Lima. Dazu mischt sich das monotone Flussrauschen. Die Nacht ist mild und unter dem Moskitonetz fühlt man sich sehr sicher. So richtig glauben wir es noch nicht: Wir sind im Dschungel.

07.09. - Privat Führung und akrobatische Männer... ein Glückstag in Cusco

Luise

Nach dem anstrengenden Ausflug nach Aguas Calientes und Machu Picchu genießen wir die Nacht mit dem Wissen, am nächsten Tag keinen Termin oder feste Abfahrtszeit wahrnehmen zu müssen. Trotzdem geht es aber halb neun los. Wir wollen in ein Museum über Heilkräuter und Schamanismus besuchen. Unterwegs halten wir an einem winzigen Obstladen-Café und füllen uns die Bäuche mit Fruchtsäften und Kaffee. Keiner bekommt die riesigen Pötte leer. Außer Heda: „Da kann die mal sehen, was tschechische Frauen an Kaffee vertragen.“ Bevor wir gehen, macht Heda der Bedienung noch klar, wie gut es ihr geschmeckt hat und schenkt ihr noch eine Kleinigkeit. (Na, wer macht denn da seinen Rucksack allmählich leer, damit da mehr Alpaka reinpasst?)

 

Wir machen uns weiter auf den weg, biegen um eine Ecke und stehen vor Apukuntur. Vor wenigen Tagen waren wir hier zur Firmenbesichtigung gewesen. Heda kribbelt es schon in den Fingern: Sie will klopfen und nach Wollresten fragen. Gerade bittet sie Magda, für sie zu übersetzen, als die Tür auf geht und die zwei Chefs heraustreten wollen. Erst verstehen sie nicht genau, was wir wollen, bitten uns freundlicher Weise aber trotzdem herein. Heda folgt der Aufforderung und kommt mit zwei Tüten bunter Fädenrester wieder heraus. Glücklich rennt sie voran.

Zur Fuß von unserer Unterkunft zum Museum ist es knapp eine Stunde. Wir laufen an großen Straßen entlang. Hunde fressen aus den Müllbeuteln, die die Anwohner über Nacht hinaus gestellt haben. Wenn auch nicht so stark wie in Lima, stinkt es hier doch wahrnehmbar nach Abgasen. Die Sonne hat die Straßen noch nicht aufgeheizt. Es fröstelt uns also noch ein wenig... bis die ersten Steigungen und Treppen uns schwitzen lassen. Wir befinden uns gerade auf einer Anhöhe, schlängeln uns an Passanten vorbei und schauen die Mauer hinab zwischen die Wohnhäuser, als wir einen kleinen Markt entdecken. Frauen sitzen auf dem Boden und verkaufen eine Handvoll ihrer Ernte. Von einer Verkäuferin mit einem größeren Obststand, werden wir mit Kostproben gelockt. Die Finger verklebt von Physalis und Chirimoya verlassen wir den Markt, nicht ohne etwas Obst für das Abendbrot mitgenommen zu haben. Es zieht uns weiter durch die Straßen und wir treffen auf verschiedenste Trachtenläden. Wir betreten einen und lassen uns die verschiedenen Verzierungen und Kleidungsstücke erklären. Heda ist ganz hingerissen von der Bekleidung der Urubamba-Frauen. Schlichter als die Cusco-Tracht, wirkt Heda in dieser Kluft schon beinahe bescheiden. :)

 

Endlich im historischen Stadtkern Cuscos angekommen, suchen wir uns dumm und dämlich nach diesem Museum. Erst auf Nachfrage erfahren wir, dass dieses ominöse Museum seit sieben Jahren nicht mehr existiert... so viel zum Thema aktuelle Reiseführer...

Heda und ich machen uns zu zweit auf den Weg zu einem anderen Museum, was ich unterwegs gesehen habe. In einem kleinen Hof entdecken wir einen Inka-Indidaner in voller Montur. Hedas Augen leuchten. Auf einem kleinen Schild ist zu lesen, dass er für „alte Kulturen“ sammelt. Heda erzählt mir, dass sie schon von einem Theaterverein gelesen hat, der sich um die Aufrechterhaltung der alten Bräuche kümmert. Beim Vorbeigehen fragt er Heda: „Möchtest du eine Inkaprinzessin sein?“ und deutet auf den Thron neben ihm und einige Kostüme, die man sich anziehen könnte. Heda schüttelt den Kopf: „Ich will lieber ein Bild von dir.“ Da baut sich der Inka-Mann in heroischer Pose auf und Heda knippst.

„Das ist echter Schauspieler. Der weiß wie man sich hinstellen muss, für gutes Foto.“

Wir werfen Geld in die goldene Vase.

„Kommt morgen vorbei, da mache ich ein richtiges Inka-Ritual.“

 

Das Museo Quechua stellt sich als winziges Museum heraus. Überfreundlich werden wir gefragt, ob wir unsere Rucksäcke abstellen wollen. Als ich dann mein Skizzenbuch herausziehe, ist der Mann ganz interessiert. Auch Heda zeigt ihm ihr Skizzenbuch. Beim Anblick der eingeklebten Pflänzchen führt er uns gleich zum ersten Tisch und zeigt uns, mit welchen Pflanzen man so färben kann. Wir schreiben eifrig mit. Mit einem Winken meint er noch: „Nehmt euch etwas für eure Skizzenbücher mit.“ Ich meine nur zu Heda: „Siehst du, es war doch für was gut, dass du deinen Rucksack auf Machu Picchu verloren hast. So ein Opfer stimmt den großen Inka Gott gnädig.“ Heda lacht, aber im laufe des Tages sollte ich noch recht behalten. :) Das Museum beherbergt auch eine riesige Gipsstatue. Eine Frau und ein Mann umschlungen von einem Schlangenkörper an dessen einem Ende ein Pumakopf uns entgegen faucht und am anderen Ende ein Lamakopf nach oben schaut. Der Angestellte erzählt uns einiges über Pachamama, der Mutter Welt, der allmächtigen Göttin, die auch heute noch in vielen Teilen Südamerikas verehrt wird. Ihr werden die Opfergaben zu teil, die man an einigen Ständen auf den Märkten kaufen kann. Heutzutage hat sich das auch schon mit dem Marienkult vermischt wie man ihn aus katholischen Ländern kennt. Wir sind beeindruckt und erreichen den … Museumsshop. Der ist größer als das eigentliche Museum. Und jetzt verstehen wir auch, warum an den Exponaten Preisschilder hängen. Im letzten Raum sitzt sogar eine Frau an einem der traditionellen Webvorrichtungen. Es wirkt etwas aufgesetzt, aber dennoch hole ich mir die Erlaubnis ein, sie beim Handwerk zu filmen. Die Alten auf den Märkten sind ja etwas Kamerascheu, wie wir schon feststellen durften...

 

Im museo inka treffen wir auch wieder die anderen. Foto und Video sind dort nicht erlaubt, also nehme ich das Skizzenbuch wieder mit. Die Ausstellung beinhaltet mehr Keramik als Textil, aber aus den Verzierungen und Bemalungen die ich abzeichne, lassen sich schon wieder viele Geschichten erzählen. Es gibt sogar Mumien und wieder schlägt mein Herz höher, als ich groteske Bündel Mensch durch die Glasscheibe betrachten darf... es gibt einfach so unterschiedliche Arten mit dem Tod umzugehen und ihn zu zelebrieren. Das Inka Museum schafft einen guten Überblick über die verschiedenen Stämme aus präkolonialistischer Zeit, kann aber nicht mit den großen Museen Limas mithalten.

 

Wir sind kaum durch alle Hallen gewandelt, da hören wir von draußen infernalische Musik und als wir die Straße zum plaza de armas hinabstürzen, erblicken wir einen Umzug. Hunderte Menschen stehen vor der Catedral Basílica de la Virgen de la Asunción. Mit Statuen und Bilder der heiligen Maria voran, präsentieren sich die verschiedenen Gilden. Jede mit eigenem Blasorchester und Tänzern. Die Frauen tragen jeweils einfarbige Kleider mit Perlen besticken Tüchern und wallenden Röcken. Die Männer mit Glockenstiefeln, Guerreros genannt, springen in Formation zum Takt der Musik und wirbeln ihre bunten Hüte herum, um so den Kampf zwischen Gut und Böse zu unterstützen.

 

Hedas Opfer hat sich definitiv gelohnt.... mal sehen, was uns sonst noch so abhanden kommt und uns auf andere Weise wieder geschenkt wird.

 

Morgen bereiten wir uns auf Amazonien vor... danach geht es für vier Tage in den Urwald.

 

Bleibt gespannt. Wir sind es auch.

Herzlichst

Luise

02.09. - Flüche und Haare... unser erster Tag in Cusco

Luise

Tief Luft holen ist das erste, was ich beim Aufstehen tue. Mein Herz schlägt schnell. Es ist ein kalter Morgen. Wer jetzt aber hier Reiseromatik erwartet, kann gleich wieder gehen und hinter sich die Tür zumachen. Die dünne Luft auf 3260 Metern Höhe macht mir leicht zu schaffen, aber das ist hoffentlich nur die Gewöhnung. Der Mann der Vermieterin, hatte uns gestern beim Wohnungsrundgang (und ja er hat uns alles gezeigt, wo die Töpfe stehen, wie das Licht angeht) eine Schale Cocablätter hingestellt. Trotz meiner Affinität zu Heilpflanzen und Kräutern... ich rühre das Zeug nicht an... Nur weil da 0,1 % Kokain drin sind, muss ich mich nicht wie eine 13 Jährige verhalten, die zum ersten Mal Schnaps angeboten bekommt. (Meine Mitreisenden halten mich an dieser Stelle sicher wieder für paranoid. Keine Sorge... es wird noch schlimmer. :) ) Das wirkliche Ausmaß der Höhe wir mir erst bewusst, als ich die Flasche Sonnencreme aufmache und mir ungewollt eine mächtige Portion entgegen fluppt. Alle Tuben sind aufgebläht. Füller und Tuschepinsel sind ausgelaufen. Aber klar, so ein Kubikmeter Luft wiegt auch was und wenn wir von der Küste gestartet sind, dann fallen die 3000 Höhenmeter drucktechnisch ganz schön ins Gewicht...

Der gemeinsame Morgen beginnt heute relativ spät, alle sind noch erschöpft von der Busfahrt. Aus der Nachbarwohnung kommt Musik. Heda kommt zu Magda und mir ins Zimmer getanzt. „Mädels, es ist Samstaaaag! Heut´ ist Markttaaaag!“

Den Tag zuvor waren wir des Abends kurz noch einkaufen gewesen. Schon im Dunkeln hatte uns Cusco verzaubert. Die Stadt liegt in einem Tal. Überall sind in der Ferne noch kleine Lichter zu erkennen. Als würde man sich in einem Sternenmeer bewegen. Es ist hier nicht still, aber ruhig. Eine Erleichterung nach dem lauten Lima. Trotz des fehlenden Lichts sind noch immer Kinder auf den Straßen unterwegs. Wir fühlen uns gleich sicherer. Und am Tage dann empfängt uns Cusco mit seiner ganzen Atmosphäre. Das lässt mich sogar meine brennenden Lungenflügel vergessen: Menschenmassen strömen über die Straßen. Bunte Tücher und Hüte, wo man nur hinsieht. Navi-Fabi hat uns schon einen Markt herausgesucht, aber schon auf dem Weg dahin eröffnet sich uns eine wahre Reizüberflutung: Stände und Läden dicht an dicht. Und davor sitzen, auch dicht an dicht, Frauen in ihren Ponchos und Röcken und verkaufen Gebäck, Streichhölzer und Putzmittel. Jemand schiebt eine Schubkarre voller Erdbeeren an uns vorbei. Es ist gerade Mittagszeit, die bunten Frauen essen Suppen oder Reis und trinken mit einem Strohhalm Limo aus Tüten. Streunende Hunde haben sich an jeder freien Stelle zum Schlafen hingelegt. In der Sonne ist es ziemlich warm. Aufgrund der Äquatornähe sind die Sonnenstrahlen viel intensiver. Denn kaum kommen Wolken auf, ist es schon wieder zugig kalt. Aber wir denken in diesem Moment an irgendwelche Befindlichkeiten. An jeder Ecke riecht es anders: Mal nach Ammoniak mal nach Obst, Fleisch oder Räucherstäbchen. Im San Pedro Markt angekommen, gehen uns bald die Augen über... Heda muss schon lachen, wenn Magda und ich, wie zwei Elstern an jedem Schmuckstand kleben bleiben. Schon am ersten Stand mit Bändern, bleiben wir stehen. Die Farbenpracht erschlägt einen erstmal. Die Nische, in der die Waren aufgehängt und gestapelt sind, ist keine zwei Meter breit. Zwischen uns drängt sich die Verkäuferin durch und stellt sich in den armlangen Verkaufsraum. Sie ist so winzig! Mit lieben Augen schaut uns die alte Dame an. Magda fragt gleich nach den Bändern und wir geben die Bestellungen auf. Magda erzählt von unserem textilen Hintergrund und wo wir herkommen. Die Dame spricht irgendeinen Dialekt, weshalb nicht alles verständlich ist, aber wir lächeln weiter. Heda indes ist bis an die Rückwand des Standes vorgedrungen und zieht noch einige Schätze hervor. Die Verkäuferin erzählt, dass alles hier auf den Dörfern hergestellt wird. Als wir uns verabschieden, schenkt Heda ihr noch eine Kleinigkeit aus Deutschland. Die kleine Frau freut sich und schließt Heda in die Arme... Ein rührender Moment, der uns gleich noch positiver stimmt. Weiter geht’s durch die riesige Halle. Überall gibt es was zu Essen, frisch zubereitet. Das Filmen wird zunehmend schwerer. Gerade die älteren Leute werden richtig böse. Obwohl ich schon keine einzelnen Personen sondern nur Raumsituationen aufnehme. Die Angst, mit der Kamera die Seele eines Menschen einzufangen, ist immer noch gegenwärtig. Es ist unglaublich interessant, dass der Mensch dazu neigt, Dinge, die man nicht kennt oder versteht, zu verteufeln und ihnen damit aber einen hohen Stellenwert einräumt. Ihnen Wichtigkeit verleiht, obwohl sie für einen selber einen bösen oder schlechten Aspekt darstellen und man selber diesen ja eigentlich so klein wie möglich halten will... Eine Frau hat mich sogar mit einem Bündel Trockenblumen bedroht. Aus Angst, dass sie mich gerade verflucht hat, male ich ein Schutzsymbol mit der linken Hand in die Luft... Nicht das ich an sowas glaube. (Knock. Knock. Knock. Ich klopf dreimal auf Holz.)

Heda trinkt genüsslich einen Sapallosaft und weiter durchforsten wir die Halle. Bepackt mit den ersten Arbeitsmaterialien laufen wir die Straße wieder hinab. Eine Gasse ist besetzt mit unzähligen Kräuterfrauen, die auf kleinen karierten Tüchern ihre Ware anbieten. Für mich lautet also die Aufgabe am Abend: Vokabeln raus suchen und mir morgen möglichst viel über die Pflanzen erfragen.

 

Ein Punkt auf meiner Peru-to-Do-Liste, der erst vor Ort dazu gekommen ist: Hier zum Friseur gehen. Die Gelegenheit ist günstig. Heda, Magda und ich betreten einen winzigen Friseursalon. Fünf Friseure schneiden hier im Akkord. Haare waschen ist nicht. Preis pro Haarschnitt: 5 sol – umgerechnet 1,70 € … Ich bekomme eine Mappe in die Hand und setzte mich in den Frisierstuhl. Bilder von Stars und Sternchen aus aller Welt starren mich an. Ich blättere eine Weile... die Friseurin bittet mich freundlich auf den Warteplätzen platz zu nehmen, damit sie derweil noch jemand anderen dran nehmen kann. Mir ist das nix. Ich zücke mein Notizheft und zeichne schnell die Frisur, die ich habe will. Gerade wird eine andere Friseurin frei. Sie bittet mich Platz zu nehmen. Ich zeige ihr die Zeichnung und dank Magdas Übersetzung geht es auch sofort los. Ich scheine einige Leute im Salon zu belustigen... Es freut mich immer, wenn ich Leute zum lachen bringen kann. Heda filmt das Ganze. Magda lächelt mich an. Die erste Herausforderung liegt schon mal im Kämmen. Ich habe dünnes, gelocktes Haar, nicht wie die Peruaner mit ihrem schönen, kräftigen und glatten Schopf. Ganz zart und vorsichtig schneidet die Frau mir die Haare. Nass gesprüht und aalglatt bekomme ich einen Longbob beschnitten und den Nacken rasiert. Dann bin ich fertig. Erst auf Nachfrage föhnt sie mir die Haare... sagen wir mal bügeltrocken. Im Moment kann ich gar nicht sagen, ob ich zufrieden bin. Als ich in den Spiegel schaue, blickt eine dicke Severus-Snape-Variante von mir zurück. Ich bezahle mit einem zehn sol Schein und sage, dass das so stimmt. So richtig annehmen will sie das Trinkgeld aber nicht. Als Heda ihr auch noch ein deutsches Mitbringsel überreicht, will sie uns die fünf sol wieder geben. Mit einem Lächeln und vielen Muchas Gracias verlassen wir den Laden. Der Boden liegt voll mit schwarzen Haaren und ein paar roten Fusseln von mir... Ich bin stolz. Auf einer solchen Reise sollte man immer etwas vom alten Selbst zurück lassen... und wenn das für mich nur einige gefärbte Hornfäden aus Keratin beinhalten... umso besser.

 

Morgen ist Stadtrundgang angesagt... und vielleicht finden wir noch andere Märkte. :)

 

Bleibt gespannt. Wir sind es auch.

Herzlichst

 

Luise

01.09. - Alles für die Kunst.... bis zum Erbrechen

Luise

Heute wird es Zeit sich von Lima zu verabschieden... und das fällt uns auch nicht gerade schwer. Die tosende Metropole mit ihrem Smog und Lärm erinnert trotz ihrer südamerikanischen Exotik doch an jede andere Großstadt. Wir packen also alles zusammen und wundern uns, wie wir vor der Anreise alles so gut verstaut hatten. Den zweiundzwanzig Stunden Busfahrt sehen wir positiv gestimmt entgegen. - Wir haben Schlafplätze und Internet. Da kann ja nix schiefgehen... denken wir ganz ungeniert. Außerdem haben wir Tonnen an Essen vorbereitet. Wir lassen es uns gut gehen... denken wir ganz ungeniert.

Zum Busbahnhof brauchen wir zwei Taxis – So viel Gepäck haben wir. Auch der Sicherheitsmann vor dem Check-In Schalter äugt komisch, als da fünf Gepäckbündel auf zwei Beinen ankommen. Die Einheimischen tragen eine Sporttasche bei sich... Und ich erblicke ein Schild... Gepäck im Frachtraum maximal 20 Kilo! Ich zucke kurz zusammen. Habe ich doch unseren gesamten Kücheninhalt pflichtbewusst mit in meinen Rucksack gestopft. Das Kilo Salz, Zucker, den Rest Kartoffeln und Zwiebeln. Ich schwitze kurz, als ich die Kraxe auf die Waage lege. 15kg... 16,7kg... 17,2kg... 18- der Gepäckbeauftrage zieht den Rucksack von der Waage und lächelt kurz. Hab ich ein Schwein! Das nächste was mir an den Schildern auffällt... keine scharfen Gegenstände im Handgepäck... und es gibt nen Metalldetektor und Rucksackkontrolle. Still und heimlich lasse ich mein super-duper tolles, multifunktions-Survival-Taschenmesser von meiner super-duper tollen, multifunktions-Survival-Schenkeltasche zwischen meine Wechselklamotten im Rucksack verschwinden. Indes hat Magda zwei Massagesessel entdeckt. Mit hopsendem Schritt springt sie darauf zu, lässt sich in einen dieser Sitze fallen und wackelt mit dem ganzen Körper, als sei der Sessel just in dem Moment angesprungen. Ein Piepen ertönt von irgendwo her. Wir quatschen weiter und warten darauf, dass wir endlich in den Bus gelassen werden. Das Piepen nervt schon etwas. Ein Wachmann läuft zielstrebig an mir vorbei... zum Massagesessel. Er bittet Magda aufzustehen... und das Piepen verstummt.

Die Sicherheitskontrolle stellt sich als harmlos raus... noch nie hat jemand so zart mein Gepäck abgetastet.

Unsere Plätze befinden sich im unteren, hinteren Teil des Busses. Im Fernseher läuft ein Film über einen Affen im Beduinenkostüm und Smartwatch am Handgelenk. Ein Busfahrer läuft mit einer Kamera durch die Reihen und fotografiert jeden Passagier. „Für die Sicherheit.“, meint er nur. Ich lächele in die Kamera. Dann überlege ich, ob ich nicht lieber eine Grimasse hätte schneiden sollen... das macht dann die Identifikation meiner Leiche vielleicht einfacher. Aber auf meiner Peru-to-Do Liste steht sowieso ein „Nicht sterben“-Stichpunkt.

Wir richten uns schon beinahe häuslich ein, als der Bussteward seine Runde dreht und uns fragt, ob wir nicht lieber oben sitzen wollen. Wir sind erst skeptisch, dann ziehen wir doch um... den Göttern und den 22 Stunden Horrorfahrt sei Dank! In der oberen Etage hat jeder genügend Platz um sich waagerecht hinzulegen... also fast. Ich mit meinen 1,63m stoße im Liegen schon an den Sitz meines Vordermanns. Dann geht’s endlich los. Wir verlassen Lima und beim Durchfahren der Vororte bekommen wir langsam einen echten Eindruck von Peru. Kastige Häuser, zerrüttet und unverputzt wie zufällig an den Berg geschraubt, stehen Wand an Wand. Riesige umzäunte Abbaugebiete. Menschen in orangen Anzügen. Wir fahren ewig gerade aus, bis wir in der Dunkelheit nichts mehr erkennen können. Soweit geht es uns allen noch gut. Magda und ich schaffen es sogar, uns über das Abendbrot lustig zu machen. Der Pudding erinnert eher an Schnupfen und das Zitronenbonbon schmeckt nach Klostein. Es steigen auch noch Passagiere hinzu. Ein älterer, großer Peruaner setzt sich neben Magda. „Der Schnarcht bestimmt.“, meint sie bloß und sie behält recht.

Die Irrfahrt beginnt erst, als es in die Berge geht. Die Serpentinen und Bergumkurvungen halten uns schließlich wach. Gefühlt zweitausend 180-Grad-Kurven lassen unsere Mägen protestieren. In der Nacht höre ich Würgelaute. Ich als Sympathiebrecher halte mir die Ohren zu und denke über meine Masterarbeit nach, um ja nicht in Versuchung zu kommen. Das meditative „Fühle die Kurve. Sei die Kurve.“ funktioniert auch nur bedingt. Aber am schlimmsten sind die Toilettengänge. Zum Glück gibt es im Klo überall Haltegriffe. Ich schaue mich für einen Moment im Spiegel an: Eine leichenblasse, zerzauste Luise schaut zurück. Dann werde ich Zeuge, wie die Spiegelluise in einer beherzten Linkskurve mit der Schläfe an die Klotür kracht. Auf dem Rückweg habe ich zwar eine leere Blase, aber ich lande beinahe auf dem Schoß eines schlafenden Peruaners. Das Mädchen neben ihm kichert. Ich will auch lachen, habe aber das Gefühl, dass meine Mundwinkel am nächsten Auto hinter uns befestigt sind.

Endlich geht die Sonne auf... und jetzt hat man wirklich das Gefühl in Peru zu sein. Berge, Wälder... es ist so schön... eigentlich will ich diese Momente mit niemanden teilen. Ich will sie einschließen und für mich behalten... pflichtbewusst zücke ich die Kamera und nehme auf. Dafür hat sich der flaue Magen echt gelohnt. Felsen ragen bedrohlich über uns hinweg. Pflanzen, die man sonst nur von Omas Balkon kennt, wachsen hier zwei Meter hoch. Ein atemberaubender Anblick.

Zum Frühstück müssen wir stehenbleiben, weil uns sonst das Essen vom Tablett rutscht. Wir Atmen alle auf.

„Also ich muss heute nicht in Museum, dafür morgen in Kirche.“, sagt die blasse Heda trocken.

Auf der weiteren Fahrt begegnen uns kleine Dörfer und Höfe: Überall wird gebaut. Die Stahlträger der in Zement gegossenen Pfeiler aller Häuser ragen senkrecht aus den Dächern. Es sieht alles nach der Devise aus: Hier kommt noch was hin... irgendwann. Derweil werden die Spitzen der Stäbe mit Plastikflaschen und Eimern abgedeckt oder als Wäschestander genutzt. Auf so gut wie jedem Dach, findet man eine Kuh- und Stierfigur befestigt. Als eine Art Schutzsymbol stehen sie oft unter einem kleinen Kreuz. Die Vermischung zweier Religionen, gebannt auf den höchsten Punkt des Zuhauses. Auf den Höfen tummeln sich die Tiere: Hunde, Esel, Kühe, Schafe, Ziegen... nicht eingezäunt schaut so manches Vieh zu unserem Bus hinauf. Gepflügt wird hier noch mit Hand und Ochsenkraft. Bunte Kleidung und diese tollen Kopfbedeckungen entdecken wir nicht nur, es scheint wirklich Alltagskleidung zu sein. Das klingt jetzt alles romantisch... Magda und ich schauen nur im Liegen nach draußen. Zeichnen, fotografieren... bewegen... Dinge, die nicht möglich sind. Endlich kommen wir an. Der Bus bleibt stehen. Ich weiß nicht mehr, wie ich mich aus dem Bus manövriert habe, auf jeden Fall stehe ich dann irgendwann bei den anderen. Wir werden schon von einem Taxifahrer drangsaliert. Fabi sucht die Adresse. Magda verhandelt noch über den Preis. Schließlich fährt uns der schlecht gelaunte Mann mit zwei Taxen in die Unterkunft.

ENDLICH DA! WIR HABEN ÜBERLEBT!

 

Morgen ist Samstag. Markttag! Mal sehen, wie es uns in 3300 Metern Höhe ergeht.

 

Bleibt gespannt. Wir sind es auch.

Herzlichst

 

Luise

30.08. - museo textil precolombino... und ein Elektronikgeschäft

Luise

Der Tag beginnt erstmal mit einer Katastrophe: Das Kartenlesegerät hat den Geist aufgegeben. Sprich Datensicherung is´ nich! Aber die Festplatte zeigt ohnehin nichts mehr an! Als ich den Computer neu starten will, hängt er im Wartebildschirm fest... Mit Blog hochladen wird das also nix... Ich ärgere mich grün und blau, aber schließlich haben wir heute noch das museo textil precolombino vor uns. Vielleicht funktioniert es danach wieder...

 

Zumindest der Wachmann hat guten Laune. „Moin!“, sagt er in gebrochenem Deutsch und erntet ein Lächeln von den fünf Weibern.

Das Museum beschäftigt sich, wie der Name schon vermuten lässt, mit Textilien aus der präkolonialistischen Zeit. Eine Unglaubliche Sammlung aus sakralen Stoffen, Bekleidungen und vor allem Techniken, die sich stammspezifisch zuordnen lassen. Übers Knoten, Flechten, Nähen, Färben und der Außergewöhnlichen Kombination dieser Verfahren, entstehen diese typisch geometrischen Muster und Figuren. Symbole auf der Kleidung verleihen dem Träger Macht und Kraft in verschiedenen Bereichen. Ich selber drehe beim Stricken und Häkeln schon bei Nadelstärke 3 durch... Die filigranen Arbeiten müssen Tage und Wochen gedauert haben... Hut ab für so viel gottesfürchtiger Motivation. Wieder begegnen uns diese Trockenmumien... und wieder bin ich fasziniert von diesen textilen Särgen. Das kleine Privatmuseum bietet einen guten Einblick in die urtypische Textilgestaltung und lehrt uns, was alles auch mit begrenzten Möglichkeiten umsetzbar ist.

 

Nach so viel Kulturhistorischem Input, steht für mich erstmal die Informationssicherung im Vordergrund: Ich brauche ein neues Kartenlesegerät. Wir verirren uns also in ein großes Elektrowarengeschäft. Überall sind Theken mit freundlich interessierten Verkäufern. Hinter ihnen an der Wand hängen tausend Produkte. Wir fragen uns also nach besagtem Gerät durch. Der Verkäufer zeigt uns das Teil... ist auch das einzige von der Sorte. Ich will es kaufen, lege das Geld auf den Tresen und warte. Der Mann fragt nach Magdas Namen und tippt ihn in die Kasse. Er gibt mir einen Zettel. Wieder warte ich... bis er auf die Kassierstelle hinter mir deutet. Ok, erst bezahlen. Wir schauen auf den Zettel... anscheinend hat irgendeine MAKARENA diesen Kartenleser geordert. Ich bezahle im panzerglas gesichterten Kassenbereich. Wieder erhalten wir einen Zettel, diesmal sogar doppelt gestempelt... Dann gehen wir zu dem Typ an der Theke zurück. Dieser schickt uns weiter... Wir gehen weiter... und weiter... und weiter. Technik überall. Alle laufen hektisch durcheinander, mit Zetteln bepackt. Aber keiner hat sein Gekauftes in der Hand. Magda fragt wieder nach. Dann finden wir endlich, was wir suchen: Eine weitere Theke mit weiteren Angestellten, die Plastikbeutel im Tausch gegen die ominösen Zettel aushändigen. Luises erster Einkauf in Peru wird also erfolgreich abgeschlossen!

 

Als uns der Laden am anderen Ende ausspuckt, herrscht angespannte Stimmung. Drei wollen mit dem Taxi nach Hause. Heda und ich wollen lieber laufen. Magda ruft pflichtbewusst schonmal das Taxi, als Fabi uns noch den Weg über ihre App erklärt. Der Taxifahrer hupt, Magda ruft, Fabi steigt ein... Und wir zwei stehen da... mit einem halben Straßennamen. … Avenide Petit... damit können wir nix anfangen. Aber neben an ist ein kleiner Markt mit bunten Ständen... Wenn wir schon verloren gehen, dann können wir uns auch Zeit lassen. Der Markt stellt sich als eine Art Viertel heraus. Souvenirstände, wo das Auge hinreicht. Alle verkaufen Ähnliches. Die Kommunikation für zwei nicht Spanisch sprechende Europäer gestaltet sich als entspannt. Zumindest die Zahlen verstehe ich. Alles andere funktioniert über Hände. Heda bringt mich auch wieder zum Staunen: Mit ihrer Universalsprache bekommt sie alles was sie will. Überall ein -enco an jedes Wortende und Zack!

Aber ich löse die Situation lieber auf, bevor unsere Lieben noch einen Herzinfarkt bekommen: Ich schreibe nicht aus einem Obdachlosencafe mit freiem W-Lan. Wir haben es tatsächlich zurückgeschafft... und mussten feststellen, dass uns die App hinzu über riesige Umwege geschickt hat. Heda/Luise:1 ; Technik: 2473643 … Wir holen langsam auf!

 

Fabi kränkelt am Abend ziemlich rum. Wir kümmern uns alle rührend um sie. Ich lasse sie sogar in meinem Bett schlafen, damit sie mit Magda Bibi Blocksberg hören kann. In ihr Bett kriegen mich aber keine Zehn Pferde. Wer weiß, welcher Bazillus dort haust. Ich verbringe die Nacht also auf dem schiefen Sofa. - Einen Arm über die Rückenlehne gehängt, damit ich nicht runter rolle. Die letzte Nacht in Lima lässt mich das Hupkonzert schon beinahe genießen...

 

Morgen brechen wir Nachmittags nach Cusco auf. 22 Stunden Fahrt... zum Glück haben wir noch acht Klopapierrollen übrig...

 

Bleibt gespannt. Wir sind es auch.

Herzlichst

 

Luise

29.08. - museo de arte de lima... Freiheit unsrem Hinterteil!

Luise

Ich habe schon über einige Taxifahrten berichtet. Das scheint sich auch schon rumgesprochen zu haben, denn als wir aus der Wohnung treten und an der Straße ein Taxi rufen wollen... fahren sie alle an uns vorbei. Keiner hält an... vielleicht zehn Taxis später, Magda hält vehement die Hand raus, kurvt endlich einer viel zu schnell um die Kurve und hält mitten auf dem Zebrastreifen an.

„Mhm, das ist ´n schmieriger.“, meint Magda bloß. Wie im Clownsauto beginnt die Fahrt.

 

Hier ein paar Auszüge des Gesprächs:

Fahrer: „Wo kommt ihr her?“

Magda: „Deutschland.“

Fahrer: „Ah, Deutschland. Es gibt hier sehr viele Deutsche. - In allen Stadtteilen. - Ich kenne sie alle.“

 

Fahrer (zu Heda auf Magda zeigend): „Sie ist schön, oder?“

Magda (klopft Heda auf die Schulter): „Das ist übrigens meine Mutter.“

Fahrer (seine Augen werden größer): „Lüge!“

Alle lachen.

 

Fahrer: „Seit ihr vergeben?“

Magda: „Wir haben alle einen Freund. Heda ist sogar verheiratet.“

Fahrer: „Ihr solltet lieber einen Peruaner heiraten.“

Magda: „Mhm nee, die sind so klein.“

Fahrer: „Deutsche Männer sind wohl größer?“

Magda: „Ja.“

Fahrer: „Peruaner sind zwar klein, aber gut....“

Im Verlauf seiner Erzählung hoffen wir inständig, dass es immer noch um die Körpergröße geht...

Magda: „Hast du eine Frau?“

Fahrer: „Ja und einen Sohn... dreieinhalb Jahre... er heißt Rodrigo...“

Erst danach hört er auf von Peruanern zu schwärmen.

 

Fahrer: „Ich bin auch groß.“

Magda: „Ja?“

Fahrer: „1,75 m“

Magda: „Oh ja, dass ist schon groß... für nen Peruaner.“

Fahrer: „Auch groß in Deutschland?“

Magda: „Naja, eher so Mittel. Heda ist 1,87.“

Der Fahrer macht wieder große Augen.

Fahrer (zum gefühlt hundertsten mal) : „Ich warte am Museum auf euch, dann fahr ich euch noch weiter.“

Magda: „Nein, nein. Wir wollen dann laufen.“

 

Irgendwann sind wir dann endlich am parque de la expocition und steigen aus.

„Passt auf euch auf!“, ruft er noch.

Das ist wieder mal eine Situation, in der jeder von uns froh ist, nicht allein unterwegs zu sein...

 

Unser heutiges Ziel ist das museo de arte de lima. Die dort ansässige Dauerausstellung zeigt uns den Kulturhistorischen Verlauf Perus. Von den Inka, mit ihren ausgefeilten Knotensystem zur Nachrichtenübermittlung und der aufwendigen Stickerei auf verschiedenen Strickwaren, über Plakatkunst aus den 20ern bis hin zur Zeitgenössischen Kunst. Die Kunst der Kolonialzeit schauen wir uns an, aber erst wenn die Räume dunkler und akklimatisiert kühl werden, schlägt unser Herz höher. Gerade die archaische Kunst beinhaltet so viele Textilien. Für die geometrischen Gestaltungselemente gibt es verschiedene Bedeutungen: Das bekannte stufenförmige Dreieck scheint ein Symbol für die Wellen, die Macht des Meeres zu sein, kann aber auch Thron bedeuten. In Verbindung mit Spiralen, spricht man eher von Bergen, von denen das lebensspendende Wasser herunter fließt.

Der Wachmann muss uns sogar freundlich zurückpfeifen, als wir halb auf der Glasablage liegen, um das bestickte Tuch zu betrachten.

Ein besonderes Schmankerl ist die Ausstellung NASCA... über - wer glaubt´s- die Nasca-Kultur. Den meisten wird die riesige Ameisenzeichnung oder die Kringel in der Wüstenlandschaft bekannt sein. Besonders faszinierend aber sind die Trockenmumien. Mit ihren länglichen Hinterköpfen, galten sie als der Beweis für die Alientheorie... Tatsächlich war ein langgezogener, deformierter Kopf das Schönheitsideal. Schon Kinder bekamen Bretter an den Kopf gebunden, um dem Trend zu entsprechen... Aufgrund der großen Hitze im Nasca Gebiet mumifizieren die Leichen schnell in ihren Schichten aus Laken und Tüchern... und was für Tücher! Schaut euch einfach die Bilder an! Die gestickten Muster erzählen ganze Geschichten. Für einen Tag war das unglaublich viel Input an Inspiration.

Ein triviales Erlebnis ist auch der Toilettengang: Peruaner wischen ja den lieben langen Tag ihre Fußböden und Gehwege. Ich verschwinde also in der Kabine, lege meine Tomb Raider-Suvival-Hüfttasche auf den Mülleimer, als mir die Spiegelung in die Nachbarkabinen auffällt. Ich habe in diesem Moment Einblicke Leute! Es gibt auch keinen Winkel in dem nichts sichtbar ist... und wenn ich die anderen sehen kann, können mich die auch sehen!... Dann fällt mir wieder ein, dass ich in Peru bin... spielt also keine Rolle... Die anderen warne ich vor, aber wenn die Blase drückt ist eh alles egal. Man fühlt sich dem Land auch gleich verbundener, wenn man seinen weißen Hintern den Einheimischen präsentiert... das stand ja eh auf meiner Peru-to-Do-Liste...

 

Den späten Nachmittag verbringen wir am Pazifik. Es ist kalt und düster. Nur einige Surfer nutzen die stürmische See für einen Wellenritt. Verliebte Pärchen machen Selfies mit brechenden Wellen im Hintergrund. Ein Hobbyfotograf leitet sein vollbusiges Model an, im Titanic-Style (im dunkelgrünen Rollkragenpullover und Turnschuhen, die Arme von sich gestreckt) zu posieren. Niemanden scheint aufgefallen zu sein, dass jemand zwischen die Felsen gekackt hat.

 

Daheim erwartet uns eine durch das Wohnzimmer gespannte Wäscheleine mit klammen Klamotten. Es ist einfach viel zu kalt hier. Die hässlichen Synthetikklamotten machen sich ausnahmsweise mal bezahlt.

 

Es war ein anstrengender Tag mit Reizüberflutung und morgen geht’s weiter ins Textilmuseum von Lima.

 

Bleibt gespannt. Wir sind es auch.

Herzlichst

Luise

 

 

P.S.: Ich träume heute Nacht auf jeden Fall von unbekleideten Hinterteilen...

28.08. - Ana Teresa Barboza... Stickerei 2.0

Luise

Der Tag beginnt wie immer mit einem Hupkonzert. Heute geht es am Nachmittag zur Stickkünstlerin Ana Teresa Barboza. Vor dem Frühstück wollen Magda und ich nochmal schnell einkaufen gehen. Brötchen holen und so... Wir kennen ja den Weg... ist klar.

„Wir müssen hier jetzt rein.... das sieht richtig aus... Solang wir die große Straße im Blick haben, sind wir richtig... Wo ist die große Straße?“

So geschieht es, dass wir zwei schon vor dem Morgenmahl die vier-Kilometer-Marke geknackt haben...

 

Nach dem Frühstück werden wir von unseren Fenstern aus Zeuge einer riesigen Demo. Alle Autos stehen still. Vor unserer Abfahrt ist der Menschenzug allerdings schon wieder vorbei. Wir nehmen also ein Taxi. Diesmal weiß der Taxifahrer sogar selber, wo er hin muss. Die Sonne scheint. Im Radio läuft Hotel California und ein Duftbaum in Form einer lachenden Erdbeere hängt am Rückspiegel. Wie wir so gequetscht auf der Rückbank sitzen, ergreift uns ein Gefühl von Unabhängigkeit.

Fünf Frauen... allein in Peru... mit Hoffnungen und Träumen... Wo kommen sie her?... Wo wollen sie hin?... Oh, ein Müllmann... Wo kommt er her?... Wo will er hin?... Reiseromantik pur. Der Taxifahrer stellt die Musik lauter. Offenbar geht ihm unser Geschnatter auf den Geist.

Wir kommen in Barranco an. Die kubischen Häuser des Künstlerviertels erstrahlen in bunten Farben. Entzückt schauen wir die verschachtelten Gassen auf und ab. An einem Auto geht die Alarmanlage los und als wir den Block umrunden, sitzt ein Mann in jenem Auto der hektisch nach dem richtigen Knopf sucht. Im Hauseingang steht eine ältere Dame. Die Hände in die Hüfte gestemmt, fixiert sie den unfähigen Autobesitzer mit ihrem Todesblick. An einer Kirche geht ein Mönch mit Krückstock spazieren. Die Frau neben ihm beschimpft mich auf spanisch und gestikuliert wild auf meine Kamera. In ihrer Erregung ist ihr wohl der Deckel auf der Linse gar nicht aufgefallen. Was die wohl zu beichten hat?

Die Adresse die wir suchen, ist schnell gefunden. Das Atelier, dass sich Ana Teresa Barboza mit anderen Künstlern teilt, erstrahlt in einem prächtigen Lila. Über die Textilkünstlerin hatte Magda schon einmal berichtet. Wer also nochmal nachlesen möchte. 

 

Schon während der Vorbereitung auf das Interview sind wir alle aufgeregt. Magda notiert alle Fragen auf Spanisch – Sie wird das Interview führen und für uns übersetzten. Der erste repräsentative Auftritt der buntesgold-Gruppe. Das baut schon etwas Druck auf. Und als wir dann die Straße auf das Haus zu gehen, werden ihrer Schritte immer langsamer. Ich schiebe Magda also sanft weiter. Wir klingeln und Frau Barboza öffnet uns das Gatter: Eine kleine, zarte Frau mit großen, dunklen Augen und Kurzhaarfrisur.

„Oh, viele Mädels!“, meint sie und lächelt schüchtern, als sich jede von uns mit einem Händeschütteln vorstellt und an ihr vorbei ins Haus stapft. Beide Seiten sind leicht nervös, lächeln aber in die Runde. Frau Barboza schickt uns weiter durch ein Atrium mit einer Kükenförmigen Kinderreitschule und baumelnder Girlande. Christian, ein Künstlerkollege mit langem Haar und Basecap begrüßt uns freundlich. Ein schwarzer Hund schnüffelt an den Beinen der fünf ehrfürchtig dreinschauenden Textilerinnen. Hinter einer hohen Holztür verbirgt sich Frau Barbozas Atelierraum. Die Wände sind bestückt mit Skizzen von Köpfen, Piktogrammen von Steinen und Regalen mit Garnen und anderen tollen Materialien. Auf ihrem Arbeitstisch liegt ein Webrahmen und ein riesiger Stein... aus dem Fäden wachsen?! Eine ihrer neuesten Arbeiten. Im September hat sie eine Ausstellungseröffnung in Lima. Da müssen wir vor unserer Abreise unbedingt nochmal vorbeischauen! Das Gespräch gestaltet sich als äußerst entspannt. Eine Mischung aus Spanisch, Englisch und vielen freundlichen Blicken. Die Fragen zu ihren Arbeiten beantwortet sie mit sympathischer Bescheidenheit. Sie versteht selbst gar nicht, warum ihre Werke so viral durch die Decke gehen. Auch die typische Frage nach der Inspiration beantwortet sie galant und ganz natürlich: Inspiration kommt von überall her!

Das ganze Interview werdet ihr dann im Film sehen... ich will ja noch nicht zu viel vorwegnehmen...

Frau Barboza zeigt uns noch einige ihrer Arbeiten und wir staunen nicht schlecht. Ihre Ideen sind sehr einfallsreich und auch für ein breites Publikum nachvollziehbar. Die Stickerei ist im Moment ihr präferiertes Medium, allerdings widmet sich die studierte Malerin auch anderen Techniken, zum Beispiel der Fotografie. Man spürt wie frei diese Frau in ihrem Denken und Tun ist.

Frau Barboza indes ist genauso an unserem Aufenthalt hier interessiert und befragt uns zu unserem Projekt. Zum Schluss bittet Heda sie, noch etwas auf ihr textiles Tagebuch zu zeichnen. Es ist ein Wickelrock, der sich über die Reise hinweg mit Zeichnungen und Stickereien füllen soll. (Diesen Rock könnt ihr dann auch in unserer Ausstellung bewundern.) Frau Barboza beginnt mit scheuem Blick ein paar Blätter darauf zu zeichnen. Kaum ist sie fertig, faltet sie den Stoff schnell zusammen. Da haben wir es wieder, große Künstler machen kein Aufhebens um sich...

Mit viel Filmmaterial und einigen Empfehlungen was unseren Aufenthalt betrifft, verabschieden wir uns.

Jetzt wirkt dieses lila Haus noch bemerkenswerter, weil wir wissen, was darin steckt...

 

Unsere Rückreise gestaltet sich wieder mal leicht abenteuerlich. Ein Hoch auf Fabis Navigationsapp! Ohne die wären wir noch mit dem Taxi von vorgestern unterwegs. Auf der Suche nach unserer Unterkunft... Auch dieses Mal braucht unser schnurrbärtiger Fahrer Navigationshilfe.

Wer unsere InstagramStory verfolgt weiß, dass wir den Abend singend verbracht haben. - Erleichtert, dass der erste Meilenstein unser Reise geschafft ist.

 

Bleibt weiterhin gespannt. Wir sind es auch.

Herzlichst

 

Luise

27.08. - Besorgte Polizisten...

Luise

Der zweite Morgen gestaltet sich genauso entspannt wie der vorherige. Wir alle haben immer mehr das Gefühl angekommen zu sein. Social-Media kostet uns schon vor dem Aufstehen viel Zeit. Zwischendurch besteht die Hoffnung, dass der Verkehrslärm an einem Sonntag abnimmt. Sechs Uhr früh wissen wir, dass Wochentage keine Rolle spielen.

Den Sonntag wollen wir dem Altstadtkern Limas, dem Lima Centro, widmen. Wir laufen also los, überqueren große Straßen und erfreuen uns an jedem Hausschnörkel und jeder alten Oma. Die Peruaner sind nicht weniger belustigt über uns: Mit Rucksäcken und Plastikjacken laufen wir herum. Ich in Sportklamotte, meinen Gürteltaschen, der Kamera mit flauschigem Mikro und nicht zu vergessen meiner Schirmmütze, sehe laut Magda wie ein richtiger Filmer aus... Ein bisschen merkwürdig ist es schon. Wir scheinen die einzigen Touristen hier zu sein. Wir laufen also so den Bürgersteig entlang, als plötzlich ein Polizeiauto neben uns hält. Der Polizist steigt aus und erklärt mir etwas in schnellem Spanisch. Er schaut freundlich, was mich etwas beruhigt. Schnell übernimmt Magda das Gespräch. Ich nicke immer, wenn der Polizist mich an sieht. Zwischendurch hält er sich die Finger wie eine Pistole an den Kopf. Zum Glück versteht Magda. - Ich kann nichts tun, außer ihm ein verunsichertes Lächeln zu schenken. Dann steigt der Polizist wieder ein. Magda übersetzt: Wir sollten am besten die Kameras wegpacken. Die Calle Enrique Villar liegt in einem gefährlichen Viertel. Schnell bekommt man die Pistole auf die Brust gesetzt. Und jetzt haben die Polizisten noch Mittagspause. Alles bliebe für die nächsten zwei Stunden unbewacht. Wir sollen bis zum Ende der Straße vorsichtig sein. Gerade Sonntags wird viel geklaut. Unglaublich nett, denke ich mir. Ein bisschen eingeschüchtert geht es weiter. Keine fünfhundert Meter weiter streckt uns ein alter Mann den rechten Arm zum Hitlergruß entgegen, nachdem er uns hat sprechen hören.

Vor dem parque de la exposición erliegt Magda der Versuchung und kauft Churros, einem frittierten Gebäck mit aromatisch süßer Füllung. Langsam kommen wir in touristischere Gefilde. Der Park ist voll mit vielen kleinen Kindern und vor der Kamera posierenden Jugendlichen.

 

Die Einkaufsmeilen im Zentrum bestehen aus winzigen Läden mit allem Möglichen zum Verkauf. Menschliche Statuen wo man auch hinsieht. Herrscher der Unterwelt, Mienenarbeiter, Sklaven, Soldaten und ein schwarz bemalter Elvis... alles relativ düster.

Auf dem Hinweg haben wir mit Heda darüber gesprochen, ob sie nicht auch Straßentheater machen wolle. „Hab nix mehr in Rucksack gekriegt.“, meint sie bloß. Aber Lima meint es gut mit ihr, denn auf einer der überfüllten Gassen steht ein kleiner, hutzeliger Mann und schwenkt seine Arme – vollbehangen mit roten Clownsnasen.

Am Placa de Armas erreichen die Menschenströme ihren derzeitigen Höhepunkt. Neben dem Palacio de Gobierno, dem Regierungspalast und der ersten Kirche Limas, der La Catedral de Lima aus dem 16. Jahrhundert tummeln sich Touristen und Snackverkäufer. Inzwischen sind wir seit einiger Zeit unterwegs. Uns plagt mal wieder der Hunger. In jedem Reiseführer steht, man solle nicht in ominöse Straßenrestaurants gehen und keine tierischen Produkte zu sich nehmen. Wir setzen uns also in ein Lokal am Straßenrand und bestellen Pollo und Tortillas... Nur das klebrige Besteck müssen wir mit Desinfektionsmittel abwischen. (Spoiler: Magenverstimmungen blieben aus... aber ich komme bestimmt noch zu meiner Durchfallszene im Dokumentarfilm... keine Sorge ;) )

 

Ich bleibe immer wieder stehen, um Hausecken, Taxis und Menschen zu filmen. Sehr zur Sorge Hedas. Aber ich habe damit kein Problem. Selbst in vierhundert Meter Entfernung muss ich einfach nach Fabis und Hedas Köpfen Ausschau halten, welche alle immer noch um Längen überragen. Genauso werden die zwei aber auch angestarrt. Eine große Frau scheint als eine Art Ausnahme verkraftbar. Bei zwei Amazonen klappen so manche Kinnladen runter. Jedenfalls biege ich im Barrio Chino (sprich China Town) für zwanzig Sekunden einen Schritt in eine andere Straße ab, um das Treiben da aufzunehmen. Als ich den Schritt wieder zurückgehe und wieder ins Blickfeld der Herde rücke, sehe ich eine entsetzte Heda. Kaum bin ich wieder bei ihnen, bekomme ich erstmal eins mit der Plastiktüte auf den Hintern. - Wir müssen zusammenbleiben. - Und sie hat ja recht. :)

Gerade auf engen Wegen trage ich die Kamera vor mir her, das Stativ auf meine Hüfttasche gestützt sieht es aus, als filme ich die ganze Zeit, was ich nicht tue. Die entgegenkommenden Leute lächeln, grinsen und winken. Das macht einen selbst auch irgendwie fröhlich. Was mich aber und andere sehr beunruhigt, sind die vielen weinenden Frauen, die man immer umringt von anderen Frauen antrifft. Aus Hedas letztem Beitrag wissen wir schon, dass die Frauen es hier sehr schwer haben und ich bin gespannt, wie es sich in kleineren Städten verhält. Lima ist schließlich schon sehr westlich angehaucht.

 

Die Taxifahrt gestaltet sich wiederum als sehr amüsant. Von der Fahrt vom Flughafen zur Unterkunft wissen wir schon, dass Sitzplätze nichts mit der Anzahl der zu transportierenden Personen zu tun hat. Heda sitzt vorn. Fabi rutscht durch, Magda nimmt auf Fabis Schoß platz, dann rücken Swantje und ich nach. Die rasante Fahrt beginnt, hupend und viel zu schnell fahren wir los. Der Fahrer plappert und gestikuliert. So richtig versteht ihn niemand. Irgendwann fällt aber der Groschen: Wir sollen ihm den Weg ansagen. Gepresst wie in der Sardinenbüchse beugt sich Magda mit dem Handy nach vorn. Ihr Kopf ragt schon beinahe parallel zu dem des Taxifahrers.

„Da vorn rechts... oder … ja da vorn... ach nee... hä?... da geht keine Straße nach rechts... Jetzt berechnet der neu... ok... jetzt hier rechts... ja, in vierhundert Meter... jetzt in zehn... jetzt hier... huch! War das jetzt richtig?“

Ich selber kann nicht viel tun. Ich klemme zwischen Swantje und der Autotür und betrachte die gelbe Plüschente auf dem Amaturenbrett. Das ist das schöne an Südamerika... man beginnt viele Dinge viel entspannter zu sehen...

 

Morgen geht’s zur Textilkünstlerin Ana Teresa Barboza.

Seit gespannt. Wir sind es auch. :)

 

Herzlichst

 

Luise

26.08. - Unser erster Tag in Peru...

Luise

Dank der Zeitumstellung lag jeder von uns zwischen um zwei und um vier Uhr Ortszeit wach herum. Der Flug hatte uns erschöpft und so verbrachten wir den frühen Vormittag noch eingehüllt in unseren Betten. Das tosende Geräuschemeer aus Hupen, Alarmanlagen und pfeifenden Verkehrspolizisten ließ mich beruhigt schlafen. Anderen bescherte diese homogene Klangkulisse eine unruhige Nacht.

 

Unsere Unterkunft mit Panoramaausblick lässt uns beim Aufstehen ernüchtern: Grau trübe Wolken, kein Sonnenstrahl und zugige Kälte hätten uns beinahe wieder unter die Bettdecken verschwinden lassen. Aber wir haben Hunger. Gestern war es zuspät gewesen, um etwas einzukaufen.

 „Ich hab noch BabyBell im Rucksack!“, zischt Magdalena neben mir, damit die im anderen Zimmer nichts mitbekommen. Es sind die zwei letzten. Ganz vorsichtig packen wir den Käse aus. - Niemand darf uns hören! Magda zieht auch noch eine Tüte Gummitiere hervor. Schnell stehe ich auf um noch die Kürbiskerne vom Flug aus der Tasche zu kramen. Da höre ich von gegenüber ein Rascheln... Fabi und Swantje fressen also auch.

„Esst ihr da drüben etwa was!?“, ruft Magda rüber.

„Nein?“, schallt es zurück.

„Gut, wir haben hier nämlich auch gar keine Gummibärchen!“

„Wir haben hier auch gar keine Kekse!“

 

Mit leeren Rucksäcken und Beuteln ausgestattet, treten wir also vor die Tür. Der Wachmann des Hochhauses öffnet uns das Gittertor und verabschiedet sich freundlich. Hier im Stadtteil San Isidro fühlt man sich auf jeden Fall sicher. Auf dem Weg zu einer Bank treffen wir Unmengen an Wachmännern und drei Meter hohe Gitterzäune. Wenig Menschen sind auf der Straße. Alle warm angezogen... schließlich ist hier gerade Winter. Palmen, Bambussträucher, Kakteen und Starbucks begegnen uns. Autos jeden Alters und Verschrottungsgrades knattern vorbei.

 

Die Kabel... Ich liebe die Stromkabel hier! Nach dem Motto: Was muss, das muss! Es steht ein Pfeiler da und aus jeder Richtung treffen sich dort an die dreißig Kabel. - Verschlingen sich und wechseln im neunzig Grad Winkel die Richtung. Eichhörnchen klettern darüber. Jeder deutsche Elektriker hätte schon längst einen Herzinfarkt bekommen.

 

Vogelgezwitscher dröhnt genauso redundant, wie jede Hupe hier in der Stadt. Endlich erreichen wir den Supermarkt. Das allererste, was uns entgegen springt, sind die deutschen Rührkuchen... und die 5-Kilo Reissäcke. An jedem Regal gibt es einen Vertreter einer Marke oder eine Frau mit Mundschutz und Haarnetz, die dir Proben anbietet. Wir schleichen an den Fertigprodukten vorbei und arbeiten uns durch das Gemüseangebot. Möhren so breit wie mein Handgelenk, schwarzer Mais und rot-gelbe Minikartoffeln (Ollucos, wie wir später herausfinden.)... jeder zückt sein Handy, um die Farbenpracht festzuhalten. Sogar ein Beratungsgespräch über Toilettenpapier hatten wir. Fünf Frauen, eine Woche Aufenthalt... die Entscheidung war nicht einfach.

 

Zwischen erdfarbenen Häusern und kobaltblauen Anstrichen schleppen wir unsere Beute wieder in die Unterkunft. Endlich lässt sich auch mal die Sonne blicken.

 

Nach einer gemeinsamen Brotzeit und einer Mittagsruhe wollen wir an den Pazifik. Bepackt mit Kameras und Wasserflaschen machen wir uns also auf. Wir rechnen kurz durch, ob wir vor Sonnenuntergang zurück sind... ihr wisst schon... wie bei Aschenputtel: „Gib acht Kind, um Mitternacht, der Zauber verschwind´.“ Die Straßen sind überfüllt, laut und umgeben von einem grauen Abgasschleier. Wer überholt, hupt - wer aus der Parklücke fährt, hupt – wer anhält, hupt – manche Verhaltensmuster sind mir derweil noch unklar... aber eins ist sicher: Alle hupen. Ein Klangspektakel sondergleichen. Als Fußgänger heißt es an unbeampelten Übergängen: Drauf zulaufen... die halten schon an. Für meine pedantische Seite ist das ganz schön schwierig. An den Ampeln gibt es eine Sekundenanzeige bis zur nächsten Schaltung. Ich muss mich zwingen, nicht jedes Mal „Und DREI, ZWEI, EINS!“ zu rufen.

 

Unser Weg führt uns durch einen Olivenbaumpark aus dem siebzehnten Jahrhundert. Es ist Samstag und die Menschen tummeln sich auf dem Gras oder spielen mit ihren Kindern. Auf der anderen Seite eines kleinen Teichs wird geheiratet. Ich laufe immer dreihundert Meter hinter der Gruppe, weil ich so viel aufnehmen möchte. Positionieren, scharf stellen und dann so tun, als würde man etwas hinter der gefilmten Person fokussieren... das braucht echt Zeit.

 

Der Himmel wird schon langsam dunkler, als wir den Pazifik erreichen. Es trennt uns eine sehr hohe, teils begrünte Klippe vom Wasser. Die tosenden Wellen sind schon von weit weg zu erkennen und zu hören. Der Panoramaausblick ist eine Selfiestudie wert: Alle zwei Meter hält jemand seinen Handy (ob mit Stock oder langem Arm) in die Höhe. Familien, Pärchen und ein Mann, der unser aller Aufmerksamkeit erregt: Ein kleiner, verhutzelter Mann. Mit drahtigem Lockenhaar, großer Sonnenbrille und dunklem Teint befestigt ein biegbares Stativ an Bäumen, Mülleimern und Sitzbänken, um sich dann vor den Ozean zu stellen und via Selbstauslöser zu fotografieren. - Mit der verdeckten Sonne und dem Blick aufs unendliche Meer, welches sich im nirgendwo mit dem Himmel verbindet, hat dieser Ort schon etwas melancholisches.

 

Der dunkle Rückweg verläuft ereignislos... selbst durch den Parque El Olivar. den Olivenbaumpark rannten immer noch Kinder – halb sieben... unter smogerhelltem Nachthimmel... bewacht durch Laternen und Wachtpersonal mit blau blinkenden Lichtern am Revers.

 

Die Nachtwache öffnet uns das Tor und beim Eintreten ins Treppenhaus heißt uns laute Musik willkommen. Ich nehme die Treppe, weil ich wissen will, was da los ist. Im vierten Stock steht ein Sofa auf dem Treppenabsatz. Vier Kinder tummeln sich da. Durch die geöffnete Wohnungstür erkenne ich eine tanzende Frau im Katzenkostüm. Scheint ein Kindergeburtstag zu sein. Die Musik schallt bis zu uns hinauf in die Wohnung. Aber ob Kinderparty oder Hupkonzert... es spielt eh keine Rolle...

 

Der erste Tag ist geschafft. Völlig unspektakulär mit leichtem Jetlag hieß uns Lima willkommen.

 

So richtig glaube ich es immer noch nicht, dass wir tatsächlich hier sind. Nach einem Jahr Vorbereitung und vielen Hürden fühlt sich das alle so unwirklich an.

Mal sehen was uns in den nächsten Tagen bevorsteht.

 

Herzlichst

Luise

Selbstgemachtes Skizzenbuch!

Magdalena

Hallo ihr Lieben! 

Nachdem ich meinen Einsatz beim letzten Mal so super verpasst habe, melde ich mich diese Woche, einen Tag vor Reisebeginn, wieder zu Wort. Eines der wichtigsten Gepäckstücke- und mit Gepäckstücken beschäftige ich mich ja irgendwie schon seit Wochen- ist für unser Projekt natürlich ein Skizzenbuch! Bevor ich euch zeige, wie ich mir eines selbst gebunden habe, gibt es noch ein paar Infos!


Während unserer Vorbereitungen haben sich einige Sachen geändert.

Luise hatte zwar schonmal darüber berichtet, aber wir würden gerne die wirklich aktuelle Lage nocheinmal zusammenfassen: Chiara wird uns leider nicht als Dokumentarfilmerin begleiten. Der Grund ist ein schöner: sie bekam für den gleichen Zeitraum und darüber hinaus ein renomiertes Stipendium in Paris, das sie nicht ausschlagen konnte. Gott sei Dank haben wir ja aber Luise Croft an Bord, die sich nun statt dem textilen Projekt der Aufnahmen unseres textilen Projekts widmet. Peng peng
Alle anderen 4 Chicas bleiben bei der textilen Bearbeitung. Inspirationen werden wir genug aufsaugen- Auch Señorita Croft. 

 

 

 

Nun denn habe ich eine kleine Fotostrecke vorbereitet, die Schritt für Schritt den Herstellungsprozess meines Skizzenbuches zeigt. Um das Papier zu gestalten, mit dem der Einband eingeschlagen werden sollte, brauchte ich genau drei Dinge: Papier, Linoldruckfarbe und einen Bleistift mit Radiergummi.

Die Farbe habe ich mit dem Radiergummi einfach aufgestempelt.

Achtung! Sie muss mindestens einen Tag trocknen!

Anschließend habe ich zwei Pappen zugeschnitten, die etwas größer als das Papier sein sollten, mit dem das Buch später befüllt wird. 

Die Pappen werden mit dem bedruckten Papier wie ein Geschenk eingepackt. Mit einem Falzbein wird es kräftig festgestrichen. Dabei gehen Falten verloren und Luftblasen können sich nicht bilden. 

Links ist die Innenseite, rechts die Außenseite.

Ich habe mich für ein Leporellobuch entschieden. Das kann man von beiden Seiten durchblättern.

Das Papier (Büttenpapier) wird also in der gewünschten Größe zugeschnitten und gefaltet. Wenn ein Bogen alle ist, wird das nächste Stück einfach mit einer kleinen Falz angeklebt. 

Die beiden letzten Seiten werden Mittig auf die Innenseite der Pappe geklebt. Dazu nehme ich meistens normalen Klebestift. Durch das kräftige breitstreichen mit dem Falzbein werden sie wieder schön fest.

Bevor die zweite Seite auf die Pappe geklebt wird, habe ich ein Band mit Sekundenkleber auf der Pappe befestigt. Es dient später als Verschluss. Das Papier kommt dann einfach darüber. Bis auf einen kleinen Huckel sieht man nichts mehr.

Fertig! Geschlossen sieht es nun so aus:

Bitte mal frei machen... oder auch nicht...

Luise

 

Am Freitag geht’s los... Meine letzten Schritte zur Vorbereitung sind daher ganz klar. - Für diese Reise ist Reduktion angesagt. Aber nicht nur Klamotte und Ausrüstung besitzt Gewicht. Ich habe keine Lust irgendwelchen emotionalen Quatsch auf Machu Picchu zu schleppen. Gerade als Kamerafrau habe ich das Gefühl, dass ich mich zurücknehmen muss... muss den den anderen Mädels Raum geben, um durchzudrehen... damit ich das festhalten kann... muhahahaaaaa. :)

 

Kurz um: Ich habe sauber gemacht. Mit Menschen gebrochen, die mir ohnehin auf den Sack gegangen sind und mir alles von der Seele geredet. Mit Freunden geschrieben, die ich lange nicht gesehen hatte. (Eigentlich völlig bescheuert, da ich jetzt wieder einen Monat verschwunden bin...) Es ist merkwürdig, wieso der Mensch erst einen Anlass braucht, um sich für bestimmte Dinge zu überwinden. Meine Wohnung habe ich endlich vom Müll des vierjährigen Studiums befreit. Das Bad ist wieder ein Bad und keine Werkstatt mehr. - Ich kann entspannt auf Toilette gehen, ohne mich am Färbetopf zu verbrennen oder in Farbplörre zu treten. Die Stoff- und Reisverschlusssammlung, die ich seit über einem Jahr von einer Zimmerseite zur anderen Seite geschoben habe, ist endlich fest verpackt und weggeräumt. (Ganz schaffe ich es doch nicht, mich von meinen Schätzen zu trennen.) Jeder meiner Besucher ist überrascht. „Luise, man kann ja wieder die Wände sehen.“

 

Für das emotionale Loch nach der Perureise ist auch gesorgt: Improtheater, Piercing, Tattoo und ein tolles Masterprojekt. :)

 

 

 

Ich bin so gespannt, was ich euch an Filmmaterial mitbringen werde und was für ein Film es dann am Ende wirklich wird. Da ich jetzt emotional völlig frei bin... hab ich mich Ausrüstungsmäßig völlig eingedeckt, um auf jede Situation vorbereitet zu sein. Diesmal habe ich mich also mit Absicht und aus voller Notwendigkeit zugemüllt... ("Ich brauch das alles wirklich!") :) Und als Papa mir dann noch seine Survivalgadgets ausgeliehen hat... Ich fühl mich wie Lara Croft, verdammt!

 

 

 

Was ich jetzt schon von dieser Reise lernen durfte: Genieße jeden Moment! Gib dir Mühe, aber verbeiße dich nicht in eine Sache. Solang dir die Luft zum atmen nicht ausgeht, ergibt sich immer was.

 

 

 

Es wird der Hammer! Ich freue mich wirklich auf diese Reise mit den Mädels und mit euch eifrigen Lesern und Unterstützern machen zu dürfen.

 

 

 

Eure Luise Croft

 

Frauen in Peru und deren Geschichten und Weisheiten

Heda

In der Recherche zu unserer Peru Inspirationsreise stoße ich immer wieder auf anregende Informationen, die das Leben der peruanischen Frauen betreffen. Also wird sich mein Thema doch auf peruanische Frauen fokussieren.

Ich breche also auf: Mit Kenntnissen die den Alltag der Frauen prägen und deren Charakter und Selbstbewusstsein formen. Die vorherrschende Familiensituation ist dort viel schwerer als unsere in Mitteleuropa. Laut Aussagen der meisten Frauen gibt es viel Gewalt, besonders in armen Familien. Viele Vergewaltigungen. Sekten die mit junge Frauen und Mädchen handeln. Mit Versprechungen auf ein besseres Leben werden Frauen auch nach Europa, vorrangig Spanien und Portugal, gelockt.

Deshalb gibt es schon eine starke feministische Bewegung in Peru.

Und eine Besonderheit – basierend auf Werten der Inkagemeinschaft - sogenannte Gemeinschaftsküchen - eine besondere Art des Miteinanderumgehens, als Erbe ihrer indianischen Vorfahren. Die Beziehungen sind von Solidarität und Gegenseitigkeit geprägt. Ein Ausdruck dieser Solidarität ist, dass die Essenzubereitung kollektiv erledigt wird. Ein anderes Beispiel ihrer indianischen Kultur ist die Zuversicht und Gewissheit des Zurückzubekommens, was sie anderen gegeben haben. Die Aufwertung der Kultur der Frauen findet auch bei kulturellen Aktivitäten sowie Festen statt. Hier haben die Frauen die Gelegenheit die Gebräuche und Kultur durch Tänze und Lieder mitzuteilen. Beider gemeinsamen Zubereitung der Mahlzeiten in der Gemeinschaftsküche tauschen sie ihre Erfahrungen im Gebrauch bestimmter Gewürze und Kräuter aus, die typisch für ihre Herkunftsregionen sind. Daneben profitieren auch die Esser von dieser kulturellen Vielfalt und Esskultur.

Durch diese Art der Kommunikation wird die kulturelle Vergangenheit der Frauen anerkannt, eine Kultur die früher für viele Frauen mit Scham verbunden war. Wenn sie früher in die Städte kamen, waren sie gezwungen ihre Kultur zu verstecken oder abzugeben, um in der Stadtbesser zurechtzukommen. Es ist wichtig die Vergangenheit als Teil von sich selbst zu empfinden. Dies begünstigt die Erfahrung der zeitlichen Kontinuität in sich, die für das Gefühl der Identität notwendig ist. Das Vergessen der Vergangenheit ist auch ein Anschlag auf die Möglichkeit, wertvolle Erfahrungen zu speichern, um mit neuen Situationen besser umgehen zu können. Wie wichtig die Aufarbeitung der kulturellen Erfahrungen ist, zeigen uns die Frauen durch die ungeahnten Antworten auf die drängenden Probleme ihrer Gemeinschaft.

 

Ich bin gespannt auf diese Landfrauen, die noch nichtvergessen haben, was die Natur spricht.

Ich nehme meine gelbe Hose mit, die soll Frauen Glückbringen.

 

Heda

Farben Perus

Fabi

Heute möchte ich euch meine Projektidee vorstellen, mit der ich in wenigen Wochen die lange Reise antrete. - Peru bringt für mich eine Mystik mit sich und wirkt äußert lebendig. Es lässt mich träumen. Ein Wort, das Peru meiner Meinung nach sehr gut beschreibt, ist „Vielfalt”.
Der Grund, weshalb Peru für mich in vielerlei Hinsicht so ein spannendes Land ist, liegt vorallem an seinen vielfältigen Landschaftszonen.
Auf unserer Inspirationsreise werden wir viele verschiedene Orte erkunden. Jeder dieser Plätze wird seine für ihn typischen Charakteristika mit sich bringen. Da ich ein absoluter Naturliebhaber bin und mich in der Natur zuhause fühle, möchte unsere Standorte im Bezug auf die Natur, also Flora und Fauna, sowie Farben, Muster und Emotionen, die es in mir weckt, untersuchen. Diese verschiedenen Stationen und Momente unserer Reise werde ich vorerst in Form der Fotografie und eines Skizzenbuchs sammeln und dokumentieren. Es wird eine Ansammlung von Gedanken entstehen, die mich vor Ort beschäftigen werden. Auch mit künstlerischen Mitteln wie Zeichnen, Illustrieren, Aquarellieren und Collagieren etc möchte ich arbeiten.
Insgesamt möchte ich die verschiedenen Orte in ihrem Sein - also im Bezug auf Farben und Farbkombinationen sowie Farbverhältnissen zueinander, textil darstellen. Die textilen Techniken, die ich für die Umsetzung verwenden möchte, sind vielfältig und noch nicht auf Bestimmte beschränkt. Ich kann mir gut den Digitaldruck sowie die Stickerei für die Umsetzung textiler Flächen vorstellen. Doch auch traditionelle Techniken, die wir vor Ort kennen lernen, können in meinem Projekt Verwendung finden.
Es sollen textile Flächen entstehen, die in ihrer Gesamtheit harmonieren. Doch soll jede einzelne Fläche auch eine eigene Geschichte zu einem bestimmten Ort in Peru erzählen.
Das sind nun erstmal meine Gedanken und Ideen vor der Reise.... So langsam steigt die Vorfreude und auch etwas Nervosität schwingt mit. Diese wird sich sicher legen sobald wir im Flugzeug sitzen bzw spätestens dann wenn wir angekommen sind. Nur noch 12(!!) Tage... Die wichtigsten Impfungen sind schon hinter mir oder die Termine wenigstens ausgemacht und müssen nur noch angetreten werden ...auch die Liste der noch zu besorgenden Dinge wird kleiner- und doch fällt einem spätestens bei Skypegesprächen mit den anderen, ebenso langsam aufgeregten Teilnehmerinnen, noch die ein oder andere Sache ein. Ich bin froh wenn diese Vorbereitungsphase vorbei ist und wir alle endlich im Flieger sitzen und de Entscheidungsfragen ob man noch dies oder das mitnimmt auch endlich entschieden sind.. Eins ist gewiss - man ist ständig mit den Gedanken bei der Reise und der Packliste.. Doch es sind auch Ferien und deshalb werde ich diese genießen und etwas abschalten und fahre nun für ein paar Tage nach Prag..🙂

Der Tag an dem mein Vater ein Krankenwagen kaufte

Swantje

Eigentlich dachte ich, dass ich mir für diese Reise ein Großteil des Equipments bei Freunden leihen werde.

Bis auf die Schuhe natürlich. Die müssen sitzen. Aber nach mehreren Gesprächen mit Menschen, die schon oftmals als Backpacker unterwegs waren, hab ich meine Meinung geändert. Ich bin noch nie in diesem Ausmaß/Sinne vereist und kann deswegen auch auf nichts zurückgreifen, weder Ausrüstung noch Erfahrung. Also bin ich in die nächstgrößere Stadt gefahren, um mich beraten zu lassen.

 

Der Verkäufer war vermutlich erstmal ein bisschen überrumpelt, denn während er den Boden staubsaugt brülle ich ihm entgegen: „In 4 Wochen fliege ich nach Peru und ich brauche noch alles.“ Naja dann mal ran, was? Ich zählte die Dinge auf die ich benötige: Regenjacke, Regenhose, einen Rucksack natürlich am Besten mit Regenschutz, Wanderschuhe, einen leichten Schlafsack, Socken, FlipFlops. Und so arbeiteten wir uns 2-3 Stunden lang durch das Geschäft. Zu meinem Bedauern gab es diesen einen super hübschen und funktionalen Adidas-Schuh nicht mehr in meiner Größe und ich musste auf einen aus der Männerabteilung ausweichen. Nicht so charmant. Aber ich wusste ja das ich mindestens eine Größer höher nehmen muss. Nur haben die Schuhhersteller da irgendwie ihren eigenen Plan, denn letztendlich gab es für mich nur eine 43, obwohl ich sonst eine 41 hab. Als Trost hat der Verkäufer mir immerhin die super fancy pinken Schnürsenkel von dem Adidas-Schuh an meinen Männerschuh angelegt. Auf jeden Fall war das ein echt guter Vormittag. Mein Bruder hat zwar immer wieder gelangweilt gegen den Boxsack getreten, der dort hing, aber danach gabs Burger also alles wieder gut.

 

Es dürfte wohl jedem bekannt sein, dass Schuhe ihre Eingewöhnungszeit brauchen. Besonders Wanderschuhe. Der Verkäufer riet mir sie Zuhause 2-3 Stunden einzutragen. Naja bei gutem Wetter nicht gerade attraktiv, also entschied ich mich bei entsprechender Wetterlage ins Nachbardorf zu watscheln und bei meiner Oma Kaffee zu trinken. Und um reale Bedingungen zu schaffen habe ich auch gleich den Rucksack bepackt und aufgeschwungen. Am ersten Tag hat mich mein Bruder auf seinem Longboard auf dem 4 km langen Fahrradweg zu Oma begleitet. Am zweiten Tag bin ich mal einen Feldweg gelaufen, weil er nicht dabei war. Bei meiner Oma wohnen auch meine Tante und mein Onkel und letzte Woche war meine Cousine mit ihren Kindern da. Volle Bude also, was aber auch hieß : Es gibt Kuchen. Perfekt! Apfelkuchen und Orangensaft.

 

Wieder zurück, sehe ich meinen Vater mit dem Anhänger hantieren. Er schiebt ihm am Carport hin und her. Ich setze die Tasche ab und gehe hinter, als mich ein Rettungswagen angrinst. Joa. Mein Vater hat vor vielen Jahren einen Partnerschaftsverein ins Leben gerufen und unterhält sehr gute Beziehungen nach Frankreich, Tschechien und Ungarn. Jedes Jahr fährt er nach Ungarn und bringt Kleidung und Spielzeug für Kinder und Erwachsene. Dieses Jahr gibts wohl einen RTW. Naja der Ort hat keinen guten Krankenwagen und durch eine Förderung ist es möglich dass er wieder einen bekommt. Beim Abendessen, draußen neben dem RTW hatte dann jeder ne Menge vom Tag zu erzählen.

Dok... Dok... Dokumentation...

Luise

 

Vorlieben und Ziele ändern sich... bla bla bla... pathetisches Gequatsche hier... ein Kalenderspruch da. Kurzum: Es kommt wir wie eine Ewigkeit vor, als wir uns vor einem Jahr in Swantjes Garten die ersten Ideen zu buntesgold besprachen. Damals wollte ich mit Alpakawolle Mythen und Legenden des Landes illustrieren... jetzt traf es sich.... das ich dazu überhaupt keine Lust mehr habe. Ich ergriff also die Chance (und schon werde ich wieder pathetisch.... stellt euch einfach im Hintergrund die wehende amerikanische Flagge vor), als nun auch der letzte Dokumentarfilmer abgesprang, dass ich mir diese Aufgabe nun annehme und der Dokumentation unsere Reise mein Hauptaugenmerk gilt.

 

 

 

Auf was dürft ihr euch freuen:

 

 

  • Videos: Neben dem Videotagebuch, in welchem ich jeden Tag all abendlich mein Gesicht vor die Kamera schiebe und in drei Minuten den Tag zusammenfasse, möchte ich auch als stumme Kamerafrau jeden Schritt unserer Reise festhalten. Der Film ist ein Medium mit dem ich mich sehr verbunden fühle, weil die Wahrnehmung über Ausschnitte und Komposition funktioniert. Ich gestalte indem ich reduziere, auswähle und vorenthalte. Das technische KnowHow, eigne ich mir nach und nach an. Meine filmhandwerklichen Defizite kann ich hoffentlich mit einer Brise Humor und Selbstironie charmant aussehen lassen. :) Ich verstecke mich gern hinter der Kamera, während die anderen die Interviews führen, sich über die Hitze beschweren und unter freiem Sternenhimmel ohrenbetäubend schnarchen.

  • GPS-Tracking: Damit wir unsere Reiseroute genau verfolgen können, würde ich meine Abneigung gegen Datenüberwachung überwinden und eine Art Locker einrichten. Vielleicht funktioniert auch eine Liveschaltung... ob für die Öffentlichkeit oder nur für unserer Mamas und Papas (damit die auch wissen wo wir verschütt gegangen sind) ... da muss ich noch mal schauen. :)

  • Zeichnerische Beobachtung: Es wird Momente auf unserer Reise geben, die wir nicht mit Kamera festhalten können oder wollen. :) Gerade besuche ich einen Illustrationsworkshop bei Aljoscha Blau.- Neben der unglaublichen Inspiration und den wichtigen Tipps, die ich da bekomme, habe ich auch die Freude am Zeichnen wiederentdeckt. Für mich ist es wichtig, Situationen und Menschen schnell auf Papier zu erfassen. Wie´s so schön heißt: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.

  • Texte... Texte... Texte: Mein letzter Familien Urlaub diente schon als Probe für eine sarkastische Dokumentation... und es kam sehr gut an! Ich bin also guter Dinge! Allerdings werden zwei Sparten an Texten entstehen. Zum einen die strikte Reiseberichterstattung vor Ort. Zum anderen eine Sammlung an Kurzgeschichten, die sich an unseren Begegnungen orientieren, aber der Unterhaltung wegen nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen müssen. Dies wird auch mein längerfristiges Projekt, dass ich dann auch mit der Illustration verbinden kann. :)

 

 

 

Peru ist ein faszinierender Ort und ich möchte ihn vergleichend zur westlichen Kultur untersuchen. Was eignet sich also besser, als eine fünfköpfige, sächsische Künstlergruppe in ungewohnter Umgebung zu beobachten, wie sie sich mit geballter südamerikanischer Essenz umhüllt und in Farben und Hitze schwelgt. (Den Göttern sei Dank stehe ich hinter der Kamera. :) )

 

 

 

Seit versichert, ich werde hartnäckig und unbarmherzig sein! In den Aufnahmen werdet ihr des öfteren ein genervtes: „Luise, filmst du das?!“ hören... und danach mein leises Kichern....

 

Der Schock  

Heda

 Nach einem riesigen Marathon: Abschlussprüfung, einen Tag später Familienurlaub mit Material fürs Theatercamp, das heute mit der Premiere beendet wurde steh ich da.

 

Geimpft, fast vollständig ausgerüstet, mit finanzieller Unterstützung im Rücken, Träumen im Kopf und ein bisschen Schiss in der Hose.

Angekommen von einer spannenden Theaterreise und mega müde.

Gerade heute ist die Vorstellung einer langen Reise über den Ozean ein bisschen gruselig.

 

Ich sehe mich schon im Tagtraum jammern: Lasset mich in Ruhe sterben! Ich gehe keinen Schritt weiter!

 

Im Ernst, ich hoffe, ich schaff es, mich die restlichen 24 Tage auszuruhen. Plötzlich ist es furchtbar wenig. Ich muss mich noch um die Familie kümmern, damit die es ohne mich schaffen. Nee, ich halte von mir als Mutter und Partnerin nicht so viel, aber ein bisschen schlechtes Gewissen hab ich doch.

 

Andererseits tauche ich tiefer und tiefer in Tagträume unter die Inkas, ich bin bereits Mitglied von allen möglichen Facebook- Seiten, die mit Peru zu tun haben: Freunde des Peru /Přátelé Peru,

AYAHUASCA

 

Ich kommuniziere mit einigen interessanten Leuten, unter anderem mit Archäologen und Künstlern.

 

Einer der Interessanten ist der gebürtige Tscheche Tomáš Stěhule. Archäologie und Kunst begeistert ist er und postet jede Woche mindestens einen Beitrag. Manche machen Lust, manche schrecken ab:

 

„Neuste Ausgrabungen bei Lima ! 4500 Tausend Jahre alt. Nur 20km von Lima entfernt!“

 

„Neue Sekte in Peru, die junge Frauen aus Europa sexuell missbrauchen. Opfer kommen begeistert nach Peru, werden gleich in Lima entführt und sind für immer verloren.“  - Inklusive Fotos der vermissten Frauen.

 

Meine Güte! Da kann ich endlich mal froh sein, dass ich so alt bin! Aber da flüstert schon die andere Stimme: „Idealfall für Diebe!“

 

„Ruhe jetzt!“ versuche ich mich zu beruhigen... ist doch alles Quatsch!

 

Trotzdem nur noch 25 Tage?!?!? Soll ich vorsichtshalber innerlich Abschied nehmen?

 

Wenn ich wieder zurück komme, ist einige Zeit vergangen. Die Kinder sind ein Monat älter, unser Kater wird wieder nicht mit mir reden.....

 

In meinem Gehirn rudern Gedanken die mich ein bisschen schockieren: Bin ich zu egoistisch? Dürfen Mütter solche Reisen machen? Was mach ich, wenn zu Hause etwas passiert?

 

Ich denke solche Gedanken hat eigentlich jeder von uns. Dieser Ausstieg aus dem Alltag hat unwahrscheinlichen Reiz und gleichzeitig macht er Angst. Auch mir, auch wenn ich schon einiges gewagt habe.

Interessant, man traut sich einen Schritt raus, es fühlt sich fantastisch an, dann noch einen, noch einen und kurz vor dem Abheben vom Boden kommt so eine Bremse. Nun Augen zu und durch....

Heute in einem Monat sind wir schon in Peru!

Fabi

....Wahnsinn, jetzt wo das Semester geschafft ist und die Bachelorverteidigungen auch alle gut über- und bestanden sind, die Ateliers ausgeräumt wurden- da kann man doch so langsam wohlverdient das Hirn in den Ferienmodus umschalten.... und dabei realisieren, dass Peru ja wirklich nur noch ein Katzensprung entfernt ist! Jetzt können und müssen wir uns in den letzten Wochen vor Abflug nochmal so richtig reinhängen, dass dann auch alles Wichtige geplant und gebucht usw ist. Auch die To-Do-Listen an Impfungen und Einkäufen (für noch notwendige Kleidung und Ausrüstung und sonstigen Dingen) wird momentan abgearbeitet.
Aber ein Haken konnte schon gesetzt werden- Die Crowdfundingsumme ist tatsächlich dank all der Unterstützer und Unterstützerinnen da draußen verwirklicht wurden! Da ist schon mal eine große Last von unseren Schultern gefallen; nun konnten schon die ersten Unterkünfte und Ausflüge bezahlt werden. Da unser Flug von Berlin nach Lima geht, werden wir dort auch die ersten 6 Tage verbringen. Die Unterkunft, bei airBnB gebucht, steht nun auch schon fest. Nach den ersten Tagen in der pulsierenden Hauptstadt gehts dann via Nachtbus weiter nach Cusco, ganze 22 Stunden Fahrt warten dann auf uns- auch das wird eine kleine Abenteuerreise werden...
Dort angekommen, bleiben wir wieder ca eine Woche vor Ort. Wie genau unsere Tages- und Wochenabläufe sein werden, werden wir in einem weiteren Blogeintrag berichten! Denn das steht momentan noch nicht 100pro fest, definitiv werden wir uns aber in Cusco dem leider sehr touristischen Ausflugsziel Machu Picchu hingeben, denn für uns war klar, wenn man einmal in Peru ist, möchte man auch den Ort, an dem eines der sieben Weltwunder zu finden ist, aufsuchen. Ich bin gespannt wie diese unglaubliche Kulisse auf uns wirken wird, wenn es leider gleichzeitig über die letzten Jahre eine Massenabfertigung von Touristen geworden ist und eigentlich für ebendiese Massen nicht ausgelegt ist. Dieser geheimnisvolle Ort bringt wohl lauter Mysterien und Fragen mit sich ....beispielsweise die Frage der Entstehung oder auch die damalige Nutzung und Aufgabe dieses Orts...
Da genau diese Fakten bis heute nicht eindeutig geklärt sind, ergaben sich sehr viele Theorien: Bekannt ist, dass Machu Picchu aus vielen Ruinen besteht, die Stätte von den Inka erbaut wurde und dass es Weltkultur- und Naturerbe der UNESCO ist. Machu Picchu wurde 1911 vom amerikanischen Wissenschaftler Hiram Bingham entdeckt, vor den Spaniern blieb es damals in Verborgenheit. Die Lage von Machu Picchu ist äußerst spektakulär. Die Inka-Stätte liegt auf einem Bergrücken und ist kreisförmig von dem Heiligen Fluss der Inka umgeben. Es scheint ein besonderer Ort in einer heiligen Landschaft gewesen zu sein. Verstärkt wird diese Theorie vor allem mit dem Einfluss der Sonne, da diese sich perfekt zu bestimmten Uhrzeiten an bedeutsamen Bergen ausrichtet. Die Inka bauten wohl gezielt Fenster, sowie Räume und Monumente, welche die Sonnenstrahlen einfangen und gezielt Schatten werfen. Hoffentlich wird bei unserem Besuch vor Ort dieses Schauspiel auch erkennbar sein. Bis es aber soweit ist, gilt es nun erstmal noch die Liste der anstehenden Aufgaben weiter abzuhaken... 

Das Leben der Anderen-Peruanische Version

Swantje

Dass wir uns aus unserer Komfortzone bewegen für unsere Reise ist hoffentlich allen klar. Reisenden sowie Reise-Verfolgern. Übers Essen hab ich mir schon meine Gedanken gemacht. Ob da überhaupt was für unsere Einstellungen und Geschmäcker am Start ist. Sieht eigentlich ganz gut aus, finde ich. Meine mangelnde Reise-Erfahrung veranlasst mich heute dazu mal zu recherchieren wie das denn so mit Wohnen in Peru ist. 

Klar ein Hotel buchen ist herkömmlich, aber auch so ein bisschen Pre-Millenium.

Fabi und Magda haben sich (glaube ich) schon öfter mit dem Konzept von Airbnb auseinandergesetzt. Zumindest sind sie da im Suchen fitter als ich. Ich habe keinerlei Preisvorstellungen und weiß daher auch nicht so recht was für eine südamerikanische akzeptabel ist. Fotos können ja immer retuschiert sein oder aufgehübscht.

Nun ja 2 Unterkünfte haben wir schon gebucht für unsere wichtigsten Anlaufpunkte Lima und Cusco.

Aber was wäre wenn wir keine Touristen, sondern Peruaner wären? Wie würden wir dann leben und wohnen? Mein kleines Gedankenexperiment.

Interessant wäre da die Frage nach der Klimazone. Wir könnten im Dschungel aufgewachsen sein, an der Küste, den Anden oder einer Wüste.  Jede Landschaft birgt seine eigenen Bedingungen. Zum Beispiel ob der Boden fruchtbar ist und Tier und Mensch allein nur durch die Natur leben und überleben können. Auch welche Roh- oder Baustoffe vorhanden sind um ein eigenes Hüttchen zu bauen. Ansonsten müssten diese vermutlich teuer eingekauft werden. Naja mein Vater sagt immer ein richtiger Mann muss einmal im Leben bei einem Hausbau dabei gewesen sein und/oder selbst gebaut haben. Da lernt man wat fürs Leben.

Egal wo wir uns befänden- großzügige Eigenheime oder Zimmer wären nicht auf der Tagesordnung. Auch im 21. Jahrhundert ist es in Peru ganz normal mit der Familie zusammen zu wohnen. Studenten haben keine große Auswahl an Wohnheimen oder WG‘s. Ist halt teuer, die Familie zu versorgen und gleichzeitig noch ein Groschen für das Wohnheim des Kindes übrig zu haben.

Aber Familie hat in Südamerika auch eine andere Definition als bei uns Deutschen. 

Also würden wir vermutlich frühs (wat für uns Studenten halt früh ist) aufstehen und den Eltern beim Frühstück helfen. Vielleicht wären unsere Eltern auch schon aus dem Haus zur Arbeit und wir müssten unsere Geschwister für die Schule fertig machen.  

Dann ab auf den weiten Weg zur Uni oder Ausbildungsstätte. Möglicherweise würden wir aber auch schon arbeiten, denn schon alleine der Besuch der Grundschule ist für viele Familien nicht erschwinglich. 

Im Internet fand ich den Kommentar einer ehemaligen Lehrerin aus Peru, sie hat 7 Jahre für 80 Euro im Monat gelehrt, aber die meisten Dinge waren trotzdem so teuer wie in Deutschland.

Eine Wohnung mit 2-3 Zimmern in Lima kostet zwischen 700 und 900 Euro , je nach Viertel.

Daher würde unsere Familie vermutlich außerhalb wohnen und wir würden einen weiten Weg zu Fuß zur Arbeit nehmen. Jaaa zu Fuß, denn dass man zum 18. Geburtstag ein Auto geschenkt bekommt, ist selbst in Deutschland keine Selbstverständlichkeit. In Peru noch viel seltener der Fall.

Nach wahrscheinlich harter Arbeit , als Frau im Haus vielleicht am Webstuhl oder ähnlichem, kämen alle zum gemeinsamen Abendessen zusammen. Dieser Aspekt ist für Peruaner, wie Deutsche wichtiger gesellschaftlicher Punkt. Würde aber in unserem fiktiven Leben in Peru konsequent durchgesetzt werden. Das Essen wäre bestimmt sehr farbenfroh und lecker, anschließend würde der Tag allmählich zu ende gehen.

Natürlich ist das hier kein Tatsachenbericht. Manches kann ich nur erahnen. Aber ich hoffe dadurch das wir auf klassische Hotels verzichten lernen wir ein bisschen echtes Peru-Feeling kennen. Ich muss jetzt erstmal die Finger still halten, meine Hepatitis Impfung zeigt Wirkung.

Morgen packe ich meine Tasche für Lindow ( den Ausgangspunkt unserer Projekt-Idee) wo ich bis zum Abflug bleibe- das bedeutet ick muss meinen Grips anstrengen was ich alles jetzt schon mitnehme. 

Reisepackliste

Magdalena

Wie versprochen möchte ich nun endlich meine persönliche Reisepackliste vorstellen.

Zu Anfang sei gleich gesagt, dass es MEINE Packliste ist. Für einige von euch ist sie sicher weder vollständig, noch in allen Punkten nachvollziehbar. Deshalb werde ich auch auf einige Punkte nochmal gesondert eingehen.

Ich schreibe vor jeder noch so kleinen Reise eine Packliste. Mittlerweile bin ich echt gut darin, Dinge nicht mehr zu vergessen... Hier ist das gute Stück:

Klamotten:

Mit den Klamotten geht es den Menschen, wie den Leuten. Meistens nimmt man zu viel mit. Und vor allem nimmt man wirklich komische Sachen mit. Wie ich in meinem Eintrag über die wirklich wichtigen Dinge auf Reisen schon geschrieben habe, gibt es das komische Phänomen zu glauben, im Urlaub würden einem bestimmte Sachen plötzlich besser passen oder gefallen. Ist nicht so. Deshalb Appell Nr. 1: NEHMT EUCH VERTRAUTE, BEQUEME SACHEN MIT! Natürlich kommt es immer auf die Länge der Reise und das Reiseziel an, WAS und WIEVIEL man jeweils mitnimmt. Da wir einen ganzen Monat in Peru sind, habe ich jetzt also meine persönliche Rechtfertigung meinen Rucksack mal wieder so richtig schön vollzukrachen!!! :)

Wenn man nicht gerade einen Hotelurlaub mit feinen Restaurants antritt, kann man jegliche Arten von hohen Schühchen getrost zuhause lassen. Zieht man eh nicht an.

 

Waschtasche:

Ja.... mit den Kosmetikartikeln und Co ist das so eine Sache. Die Liste umfasst bei mir die meisten Punkte. Keine Sorge, eine übertriebene Tussi bin ich ganz sicher mit aber mein Appell Nr. 2 lautet:

VERZICHTET AUF GAR KEINEN FALL AUF IRGENDWAS AUS DER WASCHTASCHE. Es ist einfach richtig schrecklich, wenn man die gewohnten Alltagsgegenstände aus dem Bad nicht bei sich hat. Nachkaufen in andern Ländern ist eine der größten Illusionen, die man auf Reisen so vor sich herschiebt. Vor allem in Südamerika herrschen da andere Standards. Drogerien wie in Deutschland sucht man vergeblich. 

 

Privates:

Super Punkt. Jeder entscheidet, was er so bei sich haben will. In der Liste steht ein Vorschlag meinerseits.

Was ich vor allem bei Reisen in der Gruppe gut finde, sind (und hier kommt Appell Nr.3: ) Mp3 Player bzw. Kopfhörer mit Musik oder Hörbüchern dahinter. Die Privatsphäre ist dann nämlich meistens gar nicht mal so sehr ausgeprägt und so kann man sich etwas für sich zurückziehen.

 

Sonstiges, Nützliches:

Unbedingt empfehlen will ich das U-Kissen fürs Flugzeug oder längere Autofahrten. Ich wette jeder kennt das Gefühl ohne Kopfstütze einzuschlafen und dann mit den Schmerzen eines halbabgeknickten Halses aufzuwachen. Es gibt Modelle, die man aufpusten kann. So nehmen sie nicht so viel Platz weg. Appell Nr. 4: KAUFT EUCH SO EIN DING! 

Außerdem sind Plastiktüten sehr nützlich. Das Chaos, das innerhalb von Stunden in einem Rucksack entstehen kann, umgeht man durch das Sortieren der Gegenstände in verschiedene Tüten. Wenn es regnet und der Rucksackregenschutz nicht gerade Parat ist, schützen sie die Kleidung & Co trotzdem vor Nässe. 

Ansonsten natürlich kleine Helferlein wie ein Taschenmesser, Feuerzeug, Nähzeug, Taschenlampe etc. (Vorsicht, nicht alles darf ins Handgepäck!!!)

 

Dokumente, Wichtiges:

Ein kleiner Tipp ist es den Reisepass (oder in Europa den Ausweis) zu kopieren und an mehreren Stellen zu verteilen. Wenn er verloren geht, ist man nicht ganz so aufgeschmissen. 

Einen Brustbeutel oder eine Bauchtasche für Geld und eben diese wichtigen Dokumente kann ich auch nur wärmstens empfehlen. Appell Nr. 5: ICH WÜRDE DIESE SACHEN NIEMALS IN DEN RUCKSACK STECKEN! Die Gefahr, dass sie geklaut werden ist einfach zu groß!

 

 

 

Ich hoffe, dass diese Liste mit den Tipps etwas hilfreich ist. Die Appelle sind natürlich mit einem Augenzwinkern zu betrachten. Wie gesagt, das ein oder andere kann sicher noch ergänzt oder auch weggelassen werden. Bei Anregungen schreibt mir gerne!

Mach´s wie Goethe...

Luise

 

„Zu meinen Hobbys gehören: mein Hund, WOW und Reisen...“ Wie oft hab ich schon gehört, dass Menschen das Reisen als Hobby betreiben. Gibt es da eigentlich irgendwelche Richtlinien? Ich meine, ich reise auch jeden Tag von der Couch zum Kühlschrank. - Trotzdem schreibe ich das nicht in mein Online-Profil... Für jeden bedeutet Reisen etwas anderes. Heute gibt’s einen gaaaanz kurzen Exkurs in Sachen Reisegeschichte:

 

Als unsere Vorfahren vor 100.000 Jahren noch als Nomaden von Ort zu Ort zogen, konnte man nicht wirklich vom Reisen sprechen. Auch als der Mensch schließlich sesshaft wurde, dienten die Tagesreisen nur der Nahrungsbeschaffung... von Einklang mit der Natur, Inspiration und neue Orte entdecken war nicht die Rede.

 

Erst in der Antike, als die Griechen und Römer klar zwischen Arbeit und Freizeit unterschieden, erlaubte sich die Oberschicht zu Reisen. Meist waren es Philosophen und Rhetoriker, die sich auf weitverzweigte Pfade aufmachten. Das gut ausgearbeitete Straßennetz im römischen Reich machte das reisen angenehmer. Gereist wurde viel zu Fuß. - Nur die äußerst gut betuchten konnten sich ein Pferd oder gar eine Kutsche leisten. Raststationen und Herbergen an den Straßen waren auf die Bedürfnisse der Reisenden abgestimmt.

 

Als das römische Reich zerfiel, verfielen auch die Straßen. Aber mit dem Aufstieg des Christentums und der Völkerwanderung kam die Wallfahrt immer mehr in Mode. Bestes Beispiel: der Jakobsweg.

 

Im Mittelalter reiste man dann wieder weniger aus Vergnügen sondern aus zweckmäßigen Gründen. Ob aus Berufsgründen (militärische Berufung oder Kaufleute) oder der Glaubens- und Wissensverbreitung wegen (Pilger, Geistliche, Gelehrte) – das Reisen zu dieser Zeit war sehr unbequem. Unbefestigte Wege, Trickbetrüger und Räuber an Land – Seeräuber auf dem Meer. In erster Linie aber war die Natur das größte Hindernis: Temperatur, Wetter und Tierwelt verhinderten oder verlängerten so manche Reise.

 

Bildungs- und Forschungsreisen kamen ab dem 17. Jahrhundert in Mode: Zu den bekanntesten Vertretern gehört zum einen Alexander von Humboldt – der deutsche Naturforscher schlecht hin, und Johann Wolfgang von Goethe, der sich im September 1786 auf den Weg nach Italien machte und als Pantheist Inspiration in Natur und Menschen fand:

 

 

Wanderlied

Von dem Berge zu den Hügeln,
Niederab das Tal entlang,
Da erklingt es wie von Flügeln,
Da bewegt sich's wie Gesang;
Und dem unbedingten Triebe
Folget Freude, folget Rat;
Und dein Streben, sei's in Liebe,
Und dein Leben sei die Tat!

Denn die Bande sind zerrissen,
Das Vertrauen ist verletzt;
Kann ich sagen, kann ich wissen,
Welchem Zufall ausgesetzt
Ich nun scheiden, ich nun wandern,
Wie die Witwe, trauervoll,
Statt dem einen, mit dem andern
Fort und fort mich wenden soll!

Bleibe nicht am Boden heften,
Frisch gewagt und frisch hinaus!
Kopf und Arm mit heitern Kräften,
Überall sind sie zu Haus;
Wo wir uns der Sonne freuen,
Sind wir jede Sorge los;
Daß wir uns in ihr zerstreuen,
Darum ist die Welt so groß.

 


 

Ab dem 19. Jahrhundert geriet die Bildung etwas in den Hintergrund. Vergnügungs- und Erholungsreisen nach Istanbul und Ägypten standen mit Orientexpress und Dampfschiff an der Tagesordnung wohlbetuchter Leute. Durch die Industrialisierung waren nun auch solche Entfernungen mit einem großen Maß an Luxus und keinem allzu großen Zeitaufwand möglich. Im Jahr 1845 gründete Thomas Cook das erste Reisebüro in Leicester, England.

 

Zur Zeit des Nationalsozialismus wurde Tourismus als politisches Mittel eingesetzt. Über die Organisation „Kraft durch Freude“ wurden sehr günstige Reisen angeboten, welche sich auch niedrig-Lohn Verdiener leisten konnten.

 

Der Aufschwung nach dem zweiten Weltkrieg, machte die Urlaubsreise zum Massenprodukt. Durch Standarisierung und Abfertigung in hoher Stückzahl war es möglich, die Preise niedrig zu halten und den Reisenden das Fernweh in den wachsenden Städten zu nehmen.

 

 

Wenn ich mir die Entwicklung des Reisens anschaue, stellt sich mir eigentlich nur eine Frage: Wieso muss man heutzutage zwischen Bildungsreise und Urlaub unterscheiden? Gut, ich kann auch nicht verstehen, wieso ich extra nach Thailand fliegen muss, um in einem abgesperrten All-inclusive Reservoir schwimmen zu gehen... Aber ist es nicht die Neugier auf andere Kulturen und der Wunsch etwas von einem fremden Ort für sich selbst mitzunehmen, der uns erst auf Reisen gehen lässt? Ich würde unsere Perureise auch nicht als Urlaub betrachten, aber trotzdem nehme ich ja alle Strapazen auf mich, weil ich weiß, dass mir diese Reise gut tun wird und ich so viel neues lernen werde.

Goethe hatte auf seiner Italienreise übrigens immer sein eigenes Bett mit dabei... Das mach ich auch! (Mein Blick fällt auf den muffigen, grünen Schlafsack in der Ecke.) Aber meinen Zylinder lass ich dann doch lieber daheim...

 


 

„Und noch die Sache mit dem Impfen !!!“

Heda

...fiel mir vor zwei Wochen ein. Na alte Schwede …Vorprüfungsstress und noch das.

Da renne ich zum Arzt um mich zu beraten zulassen und meine Sachen zu bestellen. Oh wie dankbar bin ich dafür, dass ich schon vor einem Jahr wegen eines kleinen Unfalls im Krankenhaus geimpft wurde.

Der Arzt strahlt: „ Ach Peru ..“. - Sein Blick kriegt verträumte Vorhänge... „ Das lohnt sich, wirklich .. wunderschönes Land!“

Er empfiehlt mir Hepatitis A, B und Cholera... Cholera? Hm bis jetzt hat keiner von Cholera gesprochen. Na gut, er war ja da - ist ein sympathische Arzt .. was soll´s -mach ich auch. Ich bekomme einen Termin und die Liste für die Apotheke und renne los. Zuerst in die Apotheke, alles alles ist vorrätig, toll, sie packen es mir das in Kühlbox. Hmm nicht schlecht, wieder mal eine deutsche Überraschung - die denken echt an alles... Mit äußerst guter Laune antworte ich auf die Frage:

„Wollen sie das gleich bezahlen oder bei Abholung?“

„Ach gleich... danke“„ 230 Euro.“

„?!“ … „Pardon ichhab vielleicht nicht verstanden..“

„Kein Problem 230 Euro“

Und ich denke: Krass, das ist eine Ausgabe, mit der ich nicht gerechnet habe. Na gut, es ist so wie es ist. So muss sich ein Choleraanfall anfühlen.

 

Einen Tag später geht es zur Sache: Früh impfen und dann nach Schneeberg, in der Schule und ackern ackern ackern, damit ich alles zur Prüfung rechtzeitig fertig kriege. Am Vormittag kämpfe ich mit schwerem komischen Druck in meiner halben Körperseite, vor allem in Oberarm.. na klasse.. ich gehe ins Bett.

Drei Tage später … meldet sich wieder meine innere Stimme: „Die Sache mit dem Impfen!“ Man, ich hab die Choleraimpfung zu schlucken vergessen. Muss ich spätestens heute machen, dann nach eine Woche wiederholen ... aber da bin ich schon mit meine Familie im Urlaub, also definitiv ohne Kühlbox... Ich verlege es auf den Abend und hoffe, dass ich die komischen Zustände überschlafen kann. Zuerst macht mich die extra Tüte mit Himbeergeschmack misstrauisch. Wenn die schon sowas freiwillig dazu legen… Ich vermische alle Zutaten und denke hauptsache schnell austrinken und gut.…...........mmmmmmmmmm.........iiiiiiiiiiiii............... Also ein Gute-Nacht-Trunk ist das nicht. Definitiv nicht. Hoffentlich wach ich wieder auf...

Ich schlafe tief und fest... Träume über Pfützen aus denen ich trinken kann.

Früh bin ich eine Stunde vor dem Weckerklingen wach und spüre einen ziemlich komischen Geschmack in meinem Mund. Bleee … hoffentlich macht das der Kaffee wieder gut.

Und das gleiche in einer Woche nochmal!!!

In einem Monat noch Hepatitis und Gelbfieber. Wer hat sich diese Projektreise ausgedacht?

Ach ja... ich... na dann, mutig sein und Klappe halten!

 

Bis zum nächsten Mal! Hoffentlich ... Heda

Feiertage, Feste und Traditionen

Fabi

(Ein kurzes Prä-PS: Unsere Crowdfundingkampange geht langsam zu Ende! Bald haben wir unser Ziel erreicht! Vielen Dank an die bisherigen Unterstützer! Ihr seit echt toll! Bitte verbreitet weiterhin den Link zur Seite! www.visionbakery.com/peru )
Jetzt geht´s aber los:
In Peru steppt ganzjährig der Bär - ob die Traditionen und Bräuche nun andiner oder christlicher Natur sind, ist nebensächlich. - Die Peruaner sind darauf insgesamt sehr stolz. Jeder hat die Assoziationen und Bilder pompöser Karnevalsumzüge im Februar in ganz Südamerika im Kopf oder auch die feierlichen Prozessionen zu Ostern in der „Semana Santa“, der heiligen Woche. Mit diesem Hintergedanken habe ich mich mal auf Recherche begeben ... es gilt Wissenlücken zu füllen... Nicht dass wir, im Vorbereitungs-und Packwahn versunken, vergessen mal nachzuschauen was in der Zeit unseres Aufenthalts so bevorsteht- Nationale Feiertage, Feste? Um uns Peinlichkeiten zu ersparen, hab ich mich also mal auf den Hosenboden gesetzt  
und siehe da - Zwei Daten rahmen ungefähr unseren Reisemonat ein:

Nur 5 Tage nach unserer Ankunft in Lima ist am 30. August in Peru nationaler Feiertag, nämlich der “Dia de Santa Rosa de Lima”. Rosa von Lima lebte im 16. Jahrhundert und wird in der römisch-katholischen Kirche als Heilige verehrt. Sie ist Patronin von Lima, Peru, Südamerika, Westindien und der Philippinen sowie der Gärtner und Blumenhändler. Sie wird bei Verletzungen, Entbindungen und Familienstreitigkeiten sowie gegen Ausschlag angerufen. Auch jede Menge Kirchen tragen ihren Namen und gedenken so an sie. In wie weit dieser Feiertag zu spüren bzw zu erleben ist, werden wir sehen...
Ein weiteres großes Fest und eines der größten Spektakel Perus ist das „Inti Raymi“, Quechua für
„Sonnenfest“, und findet jährlich am 24. Juni in der Inka Hauptstadt Cusco statt und zeigt eine Inszenierung der zeremoniellen Verehrung der Sonne. Wenn es ein Sonnenfest gibt, dann natürlich auch ein Mondfest mit dem Namen „Coya Raymi“. Dieses wird im Andenhochland gefeiert und spielt sich ebenfalls jährlich ab, immer im Zeitraum vom 22.-26. September; also wenige Tage vor unserer Abreise! Es ist ein Fest für die „Coya“, die Inka Frauen der kaiserlichen Familie, aber auch für den Mond, der für die weibliche Göttlichkeit steht.
Diese Feier findet während der Frühjahrs-Tagundnachtgleiche im zehnten Monat des Inkakalenders statt und ist eine Zeremonie, bei der der Frühling eingeleitet wird. Hierzu gibt es leider weniger Infos in Reiseführern, Büchern und im Netz zu finden als zum Sonnenfest, da dieses eindeutig touristischer ist als das Mondfest...trotz alledem werde ich gespannt sein, inwiefern dieses Fest gelebt und gefeiert werden wird! Mir wäre es ja sogar lieber, ein weniger touristisches Event miterleben und erfahren zu können...
In wenigen Wochen werden wir mehr dazu berichten können, wenn wir tatsächlich selbst vor Ort sein werden,
bis dahin! :)
PS: Unsere Crowdfundingkampange geht langsam zu Ende! Bald haben wir unser Ziel erreicht! Vielen Dank an die bisherigen Unterstützer! Ihr seit echt toll! Bitte verbreitet weiterhin den Link zur Seite! www.visionbakery.com/peru

 

Hokus Pokus Peru

Swantje

 Während ich meinem Studenten-Image gerecht werden wollte und mir 356 Folgen meiner Lieblingsserie in 5 Stunden ansehen wollte, stolperte ich über Peru.

In der Serie sprachen sie über Holz aus Peru und Ecuador. Nachdem ich 3 mal zurückgespult und meinen PC offenbar völlig überfordert hatte, konnte ich den Namen dann verstehen: Palo Santo-Heiliges Holz. 

Und schon war es hinüber mit meinem gemütlichen, Bachelorthesis-aufschiebenden Sonntag im Pyjama.

Hier also ein kleiner Beitrag für die Vodoo-Affinen, Abrakadabra-Besessenen und Horoskope-Leser.

 

Palo Santo ist Teil eines Balsambaumgewächses und wird als Stäbchen oder Räucherharz angeboten. Die Bestimmungen für den Umgang mit dem geschützten Baum sind sehr streng, wodurch das letztendliche Produkt verhältnismäßig teuer ist. Aber wir wollen ja schließlich nicht so eine herrlich klingende Pflanze wie das heilige Holz verlieren.

Er ist das südamerikanische Äquivalent zu unserem Weihwasser oder Weihrauch. Seine Ursprünge sind weitaus spiritueller als die Shopping-Seiten im Internet uns weismachen.

Wie es sich für ein südamerikanisches Land gehört, praktiziert der Dorf-Schamane mit diesem Holz und lässt es auf glühenden Kohlen räuchern. Da Schamane gleichgesetzt mit Ärzten sind oder waren, kam jeder mit einem Leiden zu ihm und erhielt unter anderem eine Behandlung mit Palo Santo. Ob Übelkeit, Entzündungen, Erkältung- vieles wurde durch Aufgüsse oder Räuchern behandelt. Darüber hinaus vertreibt der Duft Insekten und Käfer- was ich ehrlich gesagt höchst attraktiv finde, denn ich weiß dass ich mich ständig nach Krabbeltieren umsehen und eingebildetes Jucken verspüren werde.

 

Als weiteres Einsatzgebiet soll Palo Santo bei spirituellen Problemen helfen, zum Beispiel bei Heimsuchungen, Besessenen oder negativen Einflüssen. Zur Behebung dieser Unstimmigkeiten wird ein Ritual durchgeführt. Das Holz wird angezündet und man bewegt sich damit durch den Raum und verteilt den Rauch an Fenstern und Türen, an allen Öffnungen um entweder die Geister darüber entweichen zu lassen oder sie draußen zu halten- da bin ich mir nicht sicher.

Hierbei spielt die Farbe des Rauchs eine wichtige Rolle: dunkler Rauch bedeutet dass negative Energien beseitigt werden, heller Rauch das man nochmal eine extra Runde drehen muss. Irgendwie umgedreht zu den Papstwahlen- oh man das bietet ja wieder Spielraum für satirische Anmerkungen.

 

Um das Klischee von alt-indianischen Hilfsmitteln abzurunden soll das heilige Holz eine sinnesbeeinträchtigende Wirkung haben. Schlaffördernd oder aufputschend- alles dabei. Einfach ein bisschen die Bude zu räuchern und je nach Gemütslage verstärkt sich dann der psychische Effekt. 

 

Solche Sitzungen würde ich vermutlich nur in Peru machen, in richtiger Atmosphäre, denn ich bezweifle, dass in meiner 16qm Wohnküche zwischen trocknender Wäsche und Basilikum die richtige Stimmung aufkommt.

Und eigentlich bin ich ja auch kein spiritueller Mensch, lass mir aber trotzdem gerne von Luise die Karten legen.

Weltenbummler

Magdalena

Hallo Zusammen,

 

eigentlich wollte ich ja heute die SUPER REISELISTE mit euch teilen, aber gut Ding will Weile haben, deshalb vertröste ich euch nochmal. Stattdessen möchte euch heute eines meiner Projekte vorstellen, das- wie ich finde- irgendwie zum Thema Reisen und Peru passt.

Das Projekt trägt den Namen „Weltenbummler“ und ist in meinem Praxissemester in München entstanden.

Für 5 Monate war ich im Atelier von Victoria Martini zugange. Victoria ist eine Stickkünstlerin, die sich mit persönlich oder gesellschaftlich relevanten Themen auseinandersetzt und daraus Bilder entwickelt. Wer neugierig ist, kann hier auf ihrer Website stöbern!

 

Um Ideen für meine eigene Arbeit zu bekommen, ließ ich mich von den Eindrücken Münchens leiten:

Große Parks, viele Menschen, enormer Straßenverkehr…….

Die Straßen sind voll von Menschen verschiedenster Kultur und unterschiedlichster Charaktere. Gerade in der aktuellen Situation des Flüchtlingsansturms, beschäftigte mich das Thema der breitgefächerten Herkunft jedes einzelnen und das Zusammentreffen aller auf der Straße sehr.

 

Die Idee war es, Porträts einzelner Menschen, die mir auf der Straße begegnen, fotografisch festzuhalten, diese Fotos digital zu bearbeiten, sodass sie Mittels weniger Linien bzw. Flächen auf ein Textil zu übertragen und dann sticktechnisch umzusetzen sind. Das Ziel war es, eine Serie von Bildern zu erstellen, die die multikulturelle Vielfalt einer Großstadt zum Ausdruck bringt.

 

Das mit dem Fotografieren war anfangs gar nicht so leicht, da ich mich echt komisch gefühlt habe, die Kamera auf fremde Leute zu halten. Aber mit Teleobjektiv und detektivischen Fähigkeiten hat‘s dann doch geklappt…

 

Das schöne an den 3 entstandenen Werken sind die Brüche innerhalb der Bilder. Die persische Frau trägt beispielsweise eine Hahnentrittjacke europäischer Anmutung. Die Asiatin trägt einen peruanischen Poncho und der Araber eine ebenfalls europäisch aussehende Steppjacke. 

 

Und was bedeutet das jetzt? Wir sind alle nur Menschen und zum Glück so richtig schön bunt vermischt!

Vergessene Vorfreude

Luise

Das Studium neigt sich langsam dem Ende. Alle sprechen über ihre Urlaubsplanung. Wenn ich gefragt werde, winke ich nur ab: „Nen Workshop hier, ein Praktikum da… nix besonderes.“ Erst im Weggehen fällt mir dann wieder ein: Da war ja noch was! Ich laufe also zurück zu meinem Gesprächspartner, der sich schon anderen Dingen gewidmet hat und mich äußerst irritiert anschaut, als ich freudestrahlend rufe „Und ich mach´ im August nach Peru!“ - Das ist mir in letzter Zeit des Öfteren passiert. - Weil das Projekt buntesgold so in unseren Alltag integriert ist (crowdfunding, Blog, CROWDFUNDING), dass man manchmal wirklich diese lichten Momente hat.

„Mensch, ich fliege wirklich nach Peru!“, sagt man sich im Geiste vor und quietscht aber hörbar vor Aufregung. (Und wieder drehen sich die Leute um, um zu schauen, ob alles mit einem in Ordnung ist.)

 

Hier ein kurzes Ranking, auf was sich die kleine, lockenköpfige Vogtländerin freut:

1. Das Packen: Das ist die Vorfreude auf die Vorfreude. Ich liebe es, Dinge zu sortieren und nach Nützlichkeit zu ordnen. Außerdem gefällt mir der Gedanke einen Monat in einem Rucksack zu verstauen.

 

2. Das Fliegen: Da muss ich nicht viel dazu sagen. Mit einem motorbetriebene Metallvogel über die Wolken getragen zu werden…

 

3. Die Leute: Mit meinen rudimentären Spanischkenntnissen werde ich mich viel auf Mimik und Gestik (und auf Magda und Fabi) verlassen müssen. Aber dennoch bin ich echt gespannt, in wie weit sich die südamerikanische Selbstdarstellung und Kommunikation von der Europäischen unterscheidet.

 

4. Die Farben: Als (zu diesem Zeitpunkt hoffentlich) studierter Gestalter, bin ich ganz heiß auf die Reizüberflutung! Und auch später, wenn wir wieder in Deutschland sind: Denn in peruanischer Umgebung, wirken diese besonderen Farbkombinationen natürlich. Es wird ein interessantes Experiment, mit den gewonnen Farbeingebungen in Deutschland zu arbeiten und sie hier in die Umwelt zu integrieren.

 

5. Die Mystik… wuaahaaa: Auch wenn Peru seit der Kolonialzeit vom Christentum geprägt ist, dieses urtypische, archaische Gefühl alter Kulturen schlägt mir schon bei jedem Pinterest-Bild entgegen. Egal ob für den Touristen aufbereitet oder nicht… ich werde dort jedem Götterfunken frönen, der mir begegnet. (Außer der Götterfunke versucht mir was zu verkaufen, dann werde ich misstrauisch.)

 

6. Die Fauna: Lamas, Alpakas, Pumas, Omas und Opas…Das Skizzenbuch im Anschlag, hoffe ich eine große Bandbreite an Tieren festhalten zu können. Allein schon der Gedanke, Tiere in freier Wildbahn zu sehen, die es bei uns nur hinter Gitterstäben und Wassergräben zu finden gibt…

 

7. Die Zeit: Ein Monat ist lang… für die Erkundung eines ganzen Landes aber nicht lang genug. Wir haben einen straffen Zeitplan, aber dennoch wird uns die Witterung und der Höhenunterschied oft genug zur Pause zwingen… und das ist wichtig! Denn wenn sich die Welt langsamer dreht, kann man auch viel mehr entdecken.

 

8.Das Dokumentieren: Seit Ewigkeiten träume ich von meinem eigenen Youtube-Kanal. Sich vor die Kamera setzen und seinen Senf ungefiltert und unbedacht, über alles und jeden in die Welt hinaus zu posaunen. Herrlich! Aber in Peru werde ich die Chance tatsächlich ergreifen. Neben den Tage- und Skizzenbüchern, werde ich auch Videotagebuch führen. Freut euch also auf dreißig Mal Dialekt-Edition: „Hallööö Leudee, heit´ wor a doller Doach…“

 

9. Das Reisen: Wie ihr aus meinem vorrangegangenen Blogeintrag schon wisst, liebe ich es, die Welt per pedes zu erkunden. Es hat etwas Elementares, auf etwas zu zugehen und den Blick währenddessen schweifen zulassen. Ich freue mich auch schon auf die abenteuerliche Busfahrten. Wie im Film stelle ich mir die buntesgold-Truppe vor… zwischen Hühnerkäfigen, einer Frau die gerade ihr Baby stillt, den zwei anderen deutschen Touristen und einem alten rauchenden Mann, der sich später als Privatdetektiv entpuppt… genauso wird das sein.

 

10. Kein Internet!: Endlich mal Ruhe! Es gibt soviel zu sehen und festzuhalten! Da brauche ich keine Emails über die neueste Potenzpille. Auch Janine aus Berlin, die mich gerne treffen möchte, muss sich leider einen Monat gedulden… aber im Ernst: Nach diesen anstrengenden Monaten voller SocialMedia-Action (crowdfunding, Blog, CROWDFUNDING): Teilen, liken, kommentieren und jede Möglichkeit zu nutzen, dieses Projekt zu kommunizieren, wird das zwar nicht abrupt enden (schließlich werden wir euch regelmäßig vor Ort berichten), aber es wird eine mordsmäßige Umstellung sein. Ich bin mir sicher, jeder von uns wird in Peru mindestens einmal schweißgebadet aufwachenund rufen: „Scheiße, bin ich heute mit Blogschreiben dran?!“

Tagebuch auf Reisen

Heda

Die herrliche Sonne lässt einem keine Ruhe... ich schliesse ein bisschen meine Augen... lasse nur schmale Schlitze offen und ergebe mich einem Tagtraum. Wenn ich mal ein bisschen Zeit für mich habe, wuselt es in meinem Kopf: "Ich packe mein Koffer nach  Peru und nehme mit ..." und schon geht die Show in meinem Kopf los. Ich träume sooooo gerne darüber, was ich nehmen soll. Was ist überflüssig, was darf ich auf keinen Fall vergessen.

Da ist mir neulich aufgefallen das mein Tagebuch eine besondere Form haben sollte. Ich werde mit Sicherheit ein Tagebuch mitschleppen, dass viel Geschriebenes und Gezeichnetes aufnehmen kann. Aber was mir aufgefallen ist: ich will ja Muster, Textilproben und ähnliches mitnehmen. Da wäre doch ein Stofftagebuch mit Nadel , Faden , Häkchen und Stricknadeln eigentlich das Richtige!

 

Ich spinne weiter.... ich kann mit Stickereien selber festhalten, was ich gesehen habe, interessante Momente, an Kleidung der Menschen, denen ich begegne. Das ist etwas, was mich immer interessiert. Ein kleines Detail an dem, was wir anziehen, verrät viel mehr über uns als wir denken. 

 

Vielleicht lassen sich auch einige Peruaner davon überzeugen, für mich etwas in mein Tagebuch rein zu sticken oder mir sogar kleine Probe abzuschneiden oder oder oder ... 

 

Diese Idee lässt mich nicht ruhen. Ich gehe mein Tagebuch zusammen nähen. Aus dem tollen Leinenstoff eines alten deutschen Mangeltuchs!

 

Dann ...bis dann Peru!

Immer wieder Dienstags

Fabi

komm ich ins Atelier des 8. Semesters, das nun über die letzten Wochen klangheimlich unsere Zentrale der verrückten Ideen und Planungen in Sachen Peru geworden ist. Da vier der sieben Textilerinnen des Bachelorsemesters nunmal auch Teil unseres Projekts sind, müssen die anderen für ein paar Stunden unser Wochenmeeting ertragen, oder entfliehen.

 

Theoretisch gesehen würde man jetzt denken, dank eines gut strukturierten Wochenplaners und der bestehenden Facebookgruppe sollten die Treffen recht geordnet ablaufen. Nunja....der Wille nach Struktur und Ordnung in diesem kleinen Chaos ist da. Aber einen konkreten Plan zu haben und diesen dann Woche für Woche zu verfolgen und alle Aufgaben und Fragen Stück für Stück abzuarbeiten- welch schöne aber auch absolut weltenfremde, ganz und gar utopische Vorstellung!

 

Denn da ist er wieder, der allseits bekannte Alltag, der immer wieder mit seiner Liebe zu Chaos und spontanen Wandlungen um sich schlägt. Nebenbei ist zu erwähnen, dass nun auch die „heiße Phase“- wie die Prüfungszeit auch genannt wird-eingeläutet ist. Kein Grund, die Nerven zu verlieren.....ähm..zu spät!

Klar, dass jeder den Kopf äußerst voll hat und wäre dieser nicht glücklicherweise angewachsen, er wäre schon so einige Male zuhause vergessen worden.

 

Fragen wie „Wo ist denn X? Kommt sie gleich? Wir wollten jetzt anfangen...“ ( hierbei gilt es „X“ einem Namen von uns Mitgliedern gleichzusetzen) oder folgende Sätze wie „Sorry, ich hatte/habe noch Konsultation!“, oder „hey, einen Moment, ich hol noch fix a)(m)einen Rechner, b) was zu essen , c) einen Kaffee...gehören zum Tagesprogramm.

 

Recht sportlich laufen die eigentlichen Besprechungen dann ab, da meist die heilige einstündige Mittagspause dafür entfällt. Statt einer Runde frischer Luft, kurz Ruhe.... gibt es dann ein offenes Fenster für den nötigen Sauerstoff und viel Ideen die dann manchmal in Tagträumereien enden, in denen wir glücklich durch den Regenwald Perus stapfen oder auf peruanische Künstler treffen.

 

Momentan stehen die Planung der Reiseroute sowie alle damit verbunden Vorbereitungen auf dem Plan.

Bei 5 Leuten mit eigenen Ideen und Wünschen nimmt das viel Geduld in Anspruch... kann sich sicher jeder vorstellen. Nachdem die gröbsten Reiseziele und Zeiträume soweit stehen, wollen auch Übernachtungen gebucht -,Künstler und Firmen angeschrieben-und Ausflüge wie Machu Picchu festgelegt werden. Der Teufel steckt ja bekanntlich im Detail und somit werden Pläne, für die man nur einige Minuten bis Stunden angepeilt hatte zu Tagesaufgaben. Liegt manchmal an schlechten Internetverbindungen, mal an peruanischen Websiten, mal Sprachschwierigkeiten in Sachen Spanisch, und so weiter. Auch die Einreisebestimmungen müssen wir uns erstmal zu Gemüte führen, Visum ja nein?, Welche Impfungen müssen aufgefrischt werden? Welche braucht man generell mal? Was wird empfohlen, was ist überflüssig? Gut, dass wir 5 uns die Fragen die es zu beantworten gilt, aufteilen können...

So, das war ein kurzer Abstecher in unser allwöchentliches kleines, feines Chaos.

Trotz alledem gabs noch keine Tote- im Gegenteil! Es schweißt uns immer mehr zusammen. Trotz des Durcheinanders an manchen Tagen ist es überraschenderweise recht friedlich und entspannt, vielleicht ist der südamerikanische Lebensgeist uns schon Inne. In diesem Sinne bin ich gespannt aufs nächste Treffen...und die nächsten geschafften Ziele an Vorbereitungen bis es endlich los geht! Wir werden berichten!

Abstecher Cusco

Swantje


Während ich einige Emails für unser Crowdfunding-Projekt geschrieben habe und oftmals die Formulierung „ Unsere Reiseroute steht“ verwendet hatte, fiel mir auf: WOW-wir haben tatsächlich einen Plan. Ist ja auch nicht immer so einfach bei 6 Damen mit 6 Meinungen. Wie sich dieser Plan genau aufgliedert werden wir vermutlich später nochmal genau benennen, damit ihr immer wisst wo wir uns genau befinden, aber heute will ich schon mal unser Hauptreise- ziel eröffnen: CUSCO. Natürlich habe ich bei der Recherche zu und über Peru, naiver Weise, auch mal in meiner Küche nach Couscous gesucht. Ist aber ein nordafrikanisches Produkt und Couscous und ich lachten erstmal über diese Peinlichkeit.
In Peru gibt es sogar zweimal den Ort Cusco: einmal im Norden und einmal im Süden. Wir wollen gerne in den Süden, denn dort gibt es nicht nur in Cusco sondern auch drum herum viel zu entdecken. Zunächst haben wir uns für Cusco eine Woche eingerichtet, aber ob die ausreicht können wir nur schwer einschätzen. Was wir aber ganz genau wissen ist, dass wir ohne Machu Picchu-Besuch nicht abreisen werden. Vor einer Stunde habe ich Fabi noch meine Reisepass-Nummer gegeben, damit sie unsere Tour dort anmelden kann. Über den Blog „Quer durch Peru“ haben wir erfahren dass es neue Richtlinien geben wird für den Besuch vorort- diese klingen irgendwie nicht so reizvoll, aber ich hoffe wir haben dennoch eine tolle Zeit dort oben. Und ich bin besonders gespannt ob es dort wirklich so grün ist, wie auf den vielen Fotos die ich gesehen habe.
Die Lage von Cusco bietet sich auch sehr für Ausfahrten in Sternform an, wie Heda immer so schön anpriest. Rund um Cusco gibt es noch viele textile Produktionsstätten und Textildörfer. Hierfür kann man auch wieder einige Touren buchen, diese sehen auf den Fotos ein wenig so aus, als wären sie direkt für fachfremde Touristen gemacht. Wir würden uns wünschen ein bisschen mehr hinter die Kulissen zu schauen und die ursprüngliche Textilherstellung der Einheimischen bestaunen zu können. Vielleicht haben wir auch die Chance Materialen einzukaufen oder ein paar Tipps zu lernen.
Ach und was auf jeden Fall noch wichtig ist, wird die Phase bei Ankunft sein. Wir müssen uns bei jedem Ort den wir besuchen ein paar Tage Zeit zum, naja ich sag mal „Verarbeiten“, nehmen. Denn von unserem Ankunftsort Lima bis nach Cusco herrscht ein Höhenunterschied von ge- schmeidigen 3300 Metern. Und vermutlich auch spürbar weniger Sauerstoff. Mal abgesehen von allgemeinen Schwierigkeiten wie Jetlag, Klima und Landschaft. Bei solchen starken Schwankun- gen werden wir definitiv den Bus nehmen um diese stetig auszugleichen und nicht holterdiepolter per Flieger so einen großen Unterschied zu verdauen. Man ich wette wir werden alle keine so gute Figur machen in den ersten Tagen.

Was auf Reisen wirklich wichtig ist

Magdalena

Liebe Leserinnen, liebe Leser und die, die es werden wollen,

 

heute möchte ich den größten Irrtum in der Reisgeschichte einer Magdalena Orland aufdecken, denn:

die vermeintlich wichtigen Gepäckstücke, die den Rucksack 20 statt geplanten 8 Kg wiegen lassen, sind gar nicht so wichtig. Vielmehr lässt man die entscheidenden Utensilien zuhause. „kann man ja dann vor Ort kaufen.“

 

Ein paar längere Reisen habe ich schon hinter mir. So war ich 2011 für 6 Wochen in Indien 2013 für 6 Monate in Kuba und 2014 für 6 Wochen in Spanien. Jede Reise unterscheidet sich inhaltlich sehr von der anderen. Aber jedes Mal hatte ich sehr viel Gepäck dabei. Und jedes mal hat etwas Wichtiges gefehlt. 

 

Gerade muss ich feststellen, dass leider auch meine Reisepackliste in den tiefen meiner Festplatte verschwunden ist. Nunja, dann muss ich eben selber nochmal nachdenken. 

 

Aaaalso… die Reise nach Indien war die Erste, bei der ich Europa verlassen habe. Ich habe eine Freundin während eines Auslandsjahres besucht. Sie sagte mir, die meiste Kleidung könne sie mir leihen, die Kleiderordnung ist dort ja auch ein klitzekleines bisschen anders als in Deutschland.

Also folgte ich ihrem Rat und ersetzte den neu gewonnen Platz mit Klopapierrollen. Nein, das ist jetzt wirklich kein Scherz. Das Klopapier dann in Indien zu haben war auch wirklich toll, was aber noch viel toller gewesen wäre, sind Medikamente gegen den Keim, der die Ursache der meisten Toilettenbesuche war. Ich bin nicht so der Tablettenfreund. Ich denke immer, an meinem stählernen Immunsystem prallt das ab. Was habe ich mir also gemerkt? Eine ordentliche Reiseapotheke von Mutti muss mit, dieser jugendliche Wahnsinn ist ja nicht zum aushalten.

 

Auf Kuba musste ich leider feststellen, dass ich nur bedingt dazu gelernt habe. Auch hier hätte ich an der ein oder anderen Stelle ein kleines Pillchen gebrauchen können. Einmal war mir so schlecht, dass Chiara, meine Reisebegleitung in die Apotheke lief, um Medizin zu holen. Und womit kam sie wieder?! Mit einer Spritze, die in den Po gesetzt werden soll. IN DEN PO?! „Nein Danke“ hab ich da gesagt, „das wird schon wieder.“ 

Was mir aber in dem halben Jahr wirklich gefehlt hat waren die vermeintlich einfachen und weniger spektakulären Dinge, wie (ausreichend) Wattestäbchen, Rasierklingen, Haarwaschmittel, Butter und Pflaster. So einen Luxus, sich fehlende Artikel mal eben an der nächsten Ecke zu kaufen, wie in Deutschland gibt es eben nicht überall auf der Welt. 

Auch Sonnencreme ist so ein Ding. In Spanien kostet sie um die 16 Euro. Wie kann das sein???

Was man dafür so gar nicht braucht ist: Parfüm, tausend Haargummis und Schmuck, Schuhe für jeden Anlass und Klamotten von denen man denkt, dass man sie plötzlich anzieht, weil sich der Geschmack auf Reisen ja so komplett ändert.

 

Bevor ich hier nun aber noch dreiundsiebzig weitere unglaublich witzige Anekdoten über meine Erlebnisse ohne oder mit den falschen Gepäckinhalten erzähle, möchte ich euch ans Herz legen:

überlegt, was ihr im Alltag WIRKLICH verwendet, beobachtet es aufmerksam. Denn das, was so selbstverständlich wirkt ist das, was als Erstes fehlt. 

 

Bei meinem nächsten Eintrag werde ich euch meine wieder gefundene oder neu geschriebene Packliste zeigen und die für den Zweifelsfall allerallerwichtigsten Gepäckstücke verraten.

(dagegen sind Wattestäbchen echt out!)

Der Schneckentod kommt um die Ecke!

Luise

Einen großen Teil unserer Perureise bestreiten wir zu Fuß. Neben Gepäck, Hitze und Schwüle, wird uns auch der Höhenunterschied zu schaffen machen. Meine größte Angst, die ich im Bezug auf die Reise habe, sind nicht irgendwelche Unfälle oder Verständigungsprobleme. Tatsächlich würde mich nichts mehr ärgern, als die Dinge, Aussichten und Situationen zu verpassen, weil mein Körper bestimmter geografischer Gegebenheiten nicht gewachsen ist. Die logische Schlussfolgerung ist also: Ausdauertraining! Die ersten Tage meines Vorbereitungsprogramms könnt ihr jetzt nachlesen. - Viel Spaß dabei!

 

Tag 0

Wie jede Nacht drehe ich nach der Arbeit im Atelier noch eine Runde. Um die Mitternachtszeit ist selten jemand auf der Straße unterwegs. - Ich habe also meine Ruhe und kann vor dem Schlafengehen runter fahren. Als begeisterte Barfußläuferin hält die Nacht so manche Überraschung bereit. So zerplatzte mir die gefühlt hundertste Nacktschnecke zwischen den Fußzehen, als ich feststelle, welche Chance ich hier eigentlich verschwende. Das schnelle Gehen befreit zwar den Kopf und gibt mir Raum zum Denken, aber wenn ich schon jeden Tag eine Stunde in der Natur verbringe, sollte ich das nicht gleich etwas fordernder gestalten? Machu Picchu ist noch drei Monate entfernt und etwas Ausdauertraining hat noch niemand geschadet. Ich beginne zu joggen. Pfft, pfft pfft – Ich bin der große Schneckentod! Das geht nur mit Laufschuhen...

 

Tag 1

Ich stehe extra um fünf auf. - Niemand soll mich laufen sehen. Wenn dicke Leute Sport machen, ernten sie entweder mitleidige oder total motivierte „Du schaffst das Moppel!“ Gesichter. Und bei letzterem werde ich handgreiflich. Also zum Schutz der Bevölkerung laufe ich lieber kurz nach Sonnenaufgang. Seit meiner Knie-OP war ich nicht mehr laufen, dementsprechend groß ist meine Überwindung überhaupt an Tempo zuzulegen. Dazu kommt noch, dass ich erst mal einen Kilometer steil bergauf rennen muss, um in den Wald zu kommen. Aus verschiedenen Erfahrungsberichten weiß ich: „Wer den Keilberg das erste mal hoch joggt, der übergibt sich.“ Und da mir nichts ferner liegt, als in die schöne schneeberger Flora zu reihern, entscheide ich mich für ein Abwechseln von Gehen und Laufen. Das erste was mir auffällt: Sport-BH bedeutet nicht, dass man den BH beim Sport machen tragen sollte... Sport-BH bedeutet, dass sich die Brust genauso sportlich mitbewegt, die der Rest...

 

Tag 2

Sechs Uhr... joggen wird heute nix... Meine Knie ziepen und die Blasen an den Füßen bedürfen eines anderen Schuhwerks. Ich schnappe mir also meinen Rucksack, fülle ihn mit einem Sixpack Wasserflaschen und mache mich langsam auf. Schließlich geht es mir ja nur darum, meine Ausdauer zu trainieren. Ich muss niemanden was beweisen... Ok, außer mir selbst vielleicht.

Um diese Uhrzeit begegnen mir tatsächlich andere laufaffine Menschen. Ich scheine mit meiner Scham nicht die einzige zu sein.

 

Tag 3

Sechs Uhr... Mit zwei „Sport“-BHs ausgestattet, läuft es sich schon mal besser. Trotzdem fühle ich mich wie Godzilla. Bum... Bum... Bum... die Erde erzittert... die Waldtiere schreien in Zeitlupe: „Voooaarsüüüüüscht deee Luuuuiiisäääää koooooaaammt!“

Meine "Guano Apes-Rammstein-Soap and Skin"-Playlist bringt mich schneller außer Atem als gedacht. Ihr kennt doch bestimmt den Anblick eines stolpernden Menschen. Der Moment, wenn sich derjenige durch eine Vorwärtsbewegung am Sturz hindern will und man selber denkt. „Jetzt Fall doch endlich hin!“ - So muss ich bei dieser Runde ausgesehen haben.

 

 

Inzwischen haben wir Tag 8 und ich jetzt schaffe ich es auch schon mal mich tagsüber in die Sportklamotten zu werfen. Der Wechsel zwischen Tempo und Gewicht, macht das alles irgendwie spannender.

 

Es hätten eigentlich noch mehr komödiantische Einlagen folgen sollen, aber heute früh hatte ich eine interessante Begegnung, die nichts mit der Peruvorbereitung zu tun hat, ich aber trotzdem mit euch teilen möchte:

Heute bin ich um sieben los, denn die Wandertagsfamilien sind nicht vor um zehn anzutreffen. Ich jogge immer noch in Intervallen und als ich im Wald um eine Biegung laufe, sehe ich nackte Männerwaden. Das linke Bein zieht etwas nach. Ich hole etwas auf und wir laufen gleich auf. Ich grüße freundlich, ernte aber nur einen erschrockenen Blick. Der große, stämmige Mann versucht es dann doch mit einem Lächeln. Neben der Anstrengung ist die Situation auch noch unglaublich peinlich... irgendwie wollen wir beide uns unsichtbar machen. Aber die nächste Abzweigung ist noch weit weg – ich kann also auch nicht zufällig einen anderen Weg einschlagen. Mit einem lauten „Boar, ich kann nicht mehr!“ höre ich auf zu joggen und beginne zu gehen. Auch der Mann verlangsamt seine Schritte. Er scheint erleichtert. „Ich halte das auch nicht durch.“, sagt er und schaut mich mit hochrotem Kopf an. Wir hätten wahrscheinlich beide gelacht, wenn wir Luft übrig gehabt hätten. So gibt jeder nur ein kurzes Pfeifen von sich und schaut dann wieder gerade aus. Ich finde die Situation immer noch sehr peinlich.

Also fang ich an zu quatschen: „So eine Situation ist irgendwie total unangenehm.“, sag ich, um irgendwie locker zu wirken. Es käme jetzt sehr komisch, wenn ich mich einfach querfeldein ins Gestrüpp verabschieden würde.

„Ich gehe extra früh laufen, damit mich hier niemand rumkrüppeln sieht!“

Der Mann, ich nenne ihn an dieser Stelle mal Jakob, weil er wie ein Jakob aussieht, nickt nur vehement.

„Mit einer Verletzung sollte man keinen Sport machen.“, muss ich natürlich wieder klugscheißen, denn Jakob zieht das Bein auch beim Gehen leicht nach.

Jakob winkt ab. „Das ist schon verwachsen.“ - Keine Ahnung was das bedeuten soll...

„Hier lässt es sich aber auch gut Sport machen, so im Einklang mit der Natur...“ Noch nie habe ich mir eine Weggabelung so sehr herbei gewünscht.

„Kommen Sie aus Schneeberg?“, fragt er.

„Ja und das schlimmste ist, erstmal den Berg hier rauf zu schaffen.“, antworte ich mit pfeifender Stimme. „Und Sie?“

Jakob nennt mir einen Ort, der ein ganzes Stück von hier entfernt ist.

„Da fahren sie extra mit dem Auto hier her? Wegen der schönen Natur?“, frage ich. Es ist mir unverständlich Benzin zu verfahren, um irgendwo zu Fuß gehen zu können.

„Nee, aber ich muss mich ja nicht vor den anderen lächerlich machen, oder?“ Seine Miene wirkt plötzlich eisern. Jakob zieht sein Lauftempo wieder an und mit einem „Man sieht sich!“ läuft er mir davon.

 

Klar wollte ich euch hier eigentlich meine Vorbereitung auf Machu Picchu vorstellen und ich bin sicher, dass ich euch in einem Monat von meinen Fortschritten berichten werde.

Aber heute will ich euch nur eins sagen: Lasst euch nicht einschränken!

Mein Ziel ist immer noch diese herrliche Aussicht des Machu Picchu selbst genießen zu dürfen... und wenn ich telepatisch einem Ameisenvolk befehlen muss, mich den Berg hinauf zu tragen... ich werde das schaffen!

Denn wie sagt ein altes Sprichwort: Egal wie hoch die Brüste schwenken - im Dunkeln ist schneller als durch den Wald... oder so ähnlich...

 

 

Crowdfunding! Wir brauchen eure Unterstützung!

Heda

 

Hola !

 

Heute ist ein großer Tag für uns.

Heute haben wir unser Crowdfunding bei Vision Bakery gestartet.

Jetzt kommt (abgesehen von unserer Abschlussprüfung) noch ein Nervenkitzelspiel auf uns zu.

Bekommen wir genug Geld zusammen, damit wir auch alles sehen können, was wir uns vorgenommen haben?

Kommen wir wirklich so weit ?

Spricht unsere Projekt genug Leute an?

Was machen wir, wenn zu wenig Geld zusammen kommt ?

Was machen wir, wenn zu viel Geld zusammen kommt ?

Ich bin ein Optimist und beschäftige mich lieber mit dem Fall, dass wir zu viel einnehmen.

Man könnte :

- Mehr für euch Unterstützer bringen

- Kinder in Peru unterstützen: der Schulbesuch ist dort immer noch ein schwieriges Unterfangen

- Textiler vor Ort unterstützen, um das fantastische Kulturerbe zu erhalten

- ein weiteres Projekt entwickeln und peruanische Künstler zu unserem Projekt einladen

 

.... oder oder oder ich denke wir bleiben nicht Ideenlos, also spendet bitte !

 

Plakat und Handzettel für euch liebe Leser hier unten zum herunterladen (Rechtsklick - Bild speichern), auszudrucken und verteilen, auch diese Hilfe bedeutet uns viel !

 

 

Teilt unseren Link per facebook, twitter, email oder goggle+: http://www.visionbakery.com/peru

 

Lieben Dank ! Und seid gespannt auf weitere Einträge hier in unserem Blog!

Handzettel zum verteilen:

Plakat zum Aufhängen:

Viva la musica- Peru und die Musik

Fabi

Spräche man mal über die verschiedenen Laster oder Neigungen von Menschen die jeder so hat, wäre das bei mir auf jeden Fall die „Abhängigkeit“ von Musik. Ein Tag ohne kommt für mich absolut nicht in Frage.

Dabei kommt es nicht auf ein spezielles Genre an, die Bandbreite ist groß, aber gut muss sie sein.

Wer das bewertet? Tja, in diesem Fall ich, da ich sie ja höre. Musik ist ein Begleiter im Alltag. Sie dient für mich als Ausgleich, versetzt mich sehr schnell in kreative Phasen, inspiriert schlichtweg. Irgendwo auch naheliegend, dass die eine Form der Kunst die andere beeinflusst und fördert.

 

Schon als ich Anfang des Jahres nach Kuba reiste, war ich absolut angetan von den neuen musikalischen Eindrücken und Rhythmen. Diese warmen Klänge, das Lebensgefühl... ja das wird mich hoffentlich auch in Peru wieder auf der Reise begleiten.

Das Schöne und Praktische an Musik ist, dass sie als gemeinsame „Sprache“ aller Menschen gesehen werden kann, sie schlägt eine Brücke, Sprachbarrieren aus dem Weg zu gehen und einfacher Kontakte zu knüpfen.

Kann uns bei der anstehenden Reise ja nur von Vorteil sein.

 

Bei Musik geht es mir in diesem Sinne nicht nur um die vom Menschen geschaffenen Werke, sondern auch um die Stimmen der Natur, also Wind, Regen, Tiergeräusche usw...

Erste Eindrücke bekamen wir ja schon letztens bei unserem Ausflug auf die Alpakafarm „Traumweide“, das summend- sonore Geräusch der Alpakas wird uns hier und da auch begleiten. Welche Geräusche sich auch noch als charakteristisch für Peru erweisen, bleibt spannend. Ich werde einige dieser Klänge auf jeden Fall unterwegs aufnehmen.

 

Sowohl in den Städten und auf dem Land werden wir auf diverse peruanische Musik- und Tanzstile stoßen. Typisch ist zB der Tanz „Saya“, oder auch die „Marinera“-Tänzer aus Nordperu. Begleitet werden diese Tänze mit Gitarre, Flöten oder Cajon bzw. Perkussion.

Zu finden sind diese in unzähligen Bars und Lokalen. Es ist praktisch allgegenwärtig . Umso besser für uns.

Und wer weiß, vielleicht lernen wir mal ein paar Grundschritte des ein - oder anderen peruanischen Tanzes?

Pseudogetreide

Swantje

Folgende Hashtags bitte in hoher Stimmlage und übertriebenem amerikanischen Akzent aussprechen:

 

#healthfood #healtylife #healthyeating. Und parallel sich selbst(mit Duckface) und das eigene Essen fotografieren. Filter druff und uploaden. Juhu !

 

Warum gebe ich euch diese Anleitung zum absoluten Instagram-Erfolg? 

Na ich habe überraschender Weise erfahren, dass in Peru nicht nur Mais und Meerschweinchen verputzt werden, sondern die Leibspeise von „Insta-Models“ und Fitnessstudio-Smoothie-Genießern schon seit der Zeit der Inkas existiert. QUINOA!!!!!!!

Wow. (Hier bitte lahmen Konfetti-Regen einblenden)

 

Mal ehrlich, niemand hat ja ernsthaft vermutet dass die Peruaner nur niedliche Haustiere und Dschungelblätter essen, aber beim recherchieren fällt mir auf, das ihr Grundsatz von Nahrung sich kaum vom Europäischen unterscheidet. Ziemlich fleischhaltig und auffällig oft auch Kartoffeln. Zumindest mit dem zweiten bin ich als Kartoffel-Liebhaber voll einverstanden.

 

Insgesamt wird auch hier wieder deutlich: Peru ist auch in seiner Küche sehr beeinflusst worden.

Durch Spanier, Inkas, Chinesen und selbst Briten. Aber auch in Peru gibt es sogenannte Foodtrends, zum Beispiel die Cocina Novoandina. Traditionelle, andische Rezepte erfahren eine Neuinterpretation und werden damit nicht nur von Privatpersonen ausprobiert oder geschaffen, sondern auch gleichzeitig in die Gastronomie übertragen, wo wir sie auf unserer Reise hoffentlich probieren können.

 

Ich fange schon mal vorsichtig an mit meiner „Must-eat“ Liste: Chicha Morada, Pisco Sour, Lomo Saltado, Mate de Coca....

Über Fahrpläne, Druck und meine Idee

Magdalena

Tada… tum tum… große Überraschung…….

auch ich habe mir Gedanken für ein Projekt in Peru gemacht. Uff, es ist raus. 

 

Eigentlich habe ich gerne einen genauen Fahrplan, wann was wie kommt, wann sich was wie anfühlt und was ich dabei zu tun habe. Trotzdem möchte ich mir gerne so viel wie möglich offenhalten, um ja nicht eingeschränkt sein. Klingt irgendwie paradox, aber das beschreibt meine Arbeitsweise ziemlich genau. 

In den letzten Monaten ist es mir (zu meinem Glück) immer besser gelungen, die Projekte laufen zu lassen, einzelne Dinge auf mich zukommen zu lassen und auf verschiedene Gegebenheiten und Entwicklungen ganz entspannt zu reagieren. Was mir zeigt: der ganze Druck um einen Plan und möglichst viel Kontrolle ist oft gar nicht wirklich notwendig. Im Gegenteil: häufig ergibt sich etwas Neues und das scheinbar ganz von allein.

 

(wer jetzt denkt: „wow, sie hat´s voll verstanden, klingt ja alles ganz einfach“, dem sei gesagt: klappt nur manchmal. Oft sitze ich da und denke über diesen Fahrplan nach und der damit einhergehenden Sicherheit, aber sagt´s nicht weiter)

 

So also habe ich mir vorgenommen, mich von allen Eindrücken, die ich auf der Reise so bekommen kann, inspirieren zu lassen. Seien es peruanische Lieder oder Rituale oder oder oder… All das was mir begegnet möchte ich versuchen in Formen und Farben zusammenzubringen, wie in einem Puzzle. Es soll also eine Sammlung an Eindrücken- meinen Eindrücken- entstehen, die stark abstrahiert sind und deren Inhalt man vielleicht sogar erst beim zweiten Hinschauen oder dem Lesen eines dazugehörigen Textes enthüllen kann.

Umsetzen möchte ich diese Bilder in kleinen Gobelins. Das textile Handwerk soll die Besonderheit und die Ernsthaftigkeit der einzelnen Themen unterstreichen und ihnen eine neue Wertigkeit geben. Außerdem soll es dem Betrachter ermöglicht sein, in den Bildern eine eigene Interpretation zu sehen.

 

Schließlich will ich niemanden unter Druck setzen… :)

Hedas Projektidee

Heda

Also  der Termin von unserem Abflug steht fest, es fühlt sich alles immer konkreter an.

Langsam weiß ich auch schon, wo in Peru etwas Interessantes zu finden ist, welche Künstler und Betriebe uns eingeladen haben. Nun verändert sich auch langsam mein Vorhaben. Nicht ganz, das nicht...

Jede von uns beschäftigt sich ja innerhalb des Gruppenprojekts mit ihrem persönlichen Konzept. Also sollte ich vielleicht beschreiben was ich mir so ausgemalt habe, nicht wahr?

 

Liebe Leser/innen, ich bin immer wieder fasziniert von Menschen:

Wie äußert sich ein anderer Lebensstil im Vergleich zu dem, wie man aussieht? 

Schon als Kind war ich verärgert von dem Begriff „primitives Leben“ oder Bezeichnungen wie „Entwicklungsland“. Ich denke nicht, dass wir in Mitteleuropa sehr weit gekommen sind. Wir produzieren sehr viel Müll, sind eine Wegwerf- Gesellschaft geworden, unsere Traditionen sind eingeschlafen  und wir haben Schwierigkeiten und Ängste, wenn uns andere Kulturen begegnen. Vor allem diese Ängste möchte ich gerne auf unserer Reise untersuchen. Spielerisch, mit Humor. Ne… bitte nicht falsch verstehen, die Sache ist mir wirklich ernst! 

Außerdem werden wir in Peru auch „Exoten“ sein, keine typischen Touristen. 

Ich hoffe, dass ich die Verbindung zur Natur und zu Trachten besser verstehen kann. Ist das nicht herrlich, dass diese armen Leute in Peru Klamotten aus dem luxuriösesten Material (Alpakawolle) tragen? Ich finde es eigentlich sehr gerecht. Und die gesättigten Farben an deren Kleidungen haben mich schon vor einem Jahr einem Muster-Stoff Spiel Thema im Theater inspiriert. 

Da fallen mir Fragen ein:

Würde ein Kopftuch so viel Angst machen, wenn es in typisch peruanischen Farben gefärbt wäre? 

Oder eine Security Uniform? Oder ein Jacket eines Politikers? 

Wie weit beeinflusst unsere Wahrnehmung von Farben und Sättigungen unsere Meinung? 

Sind wir eigentlich nicht nur Opfer von Farbmanipulationen? 

Das sind Fragen, mit denen ich mich auf den Weg mache und ich verheimliche nicht, dass mich natürlich auch Musik, Feste, Rituale und Theater sehr sehr interessieren. 

 

Ich nehme auch ein paar Utensilien mit um ein bisschen auf der Straße Theater zu spielen. 

Nur so nebenbei… 

 

 

Eure Heda

Dmpff... Huäääh!

Luise

 

Heute widme ich mich dem Thema Inspirationslosigkeit. In unserem Studium der Angewandten Kunst bekommen wir antrainiert jeden Tag zu Schaffen. Gleichzeitig ist die Ideenfindung ein Prozess, der immense Kraft benötigt, um ins laufen zu kommen. Und wie es mir dieses Ostern mit meiner Inspiration erging, das erfahrt ihr in diesem kurzen Abriss:

 

Freitag, 14. April 2017

Den gemeinsamen Familienurlaub hatte ich abgesagt. Ich will was schaffen. Für meine Bachelorarbeit hatte ich Anfang des Semesters einen strengen Ablaufplan erarbeitet... dieser hatte sich zwar schon nach Woche drei in Luft aufgelöst, dennoch bin ich bestrebt hart zu arbeiten. Allerdings war die letzte Woche auch sehr anstrengend gewesen. Mit meinen drei Skizzenbüchern, dem Recherchematerial und einem Haufen Materialproben dekorierte ich also meinen Schreibtisch... immer wieder... immer wieder... und wieder... Wahnsinn wie viele Anordnungsmöglichkeiten es auf einer 60x100cm Platte geben kann... Acht Gegenstände... das heißt !8=40320. Also 40320 Möglichkeiten... bis zum Abend hatte ich sie alle durchprobiert...

 

Samstag, 15. April 2017

Heute schaff ich was! Ich hatte mich für die Anordnungsmöglichkeit Nummer 2374 entschieden. Die Sonne hatte mein Ostfenster verlassen, als ich am Schreibtisch sitze... irgendwas blockiert mich. Ich sehe mich um. Kein Wunder... die Wohnung ist völlig unordentlich! Also raus mit dem Müllsack, Gläser müssen auch weggeschafft werden. Ich ordne meine Regale neu, mache Inventur in meinem Stoff- und Materiallager. Ich besitze viele schöne Dinge. Diese Feststellung lässt mich darüber hinwegsehen, dass meine Skizzenbücher noch unberührt daliegen....

 

Sonntag, 16. April 2017

An Sonntagen lasse ich mich gerne von der Sonne wecken, aber der bewölkte Hagelhimmel lässt nichts durch, außer einer apokalyptischen Stimmung. Dementsprechend spät erwache ich. Wie im Gruselfilm dreht sich mein Kopf in Richtung des Schreibtisches... und da liegen sie. Brutal starren mich leere Seiten an. Langsam brauche ich eine Idee... Ich wälze mich aus dem Bett und setzt mich mit Sturmfrisur und ungeputzten Zähnen an meinen Rechner... Erstmal ´ne Runde pinterest... elf neue Pinnwände und bestimmt tausend Pins später, weiß ich zwar welche Weihnachtsdeko ich dieses Jahr basteln werde, kann aber immer noch keinen klaren Gedanken zu meinem Projekt fassen. Frustriert werfe ich die Regenjacke über und mache mich ins nasskalte Getümmel zu einem Spaziergang auf... mein Schlafshirt lasse ich gleich an... spielt ja eh keine Rolle.

 

Montag, 17. April 2017

Dieses mal scheint die Sonne. Draußen laufen kleine Wandergruppen und Familien vorbei. Ich schließe das Fenster und lasse die Gardinen gleich zu. Diese fröhliche Stimmung hält ja niemand aus! Elende Kackscheiße! Die Skizzenbücher habe ich jetzt zugeklappt... Gerade so halte ich mich davon ab „Inspiration finden“ zu googeln... Ich bin ein verdammter Gestalter... irgendwas muss mir doch einfallen!? Also beschließe ich einfach meine Gedankenwelt der letzten Tage aufzuschreiben... ein Fehler... denn dadurch wird mir das ganze Ausmaß meiner Einfallslosigkeit erst wirklich bewusst... Schokolade ist auch aufgebraucht und es ist Feiertag... aus meiner Backkiste krame ich noch ein paar Rosinen, aber etwas Süßes hellt meine Stimmung auch nicht auf.

 

Dienstag, 18. April 2017

Da meine äußerliche Verwahrlosung einen beunruhigenden Grad erreicht hat, entscheide ich mich dafür mir die Zähne zu putzten. Yeah! Die erste vernünftige Entscheidung der letzten Tage! Hab mich schon seit langem nicht mehr so mies gefühlt... Zum Glück ist das Wetter auch wieder schlechter geworden... wenn ich keine gute Laune habe, soll es auch niemand anders haben. In kurzen Visionen sehe ich meine Zukunft: Luise mit schwarz-rosa Föhnwelle, häkelt mit dieser furchtbaren glitzer Polyacrylwolle kleine Babymützen um dann auf DaWanda-Märkten ihren kurzen Auftritt zu haben und sich ansonsten um ihren sieben Hunden zu kümmern. Aber diese Schreckensvorstellung lässt gleich alle Kreativität aus meinem Hirn fahren.

 

Mittwoch, 19. April 2017

Es reicht! Geschlafen habe ich nicht lang... Die Bewegungslosigkeit tut mir im Rücken weh.. Ich gebe auf! Geschlagen stecke ich den Rechner am Fernseher an und schalte youtube ein. Nach knapp einem dutzend SpaceFrogs Videos nehme ich eins meiner vielen Häkelprojekte und lasse meine Zukunftsaussicht wahr werden. Noch nie hab ich mich so unnütz gefühlt. Vielleicht hätte ich doch was anderes studieren müssen! Was Soziales... was mit Politik... irgendwas, wo man etwas bewirkt... Ich google nach Parteien, Parteiprogrammen. Wer hat welche Meinung, welchen Leitfaden.... Faszinierend, wie man mit so vielen Worten so wenig ausdrücken kann! ...und plötzlich war ich wieder da! Ich hatte nicht nur eine, sondern hundert Ideen gleichzeitig! Meine Knie quietschten, beim übereilten aufstehen. Ich griff mir das erste Skizzenbuch, was ich erreichen konnte. (Im nachhinein fiel mir auf, dass ich das falsche Buch erwischt hatte.) Der Stift flog über das eingestaubte Papier, als hätte ich nie etwas anderes gemacht.

 

Wahrscheinlich war es die magische Mischung aus dem feucht-fröhlichen Geschwafel zweier medienaffiner Berliner und dem Parteiprogramm der Humanistischen Partei, die in mir den Funke wieder gezündet hatten.

Was mir diese Tage aber gezeigt haben: Man kann nichts erzwingen! Als Gestalter muss man sich auch manchmal für den gefühlten Weg entscheiden, um auf andere Ideen zu kommen. Dass das mit (welch Überraschung!) Stimmung und Empfindung zu tun hat, welche man nicht wirklich steuern und entkräften kann, macht die Sache zwar sehr spannend, aber genauso unberechenbar und frustrierend. Gleichzeitig habe ich mich dem Begriff des „Künstlers“ noch nie so nahe gefühlt.

 

Welche Erfahrungen habt ihr so mit der Muse?

Was bringt euch auf neue Gedanken?

Ab damit in die Kommentare!

 

 

Textile Fotos - Projektvorstellung von Magdalena

Während der gesamten Reise durch Peru hatte ich eine Kamera bei mir. Wenn es nicht die Spiegelreflexkamera war, hatte ich mein Handy zur Hand. Mir ist nach einer gewissen Zeit aufgefallen, dass ich nahezu alle beeindruckenden Erlebnisse mit dem Fotoapparat festgehalten habe. Seien es Muster, Begegnungen, Farbkombinationen oder Flora & Fauna. Wenn ich die SD Karte durchschaue, habe ich gleichzeitig einen ziemlich genauen Ablauf der Reise und Erinnerungen vor mir.

 

Vor der Reise bin ich mit dem Ziel los geflogen, die erhaltenen Eindrücke zu filtern und in abstrahierter Form mithilfe textiler Techniken wiederzugeben. Geändert hat sich dieses Ziel insofern, dass ich die Eindrücke gar nicht mehr filtern möchte. Jedes Erlebnis steht für sich und muss nicht zu einem „Stück“ zusammengebracht werden. Die Inspirationen waren während des Aufenthalts so üppig, dass ich manchmal froh war, sie vorerst visuell speichern zu können und sie später wieder aufzurufen.

 

Besonders beeindruckend fand ich die verzögerte Offenheit der Menschen in Peru. Wenn wir auf einzelne Menschen zugingen und Fragen hatten, wurden wir oft etwas grimmig beäugt oder sofort mit Touristenangeboten überhäuft, sobald wir aber zwei bis drei Sätze gewechselt hatten und von unserem Projekt erzählten, hellten sich die Gesichter schlagartig auf, wir wurden ernst genommen. Sofort wurde uns Hilfe angeboten und wir bekamen verschiedene Tipps. Die Herzlichkeit war spürbar. Generell ist die Hilfsbereitschaft und Selbstlosigkeit der Peruaner sehr bemerkenswert. Außerdem haben mich die Menschen und die Schönheit der Natur im Dschungel tief berührt und inspiriert. Alles schien seinen natürlichen Gang zu gehen, alles schien einfach und doch so logisch miteinander verknüpft. 

 

Für die Umsetzung meiner „textilen Fotos“ habe ich mit der Technik Lavendeldruck gearbeitet. Mit Hilfe von Lavendelöl lässt sich die Druckfarbe vom Papier ablösen und auf Stoff übertragen. Natürlich ändert sich das Erscheinungsbild, es wird blasser. Die Erinnerung an die jeweiligen Situationen werden auch blasser. 

Ich habe mir einzelne Elemente auf den Fotos herausgesucht, die ich besonders spannend finde und diese durch händische Stickerei betont. Dadurch werden die Erinnerungen einerseits für mich wieder wacher, andererseits kann ich sie nun auch mit euch teilen – mit meiner eigenen Note versehen. 

Dschungel ohne Dschungel

Swantje

Die Tatsache, dass wir drei Beiträge brauchten um die Eindrücke aus dem Urwald zu umschreiben zeigt, dass was für eine große emotionale Bedeutung er hat. Mein Gott ich hab mir sogar ein Dschungel Tattoo in Peru stechen lassen! Das durfte Luise damals natürlich nicht schreiben, denn das wollte ich meiner Mutter doch gerne selber sagen und zeigen. Mehr Einsatz für den Dschungel geht ja nun gar nicht. Meine Projektidee hat sich daher nach diesem Ausflug verändert. Wer sich erinnert- mein Idee war ursprünglich die zeichnerische Auseinandersetzung mit den Peruanern. Und obwohl wir genug Erlebnisse mit den Einheimischen hatten, stützten diese sich jedoch auch auf Gespräche oder Auto- fahrten. Nichts was ich wirklich zeichnerisch erfassen konnte, was zum Teil auch an der Gesamtheit der überwältigen Eindrücke lag. Daher entschied ich mich, zurück in Deutschland, unsere Dschungel-Erfahrung als Thema für meine Arbeit zu wählen. Das war für mich auch die beste Kombination aus Natur und Mensch. Alle die wir trafen waren so richtige Charakter-Typen, passend zu dieser einmaligen Landschaft.

Auch unser Dschungel-Blues nach Abreise, zeigte nur allzu deutlich wie wir unser Herzen an den Parque Manu verloren hatten.
Im 7. Semester (2016) hatten wir als Aufgabe uns mittels der Technik des Scherenschnitts einem Thema zu nähern. Ich entschied mich damals für ein Dschungel-Thema. Aus einer einzigen Blatt-Sorte kreierte ich unzählig viele verschiedene Formen, die für mich den Dschungel repräsentierten ohne das ich jemals da gewesen war. Als wir dann im September im Parque Manu einen Spaziergang zum Fuß des Cloud Forest machten, bemerkte Magda lachend zu mir während ich eine Pflanzenwand fotografierte: „ Jetzt nochmal den Scherenschnitt vom 7. Semester machen, was?“. Recht hatte sie.
Am Tag bevor wir nach Nasca aufbrachen, überredete Heda mich Mais einzukaufen um aus diesen kleinen Körnchen etwas für mein Projekt zu schaffen. Ich fand die Idee klasse denn Mais lächelte uns an jeder Ecke an. Auch auf jeder Busfahrt bekamen wir das National-Dessert aus schwarzem Mais serviert. Also was soll´s , einfach mal mitnehmen und schon musste ich in meinem Rucksack platz für drei Kilo Mais schaffen.
Aus diesen zwei kleinen Anekdoten entwickelte sich meine Projektidee. Ich wollte meine eigenen Dschungel-Entwürfe aus der Pre-Peru Zeit mit meinen neuen Eindrücken verbinden. Momentan bin ich also dabei auf meinem bedruckten Stoff ein Wirr-Warr aus schwarzen Mais zu legen. Jedes Korn sammle ich von den Kolben ab und jedes sieht anders aus, mal mit spitzem Ende oder Kerbe in der Mitte. Satte schwarze Körner auf dunklem Stoff- Schwer und total verschlingend, wie der Dschungel.

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Benutz doch Pink!

Luise

Die Luft ist warm und feucht. Meine Haare haben jede Form verloren und ich schwitze. Die Hände und Nägel sind blau und rau. Immer wieder wische ich mir über die Stirn, schalte das Licht an und aus, bügle trocken und tauche den Stoff in den nächsten Sud.

Ich stehe in meiner improvisierten Färbeküche.

Den Hobby-/Werkstatt-/Party-/Lagerraum in meinem Elternhaus habe ich mit schwarzen Müllsäcken verkleidet und den Boden mit Folie ausgelegt. Nichts darf nach meinem Verschwinden darauf hinweisen, dass ich hier gewesen bin und schon gar kein bunter Fleck Textilfarbe. Es ist so warm in dem kleinen Raum und ich bin dankbar dafür, denn draußen sind minus zwanzig Grad. Das Bügelbrett, völlig durchnässt, biegt sich schon durch. Plötzlich geht die Türe auf. Mit finsterer Miene blicke ich vom dampfenden Färbetopf hoch. Wer stört denn jetzt wieder meine Kreise?

Essen, Schlafen, Hund und Klo. – Das sind die einzigen Gründe, warum ich diesen Raum verlasse.

Und ich genieße das!

 

Aber bis ich wirklich so weit war und mich dem Farbenrausch so richtig hingeben konnte, verging einige Zeit.

Wenn sich Südamerika, respektive Peru in einer Sache zum europäischen Standard unterscheidet, dann ist es die Farbgebung und Farbwahrnehmung. Das war schließlich auch einer der Beweggründe gerade dort hinzufliegen. Es ist nicht schwer eine Affinität für die klaren, satten Farben der Peruaner zu entwickeln.  Auf ihrer dunklen Haut und mit ihren schwarzen, dicken Zöpfen wirken die Andenfrauen beinahe unecht illustriert. Die einheimischen Pflanzen machen es möglich derart strahlende Farben zu erzeugen. (Obwohl ich mir uneins bin, wieviel Pigment auf pflanzlicher Basis heutzutage tatsächlich noch verwendet wird.) Es waren zunächst Gedankenspiele, die mich hier als Textiler beschäftig haben, hatte ich doch mein Filmprojekt auf das ich mich konzentrieren sollte. Es war kein textiles Projekt geplant…

 

Im Bänderladen war es schließlich um mich geschehen: Bis zur Decke war der kleine, enge Raum mit Regalen voller bunter Konen bespickt. Mit leicht genervten Blick, aber mit süffisantem Grinsen, räumt der junge Verkäufer die Konen auf die Theke und ich suche heraus. Und das sollte nicht der letzte Laden gewesen sein…

Um Platz für den Rückflug zu sparen, nähte ich die Bänder alle auf meinen Hut… eine clevere Idee, die so bescheuert aussah, dass es nicht mal ein Foto davon gibt. Zum Glück habe ich die vierundzwanzig Bänder wieder abgemacht. Am Flughafen wurde ich schon einem Drogentest unterzogen, wer weiß, was sie gemacht hätten, hätte ich mit diesem kiloschweren Kopfzylinder das Flugzeug besteigen wollen… vermutlich hätte man mich dann einfach dortbehalten.

 

Die gewebten Bänder waren sorgfältig ausgewählt. Jede Farbstimmung sollte mindestens einmal vertreten sein. Ich beschloss nicht nur nach Gefallen zu entscheiden, sondern das volle Farbspektrum auszunutzen… man ist schließlich nur einmal in Peru.

Bei der Analyse wieder in Deutschland fiel mir eins ganz deutlich auf (und nicht nur mir): Die Farben, zehntausend Meter entfernt – fröhlich, stark und schön – wirken hier im tristen Westen überzogen, naiv und kitschig.

 

Da wurde mir klar. Ich möchte einen Weg gestalten. Einen Weg aus Bändern. Ich brauche keine Worte dafür, nicht wie im Tagebuch oder im Film. Ich möchte nur die Farben sprechen lassen. Farben, die ich in Peru für mich entdeckte und die sich dann langsam mit meinen Farben vermischen. Zum Schluss entstehen Bänder, raumfüllend – knapp drei Meter hoch, die meine Farben zeigen… meine neuen Farben… das neue Selbst nach dieser Reise.

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Frauen in Peru – Mein Thema zum Weltfrauentag :-)

Heda

Eigentlich wiedermal ein witziger Zufall, dass ich euch heute mein Projekt vorstelle.

Wenn ich an den Zeitpunkt von vor einem Jahr denke, sehe ich große Aufregung, Freude, Erwartungen und auch Sorgen mit denen wir unsere Reise vorbereitet haben.

Einige Freunde haben mir abgeraten: "Das könnt ihr doch nicht machen! Frauen allein, wenn ihr wenigstens einem Mann dabei hättet!"

Das „Frauenthema“ hat sich von Anfang an in meine künstlerische Verarbeitung eingefügt.

Wir als Frauen unterwegs in einem Land, das ab und zu über Vergewaltigungen berichtet, über unglaublich große Unterschiede zwichen Männer- und Frauenrechte, sogar über Entführungen von junge Frauen ins Ausland. Ich kann es jetzt zugeben: Ich bin schon mit Sorgen um die Mädels hingeflogen... und um mich auch. -  Ob ich da, im Fall der Fälle, die richtige Entscheidungen treffen kann. Ja ja, es sind alles Erwachsene, trotzdem ist man als älteste in der Gruppe ein bisschen anders unterwegs. Vieleicht auch deswegen habe ich  schon vor unserer Reise ganz viel über das Leben peruanischer Frauen recherchiert. In meinem Rucksack hatte ich fünf Adressen von internationale Hilfsorganisationen (Ja, meine lieben bunt goldigen Mädels!), wo wir um Hilfe hätten bitten können. Deutsch, tschechisch - alles was ich gefunden habe. Ich bin sehr glücklich, das wir die nicht gebraucht haben. Genau im Gegenteil, immer wieder überfällt mich das Gefühl, dass wir mit einer Wolke Zuneigung und gutem Wind im Rücken geflogen sind. Geschützt und gesegnet. Schon dieser Fakt, dass wir keinerlei Probleme mit Krankheiten, Diebstahl , streikender Bahn oder andere Unannehmlichkeiten hatten, ermöglichte uns volle Konzetration auf das hier und jetzt. Die volle Wahrnehmung... eines neuen Landes, fremder Menschen und dem Umgang der Menschen untereinander. Es entging mir nicht, dass es viel mit Frauen zu tun hat.

 

Auf einer Seite Männer, die Autos fahren. - Auf der anderen Frauen, die die Autos waschen dürfen. – scheinbar Frauenarbeit.

 

Auf einer Seite schnell laufende junge Frauen am Abend - mit Blick zum Boden. Auf der Flucht vor betrunkenen, jungen Männern. - Auf der anderen eine unglaubliche Hochachtung der Mutter oder Grossmutter im Rahmen der Familie.

 

Auf einer Seite überarbeitete Frauen schlafend an ihrem Marktstand. - Auf der anderen glückliche, rüstige, tanzende Omis mit wahnsinnigem Sexapppel auf dem Tanzparket.

 

 

Und dann gehe ich mein Tagebuch und meine Photos durch und wieder tauchen die Frauen auf. Diesmal in einer focusierten Situation. Alle meine Bilder sind Schnappschüsse auf der Straße in Lima, in Cusco, in den Bergen zum Dschungel. Ich schau mir sie an und in meinem Kopf spielen sich Geschichten ab. Und es reizt mich diesen Frauen ein anderes Leben zu geben oder der Situation einen Witz zu verpassen. So bekommen diese Photos neue Interpretationen. Das ist ein Dialog, den ich mit dem Beobachter führen will.

 

Zum Beispiel wenn die Mutter, die sich Zeit nimmt für ihre Kinder, mittendrinn beim Einkaufen eine Gloriolla verpasse. - Das Bild der peruanischen Mutter ist so für mich vollkommener als alles andere.

 

Oder eine Frau auf dem Markt, die den schwarzen Mais liebvoll in den Korb legt. Ich verwandle den Mais in Gold. Den Mais, aus dem für uns ungewöhnliche Süßigkeiten und Getränke gemacht werden, der bei keinem Fest fehlt und der auch als Schmuckobjekt immer wieder auftaucht.

Bei anderen Bilder lade ich euch einfach in meine Geschichtenwelt ein… Lege sie unbearbeitet vor... Lasst doch auch eurer Phantasie freien lauf!

Und allen Frauen wünsche ich alles Gute. ..macht heute etwas Tolles für euch selbst!

 

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FARBEN PERUS - Projektvorstellung

Fabi

Wie aus „Farben Perus“ eine textile Karte wurde...

oder auch: Einblicke in mein Projekt.

 

5 Monate liegt die Reise nach Peru nun schon wieder zurück. In diesen 32 Tagen ging einmal quer durch den Süden Perus...durch Städte und Dörfer, verschiedenste Landschaften, verbunden mit vielen wunderbaren Begegnungen mit den Einwohnern vor Ort, sowie der Kultur. Vor allem die Welt der Textilien und den Künstlern, welche sie mit sich bringt, brannte sich stark in die Erinnerung ein.

Schon während unseres Aufenthalts schoben sich Erlebnisse und Erfahrungen zu gewissen Bildern in der Erinnerung zusammen. Besondere Farben und Emotionen zu einzelnen Stationen kristallisierten sich heraus und prägten sich besonders ein. Beispiele für solche Momente wären für mich unter anderem die Floßfahrt im Dschungel auf dem Fluss „Madre de dios“ oder auch die Wanderung zum Rainbowmountain.

Für mich wurde schnell klar, dass ich jene Bilder die in meinem Kopf als Erinnerungen herumschwirrten, textil umsetzen möchte. Es sind Stationen unserer Reise, die eine persönliche und für mich besondere Geschichte beinhalten.

In unserem Abenteuer Peru war die Navigation auch ein großes Thema. Sich neu orientieren und Zurecht finden spielte tagtäglich eine Rolle- ob nun die Suche nach dem nächsten Supermarkt, der Weg zu den Museen unserer Wahl, oder die Anreise zu Künstlern oder Betrieben, die wir besichtigen wollten. Genauso waren die langen Busreisen über Nacht gern immer wieder ein Gespräch wert- denn diese Wege zu den nächsten Etappen brachten viele Anekdoten mit sich. Wieder in Deutschland, versuchte ich unsere Routen auf Karten nachzuverfolgen. Je länger ich mich damit beschäftigte, umso klarer wurde mir, dass die Weglinien auch einen Platz in meinem Projekt finden müssen. Dieses Liniengeflecht wirkt als verbindendes Glied zwischen den einzelnen Flächen jener Stationen und ist eine Art textile Landkarte, die unsere Wege durch Peru visualisiert.

 

Umgesetzt werden meine Flächen aus Baumwollstoff. Mit Hilfe von Färbereitechniken, wie zB. Shibori, sowie sonstigen zufälligen Faltungen und Abbindungen entstehen so spannende, nicht eindeutig planbare Strukturen. Diese Flächen werden dann durch die Stickerei veredelt- so entstehen individuelle , die jeweils eine andere Station versinnbildlichen und eine eigene Geschichte erzählen.

 

In weniger als 4 Monaten, genau genommen am 21. Juni diesen Jahres, haben wir die Ehre unsere Ausstellung im Lustschloss in Ostrov eröffnen zu dürfen. Dort werden unter anderem unsere textilen Arbeiten in vollem Umfang zu sehen sein. Kommt gern vorbei, wir freuen uns auf jeden von Euch!

 

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32 TAGE PERU - Das Videoprojekt

Luise

Zum Sonntag ein kleines Filmchen...
Der Trailer zum Videoprojekt!

Zurücklehnen - Anschauen - Sich auf mehr freuen!

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12.09. - Kein Durchkommen...

Luise

Nach einer unverhofften Pause geht es nun endlich weiter! Im Hintergrund ist still und heimlich viel passiert! (Ver)folgt uns gern auf den Social-Media-Kanälen:

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Abreisetag... bereits 0:28 Uhr fängt der Himmel an zu weinen und lässt mich wieder nicht schlafen.

 

Betrübt sitzen wir am Frühstückstisch. Wir wollen noch nicht fort. Umso unwirklicher scheint es, als José uns erklärt, dass der Fluss durch den vielen Regen angeschwollen ist. Lucio meldet sich nicht. José ist sichtlich nervös. Normalerweise ist Lucio schon immer 6:30 Uhr da. Wir bekommen die Anweisung unsere Sachen zu packen und in Gummistiefeln und Badesachen auf der Veranda der Lodge bereit zu stehen. Auf durchnässten Sesseln warten wir auf das Boot. Clewer läuft los und kommt wieder zurück... mit einer tollen Nachricht: Der Fluss, durch den wir gestern noch gewatet sind, geht ihm jetzt bis zur Brust. Zum Glück schleppe ich seit zehntausend Kilometern diesen wasserfesten Beutel mit mir herum. Ich verstaue Kamera und alle anderen Gadgets liebevoll darin und fühle mich damit einigermaßen sicher. Der Rucksack ist einfach viel zu schwer, um ihn auf Händen durch die Fluten zu tragen. - Respektive wird alles andere nass werden. Die Anspannung ist spürbar. Für diese Jahreszeit ist so viel Regen äußerst ungewöhnlich. Dann ein Geräusch... ein Motorengeräusch... wir hören das Boot durch unsere wachsamen Ohren. Das Wasser steht so hoch, dass wir direkt am Ufer abgeholt werden können. Also dürfen wir wieder Top und Hose anziehen... Swantje und ich werfen gleich noch das Regencape über unsere bepackten Körper. - Riesenmarshmallow eins und zwei sorgen ab da schonmal für bessere Stimmung.

Das Boot ist schnell bestiegen und legt auch zügig ab. Erst als wir schon zehn Meter vom Ufer entfernt sind, bemerken wir wie Clewer noch im Fluss steht und uns zuwinkt. Wir winken zurück und das erste kleine Stück bricht von unseren Herzen ab. Am Hafen des kleinen Dorfes verabschieden sich alle Tränenreich von Lucio... mir ist das zu emotional. Am liebsten würde ich mir den Dschungelglitzerzauber von der Schulter klopfen. Wie ein trotziges Kind, dass das Spielzeug eh doof findet, weil Mama es nicht kaufen will, trotte ich zum Bus. Walter läd unsere Sachen ein. Die Fahrt aus dem Nationalpark hinaus ersetzt erneut den Chiropraktiker . Im Radio läut Paint it Black. So trüb wie das Wetter ist auch die Stimmung im Bus. Wehklagen werden angestimmt. Ich sage nichts... eh alles doof.

 

Vom warmen Regenwald geht es wieder aufwärts und die Wolken verdichten sich zu Nebel. Die Landschaft wird merklich karger.

Einen Zwischenstopp hat José noch für uns: Ninamarca liegt auf 3000 Meter Höhe. Es ist scheiße kalt, aber wir lassen uns die Grabtürme nicht entgehen. Eine atemberaubende Aussicht müssen die Mumien damals gehabt haben. Wir zumindest verbringen eine ganze Weile damit, ein Gruppenfoto vor dieser unglaublichen Landschaft zu machen, bis uns das fröstelnde und vehemente "Chicas?!" wieder ins Auto steigen lässt.

Einige Kilometer vor Cusco werden wir von der Polizei angehalten. Ein griesgrämiger Beamter leuchtet mit blinkender Taschenlampe durch das Fenster in unsere Gesichter. Ohnehin schon schlecht gelaunt, geben manche von uns eher... unangebrachte Kommentare von sich... Wenn auch ihn auf deutsch beleidigt, sehe ich uns schon mit dem Gewehr im Nacken auf dem staubigen Boden knien. Schließlich erkennt auch ein peruanischer Polizist den Unterschied von zwischen gutem und bösem Wort. Aber alles geht gut.

 

José gibt uns bei Liz wieder ab, die im Reisebüro extra auf uns gewartet hat. Der Abschied vom Guide ist kurz und pragmatisch. Wir sind halt auch nur eine der vielen Reisegruppen und jetzt macht er schnell zu seiner Familie, denn morgen geht schon die nächste Tour los.

 

Umso herzlicher ist aber das Wiedersehen mit Liz. Wir schießen noch ein Erinnerungsfoto, dann trägt uns einer ihrer Helfer, der angeblich so stark ist wie ein Inka, unsere restlichen Beutel auf den Plaza de Armas und ruft uns zwei Taxis. Die Adressfindung gestaltet sich mal wieder als „complicado“. Erst als wir die Vermieterin anrufen und sie zur Tür kommt, stellen wir fest, dass wir die schon die ganze Zeit davor standen. Uns erwartet eine dekorierte Wohnung. - Mit allerlei bunten Kissen und Decken. Wir wollen sofort wissen, wo sie die her hat.

„Samstag gibt’s die direkt auf der Straße zu kaufen.

Wie sind enttäuscht, denn Samstag sind wir schon wieder nicht mehr in Cusco.

Nach einer kleinen Führung und kurzem Smalltalk verlässt die adrette Peruanerin die Wohnung. Wir wollen auch sofort aufbrechen. Der Hunger plagt uns.

 

Wir laufen los. Fabi mit ihrer App sucht nach einer Pizzeria. Dem leeren Magen geschuldet, besteht unsere Konversation aus schnippischen Bemerkungen und ungeduldigem Gestöhne.

„Ach scheiß, drauf: Wollen wir nicht einfach ein Taxi nehmen und uns bis zur nächsten Pizzeria fahren lassen?!“

Leidende Zustimmung.

Wir halten das nächste Taxi an. Magda fackelt nicht lange. Der Taxifahrer bekommt fünf Sol, wenn er uns zur nächsten Pizzeria fährt. Das ist viel zu viel, aber egal. Das Auto entspricht dem Volumen eines Wäschetrockners. Umso verstörter ist der Fahrer, als wie selbstverständlich und in übermäßiger Geschwindigkeit Fabi auf Swantjes Schoß Platz nimmt und Heda nach rutscht. Auch ich steige ein und will die Tür mit Schmackes zu schmeißen.

WAMM!... Die Autotür prallt an meinem Oberschenkel ab und fliegt wieder auf.

„Aufrutschen!“, brülle ich, als ginge es um Leben oder Tod.

Mit aller Kraft, gelingt es mit die Tür zu schließen und Magda macht noch ein paar Scherze. Verrückte Hühner und so... aber der Fahrer in einem Polohemd und weißem Kragen ist zu höflich um darauf einzugehen.

Wir fahren genau eine Straße weiter, dann dürfen wir wieder aussteigen. Jetzt muss selbst der Fahrer lachen. Ich öffne die Tür und wie einen Schnipsgummi wirft es meinen Hintern aus dem Wagen. Mit den Füßen im Auto und der Hand am Türgriff schaffe ich es noch mich festzuhalten.

 

In der Pizzeria bringen wir die Bedienung ebenfalls zum lächeln, als jeder von uns eine riesige Pizza bestellt. Keiner schafft kaum ein Viertel. Im Hintergrund läuft der Fernseher, berichtet über Anschläge, Tod und Terror. Eine kleine Familie sitzt in der anderen Ecke des Restaurants. Ich kann das Gefühl nicht einordnen, was mich da durchströmt. Der Wunsch wieder zurück zu gehen... mit dem grünen Dickicht zu verschmelzen und auf alles zu pfeifen, steckt mir genauso im Hals, wie der viel zu süße Pizzaboden. Zivilisation ist schon etwas Merkwürdiges.

 

Bleibt gespannt. Wir sind es auch.

Herzlichst

Luise

 

 

 

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11.09. - Floßfahrt mit Hindernissen... II

Luise


„Ein Krokodil! Ein Krokodil!“, schreit Madga.

 

Ich höre ein Platschen oder vielleicht bilde ich mir das auch nur ein... Unser Boot kommt immer noch keinen Millimeter voran. José ruft etwas, ich kann es nicht verstehen. Magda ist völlig aus dem Häuschen, duckt und streckt sich um etwas sehen zu können. Die Passagiere der Rückwärts-Ist-Schneller haben inzwischen ihr Schicksal angenommen… wir drei sitzen wieder – betont entspannt, um den armen Clever nicht noch mehr unter Druck zu setzen. Ich filme in der Gegend herum, während auf dem anderen Kahn eifrig Party gemacht wird. Dann endlich schaffen wie es aus den Pflanzen heraus wieder in freie Gewässer. Wir holen die Anderen ein. José deutet in das Gestrüpp. Ich verstehe immer nur: „Meerschwein! Meerschwein!“ Nach ein paar Minuten ist die Aufregung vorbei und aus dem Kauderwelsch werden vernünftige Sätze. Was da durch das dunkle Nass gekrochen ist, entspricht nicht ganz der Definition eines Reptils. Was ist ein Wasserschwein gewesen, das mit unserem Haustier, dem Meerschweinchen, verwandt ist. Die Fahrt setzt sich also fort, mit Magda, die überzeugt ist, ein Krokodil gesehen zu haben und Lucio, der mit gekonnter Bewegung nun auch unser Boot in die richtige Richtung zieht.

 

 

Ich könnte an dieser Stelle wieder beschreiben, wie schön und atemberaubend dieser Ort auf mich gewirkt hat, aber das erspare ich euch. Obwohl: Und wenn ich es tausend Mal schreiben würde, es würde dem Dschungel immer noch nicht gerecht werden.

 

 

Auf den letzten Metern wedelt Clever mit dem Stab.

 

„Willst du es mal versuchen?“, fragt er mich und hält mir den Leuchtstab der Führerschaft entgegen. Ich mache große Augen… und tippe Heda an.

 

„Heda, Clever fragt, ob du mal steuern willst.“

 

 

Ein strahlendes Gesicht lächelt mir entgegen. Nach einem schnellen wackeligen Positionswechsel hat Heda das Ruder. Sie nimmt den Holzstab in die Hände und setzt zur ersten Bewegung an… Mit der Kraft der Urmutter steuert die Turbanamazone uns durch das Wasser. Eleganz und Energie bilden einen metaphorischen Bogen. - Heda erfährt die Verkörperung des weiblichen Sinnbilds. Als Leitfigur und tragendes Teil des Universums… dann... bleibt der Stock stecken… und ich muss lachen…

 

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11.09. - Floßfahrt mit Hindernissen...

Luise

 

Völlig durchnässt und übel nach zwanzig Jahre altem Schaumstoff riechend, kehren wir zur Lodge zurück. Heda ist schon da und noch völlig verzaubert von ihrem Dschungeldickichtausflug. Nach einem üppigen Mittagessen und einer kalten Dusche (an den mannshohen Spiegel in der Duschkabine werde ich mich wohl nie gewöhnen können...) geht es weiter. Am Ufer steht wieder das längliche blaue Boot. Lucio, der kleine, dürre Mann mit dem breiten Backsteingrinsen, redet mich mit vielen Worten voll und kichert, weil er weiß, dass ich kein Spanisch spreche.

 

Wir überqueren den Rio Madre de dios und landen an einem Steinstrand. Wir sollen etwas schneller gehen, da die Sonne schon wieder am untergehen ist. In dem riesigen, dumpf beigefarbenen Bambuswald fühlt man sich, als stehe man in einer Zahnstocherschachtel. Der Lärm der Tierwelt erinnert an ein Büchsentrommelkonzert aus meiner Kindheit.

 

Auf den Pfaden der Mikadostadt begegnet mir ein äußerst merkwürdiges Insekt: Leuchtend blau gestreift, verwinkelt wie ein Schaukelpferd fliegt es an mir vorbei. Es ist mir nicht möglich das Tier mit der Kamera festzuhalten. Ich eile zu Clever und berichte aufgeregt von meiner Beobachtung.

 

"Was war das für ein Tier?!", beende ich meine lange Ausführung. Clever, überfordert von meiner Wortgewalt, schaut mich kurz an und spult dann einen seiner Regenwald-Biotop-Standartsätze ab. Jetzt ärgere ich mich, dass ich kein Spanisch spreche. Ich werde wohl nie erfahren, wie das Alice-im-Wunderland-Wesen heißt.

 



 

Wir erreichen lichtere Gefilde, gehen über eine schmale Brücke und erreichen einen befestigten Weg übersät mit farbigen Blütenblättern... und um dem Kitsch noch das Krönchen aufzusetzen, liegt unweit entfernt ein kleiner See mit Anlegestelle. Und wiedermal sitzt ein einzelner Mann auf einem Plastikstuhl in Mitten der vermeintlichen Pampa und verkauft uns Boottickets. Das Wasser wirkt idyllisch. Wie ein schwarzer Spiegel reflektiert es Berge aus Blättern und Bäumen. Schmetterlinge und Aras fliegen über uns hinweg. Dann ertönt ein Fauchen. Unsere Blicke wandern zum anderen Ufer. Auf langen, horizontal drapierten Holzstäben sitzt ein einziger Vogel. Wieder faucht dieser schwerfällig. José steckt die Tickets ein und erzählt freudig im Oberlehrerton etwas über dieses Ungetüm. Mit braunbunter Federpracht und leicht untersetztem Körperbau, wirkt dieser Hoatzin irgendwie urig. Bald gesellen sich noch weitere Artgenossen dazu und beschweren sich gegenseitig über die Anwesenheit des anderen.

 

José, Swantje und Magda besteigen den ersten Kahn und werden von Lucio über das Wasser geschippert. Mit kraftvollen Bewegungen stößt der erfahrene Bootsführer einen langen Stab in das Wasser und drückt so das Floß nach vorn. Der Rest setzt sich auf die Bänke des zweiten Gefährts. - Darf ich vorstellen: Das Gewinnerteam in Sachen Masse-Kraft Verhältnis. Auf der Balastseite: Die beiden Hünen Heda und Fabi (Spezialkraft: Beide höher als der Wasserspiegel) und Luise (Spezialkraft: Barocker Arsch kann als Wasserboje dienen.). Auf der Antriebsseite: Clever (Superkraft: Macht das heute zum ersten Mal... ist also noch guter Dinge.) Ich kann mir ein kichern nicht verkneifen, als der Spargeltarzan uns vom Ufer weg schiebt. Wir fahren direkt an den Hoatzins vorbei. Die Tiere sehen wie Drachenvögel aus. In einem Baum am Wasser ist das Fauchen und Grunzen besonders laut und zwischen den Ästen lassen sich drei kleine staubgraue Federpüschel erkennen. Das erwartete "Or, ist das süüüüß!" bleibt diesmal aus. Ich habe noch nie ein Tier und und seine Jungen gesehen, die weiter vom Begriff "niedlich" entfernt waren. Mit seinen stechenden, blau umrandeten Augen starrt uns das Muttertier an.

 

Wir schippern weiter zwischen den Sumpfpflanzen hindurch. Lucio schaut immer wieder nach uns. Ich filme die Silhouetten der Vogelnester entgegen die untergehende Sonne, als mir das Schilf zart um die Beine streicht. Immer mehr driftet unser Kahn zwischen die Fauna. Clever versucht gegenzusteuern, aber einen Rückwärtsgang gibt es nicht. Die erste Gruppe ist schon einige Meter weiter. Da ruft José: "Look! Look!" Magda und Swantje stehen auf, balancieren sich aus und schauen angespannt zwischen den Wasserpflanzen nach der Ungewöhnlichkeit. Genauso angespannt rudert Clever vergebens mit dem Stab im Wasser. Auch ich stehe auf, um etwas sehen zu können, aber vergebens.

 

"Ein Krokodil! Ein Krokodil!", schreit Magda.

 



 

Fortsetzung folgt....

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11.09. - Schlüpferleinen...

Luise

 

Mit lautem Donnergrollen und Regentrommeln weckt uns der Regenwald mitten in der Nacht. Ein Schnarchen höre ich noch, der Lärm kann also nicht so gewaltig sein. Aber die frühmorgendliche Vogelbesichtigung an den Hängen des rio de madre dios fällt aus.

 

Nach Eierkuchen mit Caramel zum Frühstück geht’s zum Ziplining. (Meine Abneigung gegen Süßes beginnt und soll auch in Zukunft ungewohnte Ausmaße annehmen.) Nur Heda macht sich zu einer Tour durch das Dschungeldickicht abseits der Wege auf. Mit Clever und Machete bewaffnet erobert sie sich entgegengesetzt unserer Route die unentdeckten Pfade. Swantje, Fabi, Magda und ich werden zu einer Hütte etwas entfernt der Lodges geführt. Vier Rucksäcke stehen davor, zwei Männer dahinter. Der eine klein mit breitem Grinsen. Der andere klein... mit Hut und Surferboyerscheinung.

 

Es ist unerträglich warm. Die Mischung aus Schweiß, Sonnencreme und Mückenspray läuft mir über die Lippe in den Mund und verleiht dem stolpernden Gang noch einen bitteren Beigeschmack Der kleine Peruaner Nummer eins (seinen Namen habe einfach nicht verstehen können) führt uns in die Wildnis. Die Pfade gehen über ausgespülte Wurzeltreppen steil bergauf. Die Griffe der Doppelseilrolle stechen mir durch den Rucksack in den Rücken. Unser Anführer spricht über jeden Baum, über jedes Blatt... also das vermute ich. Sein Englisch wird durch genuschelte Schüchternheit nicht gerade verständlicher. Irgendwann schalte ich ab und konzentriere mich nur darauf nicht zu schmelzen. Angekommen an der Ziplining Station machen wir erstmal eine kurze Verschnaufpause. (Erst während der Nacharbeit fiel mir auf, dass es ja ZIPlining und nicht SLIPlining heißt... Luise und ihr Schlüpferfetisch wieder...) Wir packen die Rucksäcke aus und setzen die stinkenden und viel zu engen Helme auf. Zuletzt folgen die Handschuhe und ich schwöre, für einen Moment wäre ich die 10 000 Kilometer innerhalb von zwei Sekunden wieder nach Hause gesprintet. Die Fusselvariante mit Überstülpfunktion liegt grau und sterbend in meinen zu bedeckenden Händen. Ein Geruch von moderndem Plastiktextil weht mir entgegen. Textilien Perus...ich seh´ schon... Dafür hat sich die Reise gelohnt... und für die Ekelblase die mir gerade an der Lippe wächst. Aber es hilft ja alles nichts. „Für die Horde!“, verkneife ich mir zu rufen und fahre in die Handschuhe. Meinen inneren Konflikt nicht mitbekommen, hat der kleine Peruaner Nummer eins alles fertig erklärt. Die Mädels schauen skeptisch und nicht unbedingt fröhlich. Von dem hölzernen Gestell führt eine dünne Schnur über eine grüne Schlucht und endet außerhalb unseres Sichtfeldes. Ich bin begeistert. Wenn ich schon die Lebrahandschuhe trage, dann soll es sich auch lohnen. Ich will unbedingt als erste! Kleiner Peruaner Nummer zwei Kettet sich schon mal an die Doppelrolle. Mit nur einer Hand am Griff fährt er los... die coole, coole Sau! Nummer Eins erklärt noch irgendwas, aber keiner scheint es so wirklich zu verstehen. Er winkt uns zu sich heran. Jetzt geht’s los. Ich schaue in wenig überzeugte Gesichter.

 

„Soll ich als erstes?“, frage ich in lässigem Ton, als sei es das unwichtigste auf der Welt. Innerlich mache ich mich schon für die gnadenlose Verteidigung meiner selbsterdachten Vormachtsstellung bereit.

 

„Luise, mach ruhig.“

 

YESSSS, triumphiert es in meinem Kopf.

 

„Gut“, sage ich nüchtern und lasse mich von Nummer eins einkarabinern. Mit angehobenen Beinen sitze ich in den Seilen. Ich löse die Bremse und die Fahrt beginnt. Die großen Bäume lasse ich hinter mir und plötzlich schwebe über dem Urwald. Das zippen der Leine (*Vorsicht Wortwitz*) wird immer pfitschiger. Ich bremse ab und die Zeit vergeht wie in Zeit Lupe. Aufgescheuchte Vögel fliegen über mich hinweg. Unter mir die Lunge der Erde. Ich fühle mich wie Jack Sparrow, der auf halsbrecherische Weise gerade wieder einer brenzligen Situation entkommen ist. Nummer zwei winkt von der nächsten Plattform ungeduldig herüber. Ich lasse die Bremsen los und will bis zur nächsten Plattform rollen, aber der Schwung reicht nicht mehr. Zehn Meter vor dem kleinen Melkhocker, der einem als Landepunkt auf der genagelten Ebene dienen soll, komme ich zum stehen. Lässig drehe ich mich in 30m Höhe um hundertachtzig Grad und hangel mich weiter... ganz lässig... die ersten zwei Meter. Der letzten acht bedarf es einer Anstrengung, die mein weißes, ebenmäßiges Mondgesicht in das eines grobschlächtigen, von Verstopfung geplagten Wrestlers verwandeln. Bei Meter fünf geht es nur noch zentimeterweise voran. Auf Meter sieben kann ich mir ein stöhnendes Luftholen nicht mehr verkneifen. Das war der Hinweis, den uns Nummer eins zum Schluss gegeben hat: Fahrt durch, nicht anhalten... ach was... die Aussicht war es wert. Fabi, Magda und Swantje, einer nach dem anderen, fahren mit rasantem Tempo auf uns zu. Fabi braucht beim ankommen übrigens keinen Hocker. Jeder von ihnen strahlt.

 

„War doch lässig, oder?“, sag ich. Meine Oberarme zittern leicht. Es liegen noch zwei Bahnen vor uns.

 

 

Der Wald verdichtet sich wieder. Aufgrund unserer Höhe befinden wir uns über den Gebüschen und kleineren Pflanzen, die uns normalerweise vom Erdboden aus die Sicht in alle Richtungen verbieten. Der Anblick ist ehrfurchterregend: Die dicken Stämme der Bäume folgen einer nicht definierbaren Regelmäßigkeit. Jede Rinde ist anders gemasert oder mit einer anderen Pflanze verziert. Noch nie habe ich so viele Blattformen an einem Ort gesehen. Vielleicht war das auch einer dieser vielen Schlüsselmomente dieser Reise. Und ohne jetzt allzu theatralisch und altklug zu wirken, wurde mir doch in jenem Augenblick die Verantwortung, die ich gegenüber meiner Umwelt habe, mehr als deutlich bewusst. Der tief empfundene Wunsch, diese Geschenke um uns herum zu schützen und zu pflegen, war noch nie so stark. Und dieses Gefühl wird mich auch noch lange nach der Reise tragen und beschäftigen.

 

 

 

 

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10.09. - Urwaldzauber III

Luise

Neben all dem Wasserspaß freuen wir uns auch auf ein besonderes Highlight: Die Nachtwanderung klingt wie nichts anderes nach Abenteuer. Nach einer Kürbissuppe, dem Hauptgang bestehend aus Reis, Kartoffeln und Gemüse. (Ja, aufgepasst liebe Low-Carb Freunde. Hier wird Sättigungsbeilage mit Sättigungsbeilage kombiniert. SPOILER: Keiner erlitt einen plötzlichen Herzkasper oder entwickelte Typ 2 Diabetes. Einzig das deutsch-deutsche Denken lässt uns José von der Ungewöhnlichkeit berichten. Reis mit Kartoffeln... also wirklich.) Der Schokopudding besänftigt die verwirrten Gemüter sogleich und nach einer neuen Schicht Anti-Mückenspray (inzwischen ist die Abwehraura schon als leuchtende Umrahmung erkennbar), geht es in den Wald.

Die Taschenlampen im Anschlag leuchten wir umher. Überall hin nur nicht auf den Weg. Gummistiefel stoßen gegen Wurzeln. Wir bewegen uns tapsig über den Weg, aber der unglaubliche Geräuschpegel übertönt unsere Sturzversuche. Die Grillen machen mehr Krach, als das Gehörlosenorchester Untertegenau zu Testzwecken der Schalldämmung im Hallenbad. Und das wundert auch nicht: Grashüpfer, Grillen, Zikaden in allen Farben und Formen sitzen unter jedem Blatt. Mit feucht glänzenden Augen schauen sie mich an. Ich schau ins dichte Dunkel und fühle mich unangenehm beobachtet. José erzählt uns viel Interessantes über jeden Krabbelkäfer. Wir entdecken sogar einen Giftpfeilfrosch. Die Verwendung des Hautsekrets dieser bunten Amphibien erklärt sich aus der Namensgebung. An einer Weggabelung hält der Guide uns zurück, sucht sich einen Stock und stochert damit in einem kleinen Erdloch herum. "Tarantula", meint er bloß. Wir warten gespannt. Dann wackelt der Stab und José zieht vorsichtig. Eine handgroße, behaarte, schwarze Spinne kommt zum Vorschein. Verbissen in den vermeintlichen Eindringling wirkt sie im Taschenlampenlicht wie erstarrt.

José ist enttäuscht: "Nur ein Männchen. Die Weibchen sind größer." Wir entdecken eine Gottesanbeterin.

"Weiß jemand, warum das Weibchen das Männchen umbringt?", fragt José mit der das-kommt-morgen-alles-im-Test-dran-Miene. Wir schütteln die Köpfe. Die Antwort ist verblüffend und logisch zugleich: Ohne Kopf dauert die Kopulation statt zwei Stunden ganze zehn Stunden. Die Chance auf Nachwuchs wird also quasi verfünffacht. Es folgen anzügliche Witze aus der Frauenfraktion. Kurz bevor wir die Lodge erreichen, hält uns José wieder an. An einem Baumstamm direkt über dem Boden sitzt ein riesiges Vieh. Die "Scorpionspider" wirkt wie eine dürre Krabbe, so lang wie mein Unterarm. "Die ist ungefährlich.", sagt der Guide. Wir treten nah heran und José zupft ihr an einem Hinterbein. Dann plötzlich schreit er auf. Wir schreien mit und befinden uns innerhalb einer halben Sekunde in zwei Metern Entfernung. Taschenlampen leuchten panisch umher. Dann hören wir ein Lachen. Wie ein kleiner Kobold Kichert José, der Blödmann!

Den Schreck noch in den Knochen, fällt es uns schwer Ruhe zu finden.

 

Wann war man eigentlich das letzte mal mit einer solch neugierigen Aufmerksamkeit in den einheimischen Wäldern unterwegs? Ich weiß es nicht mehr...

 

Fortsetzung folgt

 

 

Stotterspatz gibt Laut!... Morgen in Plauen

Luise

Statt eines langen Blogbeitrags gibt es heute den Hinweis auf ein besonderes Ereignis!

Ganz kurzfristig, bekommen wir die Möglichkeit ein, zwei Reiseberichte vortragen zu dürfen.

Ich schwitze jetzt schon Blut und Wasser und versuche mit innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden den vogtlandischen Dialekt abzutrainieren.

 

Anwesenheit ist Pflicht. Bringt altes Gemüse mit! :P

 

 

Ort: Galerie Forum K, Bahnhofstraße 39 - Plauen, Vogtland

Zeit: 19.30 Uhr

Eintritt: frei

 

Weitere Informationen:

https://www.facebook.com/events/1741376369505652/?active_tab=about

10.09. - Urwaldzauber II

Luise

Wieder im Boot haben die beiden Männer keine ruhige Minute. Die Frauen quasseln in einer Tour. Und nicht mal die rauschenden Wellen schaffen es nicht, das Gegacker zu übertönen. Clewer lacht bei jedem Witz treu mit. Unmengen an Vögeln begegnen uns an den Ufern. Cesar meint, die Fahrt neigt sich langsam dem Ende zu. Wir stöhnen enttäuscht auf. Der Fluss wird schmaler und wir treiben auf den Hafen zu. Der Bootsmann fragt uns, ob wir nochmal schwimmen wollen. Unsere Augen glänzen und wir lassen uns vom Schlauchboot direkt ins Wasser fallen. Die Rettungswesten geben uns die Möglichkeit im Dschungelfluss zu treiben und die Landschaft zu genießen. Ein merkwürdiges Gefühl. Man fühlt sich so winzig und unbedeutend. - Gleichzeitig verspürt man aber unglaubliche Freude, Teil dieser Welt zu sein. Ich warte jeden Moment darauf, dass die Scheinwerfer ausgehen, die Bäume mechanisch im Erdboden verschwinden und eine Computerstimme sagt: „Simulation beendet. Vielen Dank, dass sie sich für Parque de Manu entschieden haben.“

Ich drehe mich wie eine luftgefüllte Tonne auf der Wasseroberfläche.

„Leute, wir sind im Scheiß Regenwalds... Leute!“, sage ich zum hundertsten Mal.

Wir dümpeln so vor dem Boot, testen die Felswandakustik indem wir Arien schmettern und den lauten Vögeln Konkurrenz machen. Dann müssen wir wieder ins Boot. Aus einiger Entfernung sehe ich dabei zu, wie Swantje, Magda und Fabi vom Azubi an den Rettungswesten in das Schlauchboot gezogen werden. Mit all seinen Kräften hievt er die Mädels über die Bootwand. Ihre Gesichter liegen beinahe in seinem Schoß... Ich will nicht... Ich will ganz und gar nicht. Meine Paddelbewegungen werden dezent panisch, aber das Boot holt mich schon ein.

 

„Luise, entspann dich. Lass es einfach passieren.“, höre ich Magda sagen. Ich bete inständig, dass ich beim Herausheben meine Badehose anbehalte. Mit beiden Händen kralle ich mich an der Reling der Titanic fest. Der dünne Faden gibt mir wenig Sicherheit. Ich schließe die Augen. Dann kommt der Rupfer. Ich halte die Luft aus unerfindlichen Gründen an und warte darauf, dass sich mein Körperschwerpunkt ins Boot verlagert. Der Wal ist binnen weniger Sekunden gefangen. Ich beginne wieder zu atmen.

Jetzt fehlt noch Heda. Die weigert sich aber vehement.

„Ich kann auch so bleiben.“, sagt sie und klemmt einen Fuß und einen Arm am Schlauchboot fest. So geht es zurück in den Hafen. José wartet schon auf uns. Von einem überdachten Ausguck beäugt er uns wachsam.

 

Wir tauschen das Schlauchboot gegen ein langes, blaues Motorboot und überqueren den Fluss. Mitsamt Gepäck schippern wir durch das trübe Nass und kommen an einer verschlammten Anlegestelle an. Meine erste Amtshandlung bevor wir uns auf den kurzen Marsch zur nächsten Lodge begeben: Schuhwechsel. Als ich die giftgrünen Schaumstofflappen gegen tatsächlich echte Schuhe ausgetauscht habe, meint José. „Zieh lieber die Badeschuhe an, wir müssen noch durch einen angrenzenden Flusslauf gehen.“ - Die Schmach nimmt einfach kein Ende!

 

Auch als wir uns auf den Weg machen, verkleidet als voll beladene Gepäckstückmonster, muss ich trotzdem filmen. Das Wasser des Flusses ist nicht tief. Bis zum Knöchel umspült es meine Beine. Mein kleiner Rucksack versperrt mir die Sicht auf meine Füße. Am anderen Ufer flattert eine Schar Schmetterlinge. Wie die Verrückten stürmen alle darauf zu. Ich stoße mir schmerzhaft den Zeh an einem Stein und versuche mein Gleichgewicht auf einem Bein zu halten.

„Oh, ist das schön!“, sagt Magda. - Ich schwanke leicht nach vorn.

„Och, sind die süß!“, sagt Fabi . - Ich schwanke wieder zurück, die Kamera in die Höhe gestreckt.

„Seht euch die Farben an!“, sagt Heda. - Jetzt darf ich mich entscheiden, welcher Rucksack nass wird. Ich wähle den Rucksack auf meinem Rücken und stellte meinen pochenden Fuß sachte ab. „Baum fällt!“, will ich rufen, aber plötzlich haben ich wieder festen Stand... Ich hab´s halt doch drauf! Wen interessieren schon Schmetterlinge. - ich habe in den Urwald mit FlipFlops bezwungen und bin nicht draufgegangen!

 

Nachdem wir in der Lodge ausgepackt haben und uns José mit einem eindringlichen „Follow the rules!“ wiedermal zur Ordnung ruft, führt uns Clewer durch den angrenzenden Wald. Auf einer Lichtung stehen wieder kleine Häuser auf hölzernen Balken. Die sind noch nicht fertig, meint Clever, sollen aber später auch mal Gäste beherbergen. Überall stehen einzelne Bäume - Orangenbäume, Affenbrotbäume. Durch die schmal verteilten Beete, die mein Auge gar nicht als solche wahrnimmt, humpelt ein kleiner, huzeliger halbblinder Mann. Er unterbricht Clevers botanische Ausführungen immer wieder und hält uns immer wieder verschiedene Pflanzen unter die Nase. Liebstöckel, Knoblauch und Zuckerrohr... alles scheint er hier im Garten zu haben. Philippe ist ein Schamane und wohnt seit der Gründung, sprich seit 18 Jahren, hier und kümmert sich um den Garten. Das Grundstück gehört einem amerikanischen Professor, der einmal im Jahr mit seinen Studenten hier vorbeikommt. Magda fragt, warum er hier alleine lebt.

„Weil er das so will.“, bekommen wir nur als Antwort.

 

Auf dem Rückweg entdecken wir einen riesigen Schmetterling. Der Bananenfalter setzt sich auf Hedas Turban nieder. Das Blitzlichtgewitter beginnt. Der Schmetterling hebt ab und wir erstarren alle. Wieder lässt sich das grazile Geschöpf nieder. - Diesmal auf Swantjes Schulter. Blitzlichtgewitter. Dann hält die Welt wieder still. Immer wieder. Die Dekadenz des Touristentums ist mir nie so deutlich erschienen...

 

 

 

Der Tag scheint endlos... und er ist auch noch nicht vorbei...

 

Fortsetzung folgt...

 

 

 

 

 

 

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10.09. - Urwaldzauber

Luise

 

Der Tag beginnt in drei Schichten: Sonnencreme, Mückenschutz und Fenistil. Zum Frühstück gibt es Ei. Durch das von Gaze umschlossene Fenster können wir Kolibris beobachten. (Das „Oh, ist das schön!“ erscheint in diesem Moment noch angemessen. Nach drei Tagen mit vier Frauen im Urwald, zuckt mein rechtes Auge ganz unauffällig, wenn jemand zu diesem Satz ansetzt...) Das erste Gesprächsthema am Frühstückstisch ist diesmal ausnahmsweise nicht die Verdauung, sondern die Mücken. José erzählt uns, dass bei ihm Stiche nur ein paar Stunden anhalten. Es ist eine Sache der Gewöhnung und der Herkunft. Die Ureinwohner beispielsweise werden die ganze Zeit zerstochen, besitzen aber mehr natürliches Antihistamin und drehen deshalb nicht so schnell durch, wie wir Weicheier. Kaum fällt das Wort auf die Ureinwohner, sind wir gespannt und wollen mehr erfahren. Nur einige wenige Kilometer entfernt befindet sich ein Stamm. Vor knapp drei Jahren gab es mal Kontakt zu ihnen. Es gibt sogar ein Video, welches er uns später zeigt. Die meisten Natives sind Jäger und Fischer, da der Wald nicht viele essbaren Pflanzen bietet. Stämme, die den Kontakt suchen, müssen sich an bestimmte Regeln halten. Oft geben die Einwohner ihre eigene Kultur auf und werden abhängig von Spenden aus der „Zivilisation“ - wie José immer gern in Anführungszeichen betont. An seiner Miene erkennt man, wie ihm das missfällt. Von Menschen, die alles hatten, werden sie zu Menschen die nichts mehr haben.

 

 

 

Als Aufwärmübung laufen wir eine Stunde des Weges.(Wieder wird jedes Ameisenhäufchen von allen Seiten dokumentiert. Ich bin mir sicher: Anhand unserer tausend Bilder können wir später ein exaktes 3D-Model des Regenwalds erstellen.) Dann werden wir zum Rafting gefahren. Wir halten unterwegs in Patria. Wieder will José Brot kaufen. Diesmal dürfen wir uns sogar die Bäckerei anschauen. Ich bin überrascht. Bei diesen süßen Burgerbrötchen, die es hier nur zu kaufen gibt, habe ich immer eine sterile Fließband Abfertigung erwartet... irgendwie amerikanisch. Aber in der kleinen Hütte im Hinterhof erwartet uns ein riesiger Steinofen. Über der Lehm verputzten Kuppel hängen die Balken voller Asche. Der Bäcker nimmt die Bestellung entgegen und schöpft die kleinen Brote aus einem hölzernen Basin.

 

Auch Bananen will José kaufen, als er aber mit leeren Händen wieder einsteigt, stellt der Fahrer nur grunzend fest: „Ist ja Sonntag. Da gibt’s wohl nix.“

 

Teils fahren wir durch wilden Dschungel, teils durch kleine Dörfer. Überall liegen Cocablätter auf blauen Plastikplanen zum trocknen aus. Erst in der nächsten Kleinstadt finden wir Kochbananen und Yuka. Am Straßenrand finden die Männer sogar die Annatto-Pflanze, die die Frau zum Färben von Orangetönen benutzt. José fackelt nicht lang und bricht eine handvoll der stacheligen Früchte ab. „Damit könnt ihr dann euer Gesicht bemalen.“, lacht er.

 

In einem kleinen Ort hält schließlich der Bus und fährt rückwärts in einen Hof. Auf dem Tor sitzt ein roter Papagei und beäugt uns wachsam. José erklärt, dass wir ab hier zu Fuß zum Rafting müssen. Wir sollen uns umziehen, Badekleidung, Sandalen und Clewer soll uns bemalen. Wir lachen über den Scherz, aber José meint es ernst. „Das hilft gegen die Mücken.“ Jaja, verarschen kann ich mich selber. Aber nachdem sich Heda bereitwillig das Gesicht verzieren lässt, denke ich mir auch, sollen die anderen doch auch ihren Spaß haben. Wir sind fast fertig, da deutet José auf meine Turnschuhe. „Du brauchst andere Schuhe, es wird sehr nass. In dem Laden da vorn gibt es FlipFlops.“ Was der gute Mann nicht weis; nach öffentlichen Treppengeländern und Pausenhofmobbern gibt es nur eins, was ich verabscheue: Diese Moosgummifußzehenspalter... Zwei Minuten später bin ich also stolzer Besitzer der untersten Schuhwerkkaste. Caesar, unser Raftingbootsführer verteilt Schwimmwesten und Paddel. Zumindest hat Heda auch Clewer geschminkt. Wir sehen also alle gleich bescheuert aus, als wir im Gänsemarsch, mit Kriegsbemalung, im Bikini , mit Paddel unterm Arm und rotem Wasserharnisch los watscheln. Die Dorfbewohner schauen uns belustigt hinterher. „Wir sind die Ritter der Schwafelrunde!“, rufe ich noch, werde aber sofort bestraft, indem ich über meinen rechten FlipFlop stolper und mir mit dem Paddel selber eine verpasse. Heda grunzt schadenfroh. Clever weiß nicht, ob er lachen oder mir helfen soll.

 

Am Wasser angekommen, wird das Schlauchboot aufgepumpt. Ceasar macht uns die rudimentären Paddelbewegungen vor und nennt uns die dazugehörigen Signale. Wir tragen das Boot ans Wasser. Ceasar überblickt die Gruppe und Verteilt seine Paddler. Er fragt mich, ob es ok ist, wenn ich vorne sitze. Zu jeder Schandtat bereit, nicke ich. Erst später verstehe ich, warum das so ein Sonderplatz ist... Das Boot ist schnell bestiegen. Vom seichten Wasser geht es in die ersten Stromsschnellen. Wir brechen eine Welle und die erste Reihe wird eiskalt voll geschwappt. „Ladies, forward!“, ruft Ceasar und wir paddeln los. Die meiste Zeit rudere ich pflichtbewusst in der Luft. Die Angst hinein zu fallen schwindet nach und nach und wir legen uns ins Zeug. „Stoooop, Ladies!“ Im ruhigen Wasser angekommen, heben wir die Paddel in die Lüfte und stimmen Siegesgeheul an. Nach der Biegung liegt ein kleiner, grauer Steinstrand. Wir lassen uns ans Ufer treiben, legen die Rettungswesten ab und dürfen endlich schwimmen. Mit unseren orange verwaschenen Gesichtern schauen wir uns um. Die Strömung nimmt uns leicht mit und mit strampelnden Bewegungen halten wir dagegen. Ruhe und Bewegung treffen sich an diesem Ort. Die Felsen, gegen die das Wasser laut schlägt, bilden einen Verlauf von Grünspan über ein kühles Pupur bis einem tiefen Indigo. Die Bäume, ewig hoch, mit gewaschenen Wurzeln und singenden Vögeln in den Kronen, geben uns das Gefühl im Einklang zu sein.

 

„Das ist Leben.“, sagt Magda, „Wenn ich es in einem Bild beschreiben müsste, dann so...“ Dann lächelt sie und der Reihe rum erstrahlen auch unsere Gesichter vor Glück....

 

 

 

 

 

 

 

Fortsetzung folgt...

 

 

 

09.09. - Zwischen Zikaden und Bananenblättern... Unser erster Tag im Dschungel

Luise

Sieben Uhr steht der Bus vor unserer Haustür. Wir räumen noch schnell die Bude auf, dann sprinten wir zum Auto. Uns begrüßen Walter und José, die unserer Gepäck einladen. Es ist ein kleiner, weißer Bus mit elf Sitzplätzen. Wir sind erleichtert. Nach Machu Picchu hat keiner von uns Lust touristisch großportioniert abgefertigt zu werden. Nach kurzer Fahrt halten wir an und José, der Guide, nimmt unseren Nahrungsvorrat für die nächsten Tage entgegen. Dann müssen wir noch auf jemanden warten. Fabi verdreht die Augen: „Wir machen nur Platz für ´nen hübschen Peruaner.“ Und dann kommt er angejoggt... der „Guide in training“, wie José sagt. Der junge Mann steigt mit einem leicht gehetzten Lächeln ein und streicht sich die dunklen Haare aus dem Gesicht. Gut, denke ich mir. - Und ich will Peru auf einem fliegenden Alpaka bereisen... Ich warte kurz....aber mein Wunsch geht nicht in Erfüllung. Wir fahren also aus Cusco hinaus. An jedem zweiten Haus steht ein Schild: Cuyeria – Meerschweinchen, aber nicht die zum streicheln... Wir rümpfen alle die Nase.

In Oropesa halten wir erneut. Hier gibt es angeblich das beste Brot. Was uns Jose dann zum Kosten anbietet nennt sich Chuto und erinnert an ein riesiges Milchbrötchen. Das Hefebrot ist sehr süß... wie alles in Peru. Wir fragen nach dem Namen des Azubis. „Clewer.“ Sein Name sorgt für etwas Belustigung. „Weis nicht, ob er wirklich clever ist.“, meint José. Clewer lächelt nur süffisant.

In Paucartambo machen wir eine kurze Pause und besuchen dort ein Museum. Neben den typischen Kopfbedeckungen der Schamanen, Ch´ullu genannt und den bemalten Bekleidungen der Urwaldbewohner, gibt es eine ganze Ausstellung über die Fiesta de la Virgen de Carmen, welche immer am 16. Juli für drei Tage lang zelebriert wird. Clewer erklärt uns viel über die ausgestellten Kostüme und Masken. In schillernden Farben und mit glitzernden Applikationen erzählen die Verkleidungen über die Geschichte Perus. Ob über die Chucchu-Masken, mit ihrer gelben Farbe und Geschwülsten im Gesicht oder über die Spanier mit den dicken Bäuchen und der Alkoholflasche in der Hand... Die Kostüme vermitteln immer eine saftige Satire vergangener Ereignisse.

Gefüllt mit Wissen machen wir noch einen Abstecher zur Tankstelle, aber nicht um das Auto aufzufüllen. Jose steigt mit einer leeren Fantaflasche aus und füllt sie am Zapfhahn mit lila Flüssigkeit... für den Generator in der Lodge.

Der weitere Weg führt uns durch staubige Gefilde, alles ist grau. Der Staub zieht in den Bus und lässt uns husten. Die Wegstrecke wird steiniger. Durch das Gerüttel wird mein Hintern ganz taub. Am Eingang zum Parque Nacional del Manu legen wir die erste Rast ein. Anhand der dort aufgestellten Karte erklärt uns der Guide wo und wie lang wir uns an welchem Ort aufhalten. Das Tropengebiet des Manu Parks ist riesig. Während unserer vier-Tages-Reise erkunden wir nur einen winzigen Teil. José erzählt uns, dass zehntausende Tier- und Pflanzenarten schon hier gezählt wurden und es auch Forschungsstationen amerikanischer und deutscher Forscher gibt. Beim Mittagessen sorgt die Granadilla für kulinarische Neugier: Eine orangene Frucht mit harter Schale. José macht es uns vor. Wie ein gekochtes Ei haut er den leuchtenden Ball auf den Tisch. Im Inneren befinden sich Fruchtfleisch ummantelte Kerne. Sprich: Knackst du die Hülle, darfst du süßes Froschlaich auszutschen... wir sind begeistert.

Gegenüber der Einfahrt sitzt eine Frau am Webstuhl. Endlich können wir José klar machen, warum wir hier sind. Ambitioniert schreitet José also voran und will für uns übersetzten. In Quechua zeigt uns die Weberin die Teppiche hinter sich. Und wie auf´s Stichwort erklärt sie uns, mit welchen Pflanzen sie welche Farbtöne für die gesponnene Wolle erzeugen kann. Neben ihr liegen alle Zutaten, die sie uns nacheinander vorstellt. Mir kommt das wieder sehr drapiert vor... schließlich braucht sie zum Weben keine Färbemittel. Ich kann aber froh darüber sein, denn so kann ich sehr schöne Aufnahmen für den Dokumentarfilm machen. Vierzehn Stunden sitzt sie täglich am Webstuhl. Ihr schmerzen die Hände und der Nacken. Unsere Ehrfurcht ist groß. Jeder von uns saß schon einige Stunden an den großen Schaftwebstühlen, die im Vergleich zur südamerikanischen Webanlagen ein Luxus darstellen.

Im oberen Bereich der Anden ist der Dschungel durch den vielen Nebel überhaupt nicht sichtbar. Die Wolken kommen vom tiefgelegenen Regenwaldgebiet und stauen sich quasi an den Anden. Jede Kurve scheint im sichtbaren Nichts zu enden. Einige hundert Höhenmeter tiefer lichten sich die Reihen und der Urwald wird sichtbar. Irgendwann ruft Clewer, der schon die ganze Zeit konzentriert aus dem Fenster starrt: „Stopp! Stopp!“ Der Wackelbus hält an. Und da sehen wir ihn... den Cock-of-the-Rock. Als einer der tierischen Repräsentanten Perus, sitzt der leuchtend rote Felsenhahn gut versteckt im grünen Dickicht. „Man sieht ihn nicht oft. Wir haben Glück.“, meint José. (Interessanterweise sehen wir an diesem Tag bestimmt drei oder vier Exemplare dieser Schmuckvögel mit dem charakteristischem Federkamm über der Stirn. Unsere Reise ist vom Glück bekleidet.) Auch für Adler halten wir an. Magda mit ihrem Teleobjektiv hat natürlich die beste Sicht. Swantje mit ihrem Weitwinkelobjektiv fotografiert eher Suchbilder. Ich filme natürlich und warte darauf, dass sich der Vogel bewegt – am besten weg fliegt. Wir stehen eine Weile. Ein zweiter Bus kommt angefahren und hält ebenfalls an. Alle warten gespannt, dass der Adler sich erhebt. Der König der Lüfte muss sich fühlen, wie ich früher in der Sportstunde: Es reicht nicht anwesend zu sein, man muss auch noch Kunststücke vollführen.

 

Bevor wir die Lodge erreichen, steht uns noch eine einstündige Wanderung bevor. Die Kamera im Anschlag dokumentieren wir gefühlt jedes Blatt, jedes Insekt und den Vogel. Die Farnblätter die an dem Berghang wachsen, könnten mir locker als Hängematte dienen. Von Josés Ausführungen bekomme ich nicht viel mit. Wie immer hänge ich hinterher. Dafür kann ich mich aber mit Clewer unterhalten, der anscheinend als Schlusslichtaufpasser abkommandiert wurde. Für ihn ist es erst die zweite Tour als Guide. Kein Wunder also, dass José ihn so hart ran nimmt. Der alte Hase ist hier schon seit 18 Jahren jede Woche unterwegs.

Angekommen in der Lodge trauen wir unseren Augen kaum. Hölzerne Hütten auf meterhohen Pfosten geben uns das Gefühl direkt in einen Reisekatalog gesprungen zu sein. Wir haben ungefähr fünf Minuten Idylle. Dann wird der Warmwassergenerator angeworfen...

Es wird wieder sehr schnell dunkel hier. Die ersten Glühwürmchen schweben über die Terrasse. Unserer Zimmer bestehen aus zwei Betten und darüber gespannte Moskitonetze. Wir verstauen unser Gepäck und setzen uns auf die Veranda. Magda stickt. Da kommt Swantje vorbeigerannt, frisch geduscht und mit nichts außer einem Handtuch bekleidet. Sie strahlt: „Wer hätte gedacht, dat ick mal im Handtuch und Bübchen Himbeerspaß (Duschgel) durch den Dschungel renne.“

Um sieben gibt es Abendbrot. Quinoasuppe als Vorspeise, Nudeln mit Tofu und Maispudding. José erzählt, dass Quinoa total gesund sei, man es aber nicht jeden Tag essen solle. Und seitdem es in Europa als Superfood bekannt und der Export gestiegen ist, wird es auch in Peru für mehr Geld verkauft. Dann schwärmt José von diesem Maispudding. Wir wissen schon, was auf uns zu kommt und verziehen die Gesichter. Aus Anstand nehme ich zwei Löffel von der dunkellilanen Masse und bemühe mich nicht zu würgen. Wie eingedickter Glühwein liegt mir der Pudding des Todes auf der Zunge. Ich schlucke und spüle gleich mit Kamillentee nach. Nach vielen Scherzen beim gemeinsamen Essen und weiblichen Glucksen und Gekicher taut José endlich auf. Clewer lacht sowie so bei allem mit, egal ob wir Deutsch, Spanisch oder Englisch reden.

 

Die erste Nacht im Urwald ist berauschend. Die Insekten sind mindestens genauso laut, wie die Autos in Lima. Dazu mischt sich das monotone Flussrauschen. Die Nacht ist mild und unter dem Moskitonetz fühlt man sich sehr sicher. So richtig glauben wir es noch nicht: Wir sind im Dschungel.

07.09. - Privat Führung und akrobatische Männer... ein Glückstag in Cusco

Luise

Nach dem anstrengenden Ausflug nach Aguas Calientes und Machu Picchu genießen wir die Nacht mit dem Wissen, am nächsten Tag keinen Termin oder feste Abfahrtszeit wahrnehmen zu müssen. Trotzdem geht es aber halb neun los. Wir wollen in ein Museum über Heilkräuter und Schamanismus besuchen. Unterwegs halten wir an einem winzigen Obstladen-Café und füllen uns die Bäuche mit Fruchtsäften und Kaffee. Keiner bekommt die riesigen Pötte leer. Außer Heda: „Da kann die mal sehen, was tschechische Frauen an Kaffee vertragen.“ Bevor wir gehen, macht Heda der Bedienung noch klar, wie gut es ihr geschmeckt hat und schenkt ihr noch eine Kleinigkeit. (Na, wer macht denn da seinen Rucksack allmählich leer, damit da mehr Alpaka reinpasst?)

 

Wir machen uns weiter auf den weg, biegen um eine Ecke und stehen vor Apukuntur. Vor wenigen Tagen waren wir hier zur Firmenbesichtigung gewesen. Heda kribbelt es schon in den Fingern: Sie will klopfen und nach Wollresten fragen. Gerade bittet sie Magda, für sie zu übersetzen, als die Tür auf geht und die zwei Chefs heraustreten wollen. Erst verstehen sie nicht genau, was wir wollen, bitten uns freundlicher Weise aber trotzdem herein. Heda folgt der Aufforderung und kommt mit zwei Tüten bunter Fädenrester wieder heraus. Glücklich rennt sie voran.

Zur Fuß von unserer Unterkunft zum Museum ist es knapp eine Stunde. Wir laufen an großen Straßen entlang. Hunde fressen aus den Müllbeuteln, die die Anwohner über Nacht hinaus gestellt haben. Wenn auch nicht so stark wie in Lima, stinkt es hier doch wahrnehmbar nach Abgasen. Die Sonne hat die Straßen noch nicht aufgeheizt. Es fröstelt uns also noch ein wenig... bis die ersten Steigungen und Treppen uns schwitzen lassen. Wir befinden uns gerade auf einer Anhöhe, schlängeln uns an Passanten vorbei und schauen die Mauer hinab zwischen die Wohnhäuser, als wir einen kleinen Markt entdecken. Frauen sitzen auf dem Boden und verkaufen eine Handvoll ihrer Ernte. Von einer Verkäuferin mit einem größeren Obststand, werden wir mit Kostproben gelockt. Die Finger verklebt von Physalis und Chirimoya verlassen wir den Markt, nicht ohne etwas Obst für das Abendbrot mitgenommen zu haben. Es zieht uns weiter durch die Straßen und wir treffen auf verschiedenste Trachtenläden. Wir betreten einen und lassen uns die verschiedenen Verzierungen und Kleidungsstücke erklären. Heda ist ganz hingerissen von der Bekleidung der Urubamba-Frauen. Schlichter als die Cusco-Tracht, wirkt Heda in dieser Kluft schon beinahe bescheiden. :)

 

Endlich im historischen Stadtkern Cuscos angekommen, suchen wir uns dumm und dämlich nach diesem Museum. Erst auf Nachfrage erfahren wir, dass dieses ominöse Museum seit sieben Jahren nicht mehr existiert... so viel zum Thema aktuelle Reiseführer...

Heda und ich machen uns zu zweit auf den Weg zu einem anderen Museum, was ich unterwegs gesehen habe. In einem kleinen Hof entdecken wir einen Inka-Indidaner in voller Montur. Hedas Augen leuchten. Auf einem kleinen Schild ist zu lesen, dass er für „alte Kulturen“ sammelt. Heda erzählt mir, dass sie schon von einem Theaterverein gelesen hat, der sich um die Aufrechterhaltung der alten Bräuche kümmert. Beim Vorbeigehen fragt er Heda: „Möchtest du eine Inkaprinzessin sein?“ und deutet auf den Thron neben ihm und einige Kostüme, die man sich anziehen könnte. Heda schüttelt den Kopf: „Ich will lieber ein Bild von dir.“ Da baut sich der Inka-Mann in heroischer Pose auf und Heda knippst.

„Das ist echter Schauspieler. Der weiß wie man sich hinstellen muss, für gutes Foto.“

Wir werfen Geld in die goldene Vase.

„Kommt morgen vorbei, da mache ich ein richtiges Inka-Ritual.“

 

Das Museo Quechua stellt sich als winziges Museum heraus. Überfreundlich werden wir gefragt, ob wir unsere Rucksäcke abstellen wollen. Als ich dann mein Skizzenbuch herausziehe, ist der Mann ganz interessiert. Auch Heda zeigt ihm ihr Skizzenbuch. Beim Anblick der eingeklebten Pflänzchen führt er uns gleich zum ersten Tisch und zeigt uns, mit welchen Pflanzen man so färben kann. Wir schreiben eifrig mit. Mit einem Winken meint er noch: „Nehmt euch etwas für eure Skizzenbücher mit.“ Ich meine nur zu Heda: „Siehst du, es war doch für was gut, dass du deinen Rucksack auf Machu Picchu verloren hast. So ein Opfer stimmt den großen Inka Gott gnädig.“ Heda lacht, aber im laufe des Tages sollte ich noch recht behalten. :) Das Museum beherbergt auch eine riesige Gipsstatue. Eine Frau und ein Mann umschlungen von einem Schlangenkörper an dessen einem Ende ein Pumakopf uns entgegen faucht und am anderen Ende ein Lamakopf nach oben schaut. Der Angestellte erzählt uns einiges über Pachamama, der Mutter Welt, der allmächtigen Göttin, die auch heute noch in vielen Teilen Südamerikas verehrt wird. Ihr werden die Opfergaben zu teil, die man an einigen Ständen auf den Märkten kaufen kann. Heutzutage hat sich das auch schon mit dem Marienkult vermischt wie man ihn aus katholischen Ländern kennt. Wir sind beeindruckt und erreichen den … Museumsshop. Der ist größer als das eigentliche Museum. Und jetzt verstehen wir auch, warum an den Exponaten Preisschilder hängen. Im letzten Raum sitzt sogar eine Frau an einem der traditionellen Webvorrichtungen. Es wirkt etwas aufgesetzt, aber dennoch hole ich mir die Erlaubnis ein, sie beim Handwerk zu filmen. Die Alten auf den Märkten sind ja etwas Kamerascheu, wie wir schon feststellen durften...

 

Im museo inka treffen wir auch wieder die anderen. Foto und Video sind dort nicht erlaubt, also nehme ich das Skizzenbuch wieder mit. Die Ausstellung beinhaltet mehr Keramik als Textil, aber aus den Verzierungen und Bemalungen die ich abzeichne, lassen sich schon wieder viele Geschichten erzählen. Es gibt sogar Mumien und wieder schlägt mein Herz höher, als ich groteske Bündel Mensch durch die Glasscheibe betrachten darf... es gibt einfach so unterschiedliche Arten mit dem Tod umzugehen und ihn zu zelebrieren. Das Inka Museum schafft einen guten Überblick über die verschiedenen Stämme aus präkolonialistischer Zeit, kann aber nicht mit den großen Museen Limas mithalten.

 

Wir sind kaum durch alle Hallen gewandelt, da hören wir von draußen infernalische Musik und als wir die Straße zum plaza de armas hinabstürzen, erblicken wir einen Umzug. Hunderte Menschen stehen vor der Catedral Basílica de la Virgen de la Asunción. Mit Statuen und Bilder der heiligen Maria voran, präsentieren sich die verschiedenen Gilden. Jede mit eigenem Blasorchester und Tänzern. Die Frauen tragen jeweils einfarbige Kleider mit Perlen besticken Tüchern und wallenden Röcken. Die Männer mit Glockenstiefeln, Guerreros genannt, springen in Formation zum Takt der Musik und wirbeln ihre bunten Hüte herum, um so den Kampf zwischen Gut und Böse zu unterstützen.

 

Hedas Opfer hat sich definitiv gelohnt.... mal sehen, was uns sonst noch so abhanden kommt und uns auf andere Weise wieder geschenkt wird.

 

Morgen bereiten wir uns auf Amazonien vor... danach geht es für vier Tage in den Urwald.

 

Bleibt gespannt. Wir sind es auch.

Herzlichst

Luise

02.09. - Flüche und Haare... unser erster Tag in Cusco

Luise

Tief Luft holen ist das erste, was ich beim Aufstehen tue. Mein Herz schlägt schnell. Es ist ein kalter Morgen. Wer jetzt aber hier Reiseromatik erwartet, kann gleich wieder gehen und hinter sich die Tür zumachen. Die dünne Luft auf 3260 Metern Höhe macht mir leicht zu schaffen, aber das ist hoffentlich nur die Gewöhnung. Der Mann der Vermieterin, hatte uns gestern beim Wohnungsrundgang (und ja er hat uns alles gezeigt, wo die Töpfe stehen, wie das Licht angeht) eine Schale Cocablätter hingestellt. Trotz meiner Affinität zu Heilpflanzen und Kräutern... ich rühre das Zeug nicht an... Nur weil da 0,1 % Kokain drin sind, muss ich mich nicht wie eine 13 Jährige verhalten, die zum ersten Mal Schnaps angeboten bekommt. (Meine Mitreisenden halten mich an dieser Stelle sicher wieder für paranoid. Keine Sorge... es wird noch schlimmer. :) ) Das wirkliche Ausmaß der Höhe wir mir erst bewusst, als ich die Flasche Sonnencreme aufmache und mir ungewollt eine mächtige Portion entgegen fluppt. Alle Tuben sind aufgebläht. Füller und Tuschepinsel sind ausgelaufen. Aber klar, so ein Kubikmeter Luft wiegt auch was und wenn wir von der Küste gestartet sind, dann fallen die 3000 Höhenmeter drucktechnisch ganz schön ins Gewicht...

Der gemeinsame Morgen beginnt heute relativ spät, alle sind noch erschöpft von der Busfahrt. Aus der Nachbarwohnung kommt Musik. Heda kommt zu Magda und mir ins Zimmer getanzt. „Mädels, es ist Samstaaaag! Heut´ ist Markttaaaag!“

Den Tag zuvor waren wir des Abends kurz noch einkaufen gewesen. Schon im Dunkeln hatte uns Cusco verzaubert. Die Stadt liegt in einem Tal. Überall sind in der Ferne noch kleine Lichter zu erkennen. Als würde man sich in einem Sternenmeer bewegen. Es ist hier nicht still, aber ruhig. Eine Erleichterung nach dem lauten Lima. Trotz des fehlenden Lichts sind noch immer Kinder auf den Straßen unterwegs. Wir fühlen uns gleich sicherer. Und am Tage dann empfängt uns Cusco mit seiner ganzen Atmosphäre. Das lässt mich sogar meine brennenden Lungenflügel vergessen: Menschenmassen strömen über die Straßen. Bunte Tücher und Hüte, wo man nur hinsieht. Navi-Fabi hat uns schon einen Markt herausgesucht, aber schon auf dem Weg dahin eröffnet sich uns eine wahre Reizüberflutung: Stände und Läden dicht an dicht. Und davor sitzen, auch dicht an dicht, Frauen in ihren Ponchos und Röcken und verkaufen Gebäck, Streichhölzer und Putzmittel. Jemand schiebt eine Schubkarre voller Erdbeeren an uns vorbei. Es ist gerade Mittagszeit, die bunten Frauen essen Suppen oder Reis und trinken mit einem Strohhalm Limo aus Tüten. Streunende Hunde haben sich an jeder freien Stelle zum Schlafen hingelegt. In der Sonne ist es ziemlich warm. Aufgrund der Äquatornähe sind die Sonnenstrahlen viel intensiver. Denn kaum kommen Wolken auf, ist es schon wieder zugig kalt. Aber wir denken in diesem Moment an irgendwelche Befindlichkeiten. An jeder Ecke riecht es anders: Mal nach Ammoniak mal nach Obst, Fleisch oder Räucherstäbchen. Im San Pedro Markt angekommen, gehen uns bald die Augen über... Heda muss schon lachen, wenn Magda und ich, wie zwei Elstern an jedem Schmuckstand kleben bleiben. Schon am ersten Stand mit Bändern, bleiben wir stehen. Die Farbenpracht erschlägt einen erstmal. Die Nische, in der die Waren aufgehängt und gestapelt sind, ist keine zwei Meter breit. Zwischen uns drängt sich die Verkäuferin durch und stellt sich in den armlangen Verkaufsraum. Sie ist so winzig! Mit lieben Augen schaut uns die alte Dame an. Magda fragt gleich nach den Bändern und wir geben die Bestellungen auf. Magda erzählt von unserem textilen Hintergrund und wo wir herkommen. Die Dame spricht irgendeinen Dialekt, weshalb nicht alles verständlich ist, aber wir lächeln weiter. Heda indes ist bis an die Rückwand des Standes vorgedrungen und zieht noch einige Schätze hervor. Die Verkäuferin erzählt, dass alles hier auf den Dörfern hergestellt wird. Als wir uns verabschieden, schenkt Heda ihr noch eine Kleinigkeit aus Deutschland. Die kleine Frau freut sich und schließt Heda in die Arme... Ein rührender Moment, der uns gleich noch positiver stimmt. Weiter geht’s durch die riesige Halle. Überall gibt es was zu Essen, frisch zubereitet. Das Filmen wird zunehmend schwerer. Gerade die älteren Leute werden richtig böse. Obwohl ich schon keine einzelnen Personen sondern nur Raumsituationen aufnehme. Die Angst, mit der Kamera die Seele eines Menschen einzufangen, ist immer noch gegenwärtig. Es ist unglaublich interessant, dass der Mensch dazu neigt, Dinge, die man nicht kennt oder versteht, zu verteufeln und ihnen damit aber einen hohen Stellenwert einräumt. Ihnen Wichtigkeit verleiht, obwohl sie für einen selber einen bösen oder schlechten Aspekt darstellen und man selber diesen ja eigentlich so klein wie möglich halten will... Eine Frau hat mich sogar mit einem Bündel Trockenblumen bedroht. Aus Angst, dass sie mich gerade verflucht hat, male ich ein Schutzsymbol mit der linken Hand in die Luft... Nicht das ich an sowas glaube. (Knock. Knock. Knock. Ich klopf dreimal auf Holz.)

Heda trinkt genüsslich einen Sapallosaft und weiter durchforsten wir die Halle. Bepackt mit den ersten Arbeitsmaterialien laufen wir die Straße wieder hinab. Eine Gasse ist besetzt mit unzähligen Kräuterfrauen, die auf kleinen karierten Tüchern ihre Ware anbieten. Für mich lautet also die Aufgabe am Abend: Vokabeln raus suchen und mir morgen möglichst viel über die Pflanzen erfragen.

 

Ein Punkt auf meiner Peru-to-Do-Liste, der erst vor Ort dazu gekommen ist: Hier zum Friseur gehen. Die Gelegenheit ist günstig. Heda, Magda und ich betreten einen winzigen Friseursalon. Fünf Friseure schneiden hier im Akkord. Haare waschen ist nicht. Preis pro Haarschnitt: 5 sol – umgerechnet 1,70 € … Ich bekomme eine Mappe in die Hand und setzte mich in den Frisierstuhl. Bilder von Stars und Sternchen aus aller Welt starren mich an. Ich blättere eine Weile... die Friseurin bittet mich freundlich auf den Warteplätzen platz zu nehmen, damit sie derweil noch jemand anderen dran nehmen kann. Mir ist das nix. Ich zücke mein Notizheft und zeichne schnell die Frisur, die ich habe will. Gerade wird eine andere Friseurin frei. Sie bittet mich Platz zu nehmen. Ich zeige ihr die Zeichnung und dank Magdas Übersetzung geht es auch sofort los. Ich scheine einige Leute im Salon zu belustigen... Es freut mich immer, wenn ich Leute zum lachen bringen kann. Heda filmt das Ganze. Magda lächelt mich an. Die erste Herausforderung liegt schon mal im Kämmen. Ich habe dünnes, gelocktes Haar, nicht wie die Peruaner mit ihrem schönen, kräftigen und glatten Schopf. Ganz zart und vorsichtig schneidet die Frau mir die Haare. Nass gesprüht und aalglatt bekomme ich einen Longbob beschnitten und den Nacken rasiert. Dann bin ich fertig. Erst auf Nachfrage föhnt sie mir die Haare... sagen wir mal bügeltrocken. Im Moment kann ich gar nicht sagen, ob ich zufrieden bin. Als ich in den Spiegel schaue, blickt eine dicke Severus-Snape-Variante von mir zurück. Ich bezahle mit einem zehn sol Schein und sage, dass das so stimmt. So richtig annehmen will sie das Trinkgeld aber nicht. Als Heda ihr auch noch ein deutsches Mitbringsel überreicht, will sie uns die fünf sol wieder geben. Mit einem Lächeln und vielen Muchas Gracias verlassen wir den Laden. Der Boden liegt voll mit schwarzen Haaren und ein paar roten Fusseln von mir... Ich bin stolz. Auf einer solchen Reise sollte man immer etwas vom alten Selbst zurück lassen... und wenn das für mich nur einige gefärbte Hornfäden aus Keratin beinhalten... umso besser.

 

Morgen ist Stadtrundgang angesagt... und vielleicht finden wir noch andere Märkte. :)

 

Bleibt gespannt. Wir sind es auch.

Herzlichst

 

Luise

01.09. - Alles für die Kunst.... bis zum Erbrechen

Luise

Heute wird es Zeit sich von Lima zu verabschieden... und das fällt uns auch nicht gerade schwer. Die tosende Metropole mit ihrem Smog und Lärm erinnert trotz ihrer südamerikanischen Exotik doch an jede andere Großstadt. Wir packen also alles zusammen und wundern uns, wie wir vor der Anreise alles so gut verstaut hatten. Den zweiundzwanzig Stunden Busfahrt sehen wir positiv gestimmt entgegen. - Wir haben Schlafplätze und Internet. Da kann ja nix schiefgehen... denken wir ganz ungeniert. Außerdem haben wir Tonnen an Essen vorbereitet. Wir lassen es uns gut gehen... denken wir ganz ungeniert.

Zum Busbahnhof brauchen wir zwei Taxis – So viel Gepäck haben wir. Auch der Sicherheitsmann vor dem Check-In Schalter äugt komisch, als da fünf Gepäckbündel auf zwei Beinen ankommen. Die Einheimischen tragen eine Sporttasche bei sich... Und ich erblicke ein Schild... Gepäck im Frachtraum maximal 20 Kilo! Ich zucke kurz zusammen. Habe ich doch unseren gesamten Kücheninhalt pflichtbewusst mit in meinen Rucksack gestopft. Das Kilo Salz, Zucker, den Rest Kartoffeln und Zwiebeln. Ich schwitze kurz, als ich die Kraxe auf die Waage lege. 15kg... 16,7kg... 17,2kg... 18- der Gepäckbeauftrage zieht den Rucksack von der Waage und lächelt kurz. Hab ich ein Schwein! Das nächste was mir an den Schildern auffällt... keine scharfen Gegenstände im Handgepäck... und es gibt nen Metalldetektor und Rucksackkontrolle. Still und heimlich lasse ich mein super-duper tolles, multifunktions-Survival-Taschenmesser von meiner super-duper tollen, multifunktions-Survival-Schenkeltasche zwischen meine Wechselklamotten im Rucksack verschwinden. Indes hat Magda zwei Massagesessel entdeckt. Mit hopsendem Schritt springt sie darauf zu, lässt sich in einen dieser Sitze fallen und wackelt mit dem ganzen Körper, als sei der Sessel just in dem Moment angesprungen. Ein Piepen ertönt von irgendwo her. Wir quatschen weiter und warten darauf, dass wir endlich in den Bus gelassen werden. Das Piepen nervt schon etwas. Ein Wachmann läuft zielstrebig an mir vorbei... zum Massagesessel. Er bittet Magda aufzustehen... und das Piepen verstummt.

Die Sicherheitskontrolle stellt sich als harmlos raus... noch nie hat jemand so zart mein Gepäck abgetastet.

Unsere Plätze befinden sich im unteren, hinteren Teil des Busses. Im Fernseher läuft ein Film über einen Affen im Beduinenkostüm und Smartwatch am Handgelenk. Ein Busfahrer läuft mit einer Kamera durch die Reihen und fotografiert jeden Passagier. „Für die Sicherheit.“, meint er nur. Ich lächele in die Kamera. Dann überlege ich, ob ich nicht lieber eine Grimasse hätte schneiden sollen... das macht dann die Identifikation meiner Leiche vielleicht einfacher. Aber auf meiner Peru-to-Do Liste steht sowieso ein „Nicht sterben“-Stichpunkt.

Wir richten uns schon beinahe häuslich ein, als der Bussteward seine Runde dreht und uns fragt, ob wir nicht lieber oben sitzen wollen. Wir sind erst skeptisch, dann ziehen wir doch um... den Göttern und den 22 Stunden Horrorfahrt sei Dank! In der oberen Etage hat jeder genügend Platz um sich waagerecht hinzulegen... also fast. Ich mit meinen 1,63m stoße im Liegen schon an den Sitz meines Vordermanns. Dann geht’s endlich los. Wir verlassen Lima und beim Durchfahren der Vororte bekommen wir langsam einen echten Eindruck von Peru. Kastige Häuser, zerrüttet und unverputzt wie zufällig an den Berg geschraubt, stehen Wand an Wand. Riesige umzäunte Abbaugebiete. Menschen in orangen Anzügen. Wir fahren ewig gerade aus, bis wir in der Dunkelheit nichts mehr erkennen können. Soweit geht es uns allen noch gut. Magda und ich schaffen es sogar, uns über das Abendbrot lustig zu machen. Der Pudding erinnert eher an Schnupfen und das Zitronenbonbon schmeckt nach Klostein. Es steigen auch noch Passagiere hinzu. Ein älterer, großer Peruaner setzt sich neben Magda. „Der Schnarcht bestimmt.“, meint sie bloß und sie behält recht.

Die Irrfahrt beginnt erst, als es in die Berge geht. Die Serpentinen und Bergumkurvungen halten uns schließlich wach. Gefühlt zweitausend 180-Grad-Kurven lassen unsere Mägen protestieren. In der Nacht höre ich Würgelaute. Ich als Sympathiebrecher halte mir die Ohren zu und denke über meine Masterarbeit nach, um ja nicht in Versuchung zu kommen. Das meditative „Fühle die Kurve. Sei die Kurve.“ funktioniert auch nur bedingt. Aber am schlimmsten sind die Toilettengänge. Zum Glück gibt es im Klo überall Haltegriffe. Ich schaue mich für einen Moment im Spiegel an: Eine leichenblasse, zerzauste Luise schaut zurück. Dann werde ich Zeuge, wie die Spiegelluise in einer beherzten Linkskurve mit der Schläfe an die Klotür kracht. Auf dem Rückweg habe ich zwar eine leere Blase, aber ich lande beinahe auf dem Schoß eines schlafenden Peruaners. Das Mädchen neben ihm kichert. Ich will auch lachen, habe aber das Gefühl, dass meine Mundwinkel am nächsten Auto hinter uns befestigt sind.

Endlich geht die Sonne auf... und jetzt hat man wirklich das Gefühl in Peru zu sein. Berge, Wälder... es ist so schön... eigentlich will ich diese Momente mit niemanden teilen. Ich will sie einschließen und für mich behalten... pflichtbewusst zücke ich die Kamera und nehme auf. Dafür hat sich der flaue Magen echt gelohnt. Felsen ragen bedrohlich über uns hinweg. Pflanzen, die man sonst nur von Omas Balkon kennt, wachsen hier zwei Meter hoch. Ein atemberaubender Anblick.

Zum Frühstück müssen wir stehenbleiben, weil uns sonst das Essen vom Tablett rutscht. Wir Atmen alle auf.

„Also ich muss heute nicht in Museum, dafür morgen in Kirche.“, sagt die blasse Heda trocken.

Auf der weiteren Fahrt begegnen uns kleine Dörfer und Höfe: Überall wird gebaut. Die Stahlträger der in Zement gegossenen Pfeiler aller Häuser ragen senkrecht aus den Dächern. Es sieht alles nach der Devise aus: Hier kommt noch was hin... irgendwann. Derweil werden die Spitzen der Stäbe mit Plastikflaschen und Eimern abgedeckt oder als Wäschestander genutzt. Auf so gut wie jedem Dach, findet man eine Kuh- und Stierfigur befestigt. Als eine Art Schutzsymbol stehen sie oft unter einem kleinen Kreuz. Die Vermischung zweier Religionen, gebannt auf den höchsten Punkt des Zuhauses. Auf den Höfen tummeln sich die Tiere: Hunde, Esel, Kühe, Schafe, Ziegen... nicht eingezäunt schaut so manches Vieh zu unserem Bus hinauf. Gepflügt wird hier noch mit Hand und Ochsenkraft. Bunte Kleidung und diese tollen Kopfbedeckungen entdecken wir nicht nur, es scheint wirklich Alltagskleidung zu sein. Das klingt jetzt alles romantisch... Magda und ich schauen nur im Liegen nach draußen. Zeichnen, fotografieren... bewegen... Dinge, die nicht möglich sind. Endlich kommen wir an. Der Bus bleibt stehen. Ich weiß nicht mehr, wie ich mich aus dem Bus manövriert habe, auf jeden Fall stehe ich dann irgendwann bei den anderen. Wir werden schon von einem Taxifahrer drangsaliert. Fabi sucht die Adresse. Magda verhandelt noch über den Preis. Schließlich fährt uns der schlecht gelaunte Mann mit zwei Taxen in die Unterkunft.

ENDLICH DA! WIR HABEN ÜBERLEBT!

 

Morgen ist Samstag. Markttag! Mal sehen, wie es uns in 3300 Metern Höhe ergeht.

 

Bleibt gespannt. Wir sind es auch.

Herzlichst

 

Luise

30.08. - museo textil precolombino... und ein Elektronikgeschäft

Luise

Der Tag beginnt erstmal mit einer Katastrophe: Das Kartenlesegerät hat den Geist aufgegeben. Sprich Datensicherung is´ nich! Aber die Festplatte zeigt ohnehin nichts mehr an! Als ich den Computer neu starten will, hängt er im Wartebildschirm fest... Mit Blog hochladen wird das also nix... Ich ärgere mich grün und blau, aber schließlich haben wir heute noch das museo textil precolombino vor uns. Vielleicht funktioniert es danach wieder...

 

Zumindest der Wachmann hat guten Laune. „Moin!“, sagt er in gebrochenem Deutsch und erntet ein Lächeln von den fünf Weibern.

Das Museum beschäftigt sich, wie der Name schon vermuten lässt, mit Textilien aus der präkolonialistischen Zeit. Eine Unglaubliche Sammlung aus sakralen Stoffen, Bekleidungen und vor allem Techniken, die sich stammspezifisch zuordnen lassen. Übers Knoten, Flechten, Nähen, Färben und der Außergewöhnlichen Kombination dieser Verfahren, entstehen diese typisch geometrischen Muster und Figuren. Symbole auf der Kleidung verleihen dem Träger Macht und Kraft in verschiedenen Bereichen. Ich selber drehe beim Stricken und Häkeln schon bei Nadelstärke 3 durch... Die filigranen Arbeiten müssen Tage und Wochen gedauert haben... Hut ab für so viel gottesfürchtiger Motivation. Wieder begegnen uns diese Trockenmumien... und wieder bin ich fasziniert von diesen textilen Särgen. Das kleine Privatmuseum bietet einen guten Einblick in die urtypische Textilgestaltung und lehrt uns, was alles auch mit begrenzten Möglichkeiten umsetzbar ist.

 

Nach so viel Kulturhistorischem Input, steht für mich erstmal die Informationssicherung im Vordergrund: Ich brauche ein neues Kartenlesegerät. Wir verirren uns also in ein großes Elektrowarengeschäft. Überall sind Theken mit freundlich interessierten Verkäufern. Hinter ihnen an der Wand hängen tausend Produkte. Wir fragen uns also nach besagtem Gerät durch. Der Verkäufer zeigt uns das Teil... ist auch das einzige von der Sorte. Ich will es kaufen, lege das Geld auf den Tresen und warte. Der Mann fragt nach Magdas Namen und tippt ihn in die Kasse. Er gibt mir einen Zettel. Wieder warte ich... bis er auf die Kassierstelle hinter mir deutet. Ok, erst bezahlen. Wir schauen auf den Zettel... anscheinend hat irgendeine MAKARENA diesen Kartenleser geordert. Ich bezahle im panzerglas gesichterten Kassenbereich. Wieder erhalten wir einen Zettel, diesmal sogar doppelt gestempelt... Dann gehen wir zu dem Typ an der Theke zurück. Dieser schickt uns weiter... Wir gehen weiter... und weiter... und weiter. Technik überall. Alle laufen hektisch durcheinander, mit Zetteln bepackt. Aber keiner hat sein Gekauftes in der Hand. Magda fragt wieder nach. Dann finden wir endlich, was wir suchen: Eine weitere Theke mit weiteren Angestellten, die Plastikbeutel im Tausch gegen die ominösen Zettel aushändigen. Luises erster Einkauf in Peru wird also erfolgreich abgeschlossen!

 

Als uns der Laden am anderen Ende ausspuckt, herrscht angespannte Stimmung. Drei wollen mit dem Taxi nach Hause. Heda und ich wollen lieber laufen. Magda ruft pflichtbewusst schonmal das Taxi, als Fabi uns noch den Weg über ihre App erklärt. Der Taxifahrer hupt, Magda ruft, Fabi steigt ein... Und wir zwei stehen da... mit einem halben Straßennamen. … Avenide Petit... damit können wir nix anfangen. Aber neben an ist ein kleiner Markt mit bunten Ständen... Wenn wir schon verloren gehen, dann können wir uns auch Zeit lassen. Der Markt stellt sich als eine Art Viertel heraus. Souvenirstände, wo das Auge hinreicht. Alle verkaufen Ähnliches. Die Kommunikation für zwei nicht Spanisch sprechende Europäer gestaltet sich als entspannt. Zumindest die Zahlen verstehe ich. Alles andere funktioniert über Hände. Heda bringt mich auch wieder zum Staunen: Mit ihrer Universalsprache bekommt sie alles was sie will. Überall ein -enco an jedes Wortende und Zack!

Aber ich löse die Situation lieber auf, bevor unsere Lieben noch einen Herzinfarkt bekommen: Ich schreibe nicht aus einem Obdachlosencafe mit freiem W-Lan. Wir haben es tatsächlich zurückgeschafft... und mussten feststellen, dass uns die App hinzu über riesige Umwege geschickt hat. Heda/Luise:1 ; Technik: 2473643 … Wir holen langsam auf!

 

Fabi kränkelt am Abend ziemlich rum. Wir kümmern uns alle rührend um sie. Ich lasse sie sogar in meinem Bett schlafen, damit sie mit Magda Bibi Blocksberg hören kann. In ihr Bett kriegen mich aber keine Zehn Pferde. Wer weiß, welcher Bazillus dort haust. Ich verbringe die Nacht also auf dem schiefen Sofa. - Einen Arm über die Rückenlehne gehängt, damit ich nicht runter rolle. Die letzte Nacht in Lima lässt mich das Hupkonzert schon beinahe genießen...

 

Morgen brechen wir Nachmittags nach Cusco auf. 22 Stunden Fahrt... zum Glück haben wir noch acht Klopapierrollen übrig...

 

Bleibt gespannt. Wir sind es auch.

Herzlichst

 

Luise

29.08. - museo de arte de lima... Freiheit unsrem Hinterteil!

Luise

Ich habe schon über einige Taxifahrten berichtet. Das scheint sich auch schon rumgesprochen zu haben, denn als wir aus der Wohnung treten und an der Straße ein Taxi rufen wollen... fahren sie alle an uns vorbei. Keiner hält an... vielleicht zehn Taxis später, Magda hält vehement die Hand raus, kurvt endlich einer viel zu schnell um die Kurve und hält mitten auf dem Zebrastreifen an.

„Mhm, das ist ´n schmieriger.“, meint Magda bloß. Wie im Clownsauto beginnt die Fahrt.

 

Hier ein paar Auszüge des Gesprächs:

Fahrer: „Wo kommt ihr her?“

Magda: „Deutschland.“

Fahrer: „Ah, Deutschland. Es gibt hier sehr viele Deutsche. - In allen Stadtteilen. - Ich kenne sie alle.“

 

Fahrer (zu Heda auf Magda zeigend): „Sie ist schön, oder?“

Magda (klopft Heda auf die Schulter): „Das ist übrigens meine Mutter.“

Fahrer (seine Augen werden größer): „Lüge!“

Alle lachen.

 

Fahrer: „Seit ihr vergeben?“

Magda: „Wir haben alle einen Freund. Heda ist sogar verheiratet.“

Fahrer: „Ihr solltet lieber einen Peruaner heiraten.“

Magda: „Mhm nee, die sind so klein.“

Fahrer: „Deutsche Männer sind wohl größer?“

Magda: „Ja.“

Fahrer: „Peruaner sind zwar klein, aber gut....“

Im Verlauf seiner Erzählung hoffen wir inständig, dass es immer noch um die Körpergröße geht...

Magda: „Hast du eine Frau?“

Fahrer: „Ja und einen Sohn... dreieinhalb Jahre... er heißt Rodrigo...“

Erst danach hört er auf von Peruanern zu schwärmen.

 

Fahrer: „Ich bin auch groß.“

Magda: „Ja?“

Fahrer: „1,75 m“

Magda: „Oh ja, dass ist schon groß... für nen Peruaner.“

Fahrer: „Auch groß in Deutschland?“

Magda: „Naja, eher so Mittel. Heda ist 1,87.“

Der Fahrer macht wieder große Augen.

Fahrer (zum gefühlt hundertsten mal) : „Ich warte am Museum auf euch, dann fahr ich euch noch weiter.“

Magda: „Nein, nein. Wir wollen dann laufen.“

 

Irgendwann sind wir dann endlich am parque de la expocition und steigen aus.

„Passt auf euch auf!“, ruft er noch.

Das ist wieder mal eine Situation, in der jeder von uns froh ist, nicht allein unterwegs zu sein...

 

Unser heutiges Ziel ist das museo de arte de lima. Die dort ansässige Dauerausstellung zeigt uns den Kulturhistorischen Verlauf Perus. Von den Inka, mit ihren ausgefeilten Knotensystem zur Nachrichtenübermittlung und der aufwendigen Stickerei auf verschiedenen Strickwaren, über Plakatkunst aus den 20ern bis hin zur Zeitgenössischen Kunst. Die Kunst der Kolonialzeit schauen wir uns an, aber erst wenn die Räume dunkler und akklimatisiert kühl werden, schlägt unser Herz höher. Gerade die archaische Kunst beinhaltet so viele Textilien. Für die geometrischen Gestaltungselemente gibt es verschiedene Bedeutungen: Das bekannte stufenförmige Dreieck scheint ein Symbol für die Wellen, die Macht des Meeres zu sein, kann aber auch Thron bedeuten. In Verbindung mit Spiralen, spricht man eher von Bergen, von denen das lebensspendende Wasser herunter fließt.

Der Wachmann muss uns sogar freundlich zurückpfeifen, als wir halb auf der Glasablage liegen, um das bestickte Tuch zu betrachten.

Ein besonderes Schmankerl ist die Ausstellung NASCA... über - wer glaubt´s- die Nasca-Kultur. Den meisten wird die riesige Ameisenzeichnung oder die Kringel in der Wüstenlandschaft bekannt sein. Besonders faszinierend aber sind die Trockenmumien. Mit ihren länglichen Hinterköpfen, galten sie als der Beweis für die Alientheorie... Tatsächlich war ein langgezogener, deformierter Kopf das Schönheitsideal. Schon Kinder bekamen Bretter an den Kopf gebunden, um dem Trend zu entsprechen... Aufgrund der großen Hitze im Nasca Gebiet mumifizieren die Leichen schnell in ihren Schichten aus Laken und Tüchern... und was für Tücher! Schaut euch einfach die Bilder an! Die gestickten Muster erzählen ganze Geschichten. Für einen Tag war das unglaublich viel Input an Inspiration.

Ein triviales Erlebnis ist auch der Toilettengang: Peruaner wischen ja den lieben langen Tag ihre Fußböden und Gehwege. Ich verschwinde also in der Kabine, lege meine Tomb Raider-Suvival-Hüfttasche auf den Mülleimer, als mir die Spiegelung in die Nachbarkabinen auffällt. Ich habe in diesem Moment Einblicke Leute! Es gibt auch keinen Winkel in dem nichts sichtbar ist... und wenn ich die anderen sehen kann, können mich die auch sehen!... Dann fällt mir wieder ein, dass ich in Peru bin... spielt also keine Rolle... Die anderen warne ich vor, aber wenn die Blase drückt ist eh alles egal. Man fühlt sich dem Land auch gleich verbundener, wenn man seinen weißen Hintern den Einheimischen präsentiert... das stand ja eh auf meiner Peru-to-Do-Liste...

 

Den späten Nachmittag verbringen wir am Pazifik. Es ist kalt und düster. Nur einige Surfer nutzen die stürmische See für einen Wellenritt. Verliebte Pärchen machen Selfies mit brechenden Wellen im Hintergrund. Ein Hobbyfotograf leitet sein vollbusiges Model an, im Titanic-Style (im dunkelgrünen Rollkragenpullover und Turnschuhen, die Arme von sich gestreckt) zu posieren. Niemanden scheint aufgefallen zu sein, dass jemand zwischen die Felsen gekackt hat.

 

Daheim erwartet uns eine durch das Wohnzimmer gespannte Wäscheleine mit klammen Klamotten. Es ist einfach viel zu kalt hier. Die hässlichen Synthetikklamotten machen sich ausnahmsweise mal bezahlt.

 

Es war ein anstrengender Tag mit Reizüberflutung und morgen geht’s weiter ins Textilmuseum von Lima.

 

Bleibt gespannt. Wir sind es auch.

Herzlichst

Luise

 

 

P.S.: Ich träume heute Nacht auf jeden Fall von unbekleideten Hinterteilen...