Der Schneckentod kommt um die Ecke!

Luise

Einen großen Teil unserer Perureise bestreiten wir zu Fuß. Neben Gepäck, Hitze und Schwüle, wird uns auch der Höhenunterschied zu schaffen machen. Meine größte Angst, die ich im Bezug auf die Reise habe, sind nicht irgendwelche Unfälle oder Verständigungsprobleme. Tatsächlich würde mich nichts mehr ärgern, als die Dinge, Aussichten und Situationen zu verpassen, weil mein Körper bestimmter geografischer Gegebenheiten nicht gewachsen ist. Die logische Schlussfolgerung ist also: Ausdauertraining! Die ersten Tage meines Vorbereitungsprogramms könnt ihr jetzt nachlesen. - Viel Spaß dabei!

 

Tag 0

Wie jede Nacht drehe ich nach der Arbeit im Atelier noch eine Runde. Um die Mitternachtszeit ist selten jemand auf der Straße unterwegs. - Ich habe also meine Ruhe und kann vor dem Schlafengehen runter fahren. Als begeisterte Barfußläuferin hält die Nacht so manche Überraschung bereit. So zerplatzte mir die gefühlt hundertste Nacktschnecke zwischen den Fußzehen, als ich feststelle, welche Chance ich hier eigentlich verschwende. Das schnelle Gehen befreit zwar den Kopf und gibt mir Raum zum Denken, aber wenn ich schon jeden Tag eine Stunde in der Natur verbringe, sollte ich das nicht gleich etwas fordernder gestalten? Machu Picchu ist noch drei Monate entfernt und etwas Ausdauertraining hat noch niemand geschadet. Ich beginne zu joggen. Pfft, pfft pfft – Ich bin der große Schneckentod! Das geht nur mit Laufschuhen...

 

Tag 1

Ich stehe extra um fünf auf. - Niemand soll mich laufen sehen. Wenn dicke Leute Sport machen, ernten sie entweder mitleidige oder total motivierte „Du schaffst das Moppel!“ Gesichter. Und bei letzterem werde ich handgreiflich. Also zum Schutz der Bevölkerung laufe ich lieber kurz nach Sonnenaufgang. Seit meiner Knie-OP war ich nicht mehr laufen, dementsprechend groß ist meine Überwindung überhaupt an Tempo zuzulegen. Dazu kommt noch, dass ich erst mal einen Kilometer steil bergauf rennen muss, um in den Wald zu kommen. Aus verschiedenen Erfahrungsberichten weiß ich: „Wer den Keilberg das erste mal hoch joggt, der übergibt sich.“ Und da mir nichts ferner liegt, als in die schöne schneeberger Flora zu reihern, entscheide ich mich für ein Abwechseln von Gehen und Laufen. Das erste was mir auffällt: Sport-BH bedeutet nicht, dass man den BH beim Sport machen tragen sollte... Sport-BH bedeutet, dass sich die Brust genauso sportlich mitbewegt, die der Rest...

 

Tag 2

Sechs Uhr... joggen wird heute nix... Meine Knie ziepen und die Blasen an den Füßen bedürfen eines anderen Schuhwerks. Ich schnappe mir also meinen Rucksack, fülle ihn mit einem Sixpack Wasserflaschen und mache mich langsam auf. Schließlich geht es mir ja nur darum, meine Ausdauer zu trainieren. Ich muss niemanden was beweisen... Ok, außer mir selbst vielleicht.

Um diese Uhrzeit begegnen mir tatsächlich andere laufaffine Menschen. Ich scheine mit meiner Scham nicht die einzige zu sein.

 

Tag 3

Sechs Uhr... Mit zwei „Sport“-BHs ausgestattet, läuft es sich schon mal besser. Trotzdem fühle ich mich wie Godzilla. Bum... Bum... Bum... die Erde erzittert... die Waldtiere schreien in Zeitlupe: „Voooaarsüüüüüscht deee Luuuuiiisäääää koooooaaammt!“

Meine "Guano Apes-Rammstein-Soap and Skin"-Playlist bringt mich schneller außer Atem als gedacht. Ihr kennt doch bestimmt den Anblick eines stolpernden Menschen. Der Moment, wenn sich derjenige durch eine Vorwärtsbewegung am Sturz hindern will und man selber denkt. „Jetzt Fall doch endlich hin!“ - So muss ich bei dieser Runde ausgesehen haben.

 

 

Inzwischen haben wir Tag 8 und ich jetzt schaffe ich es auch schon mal mich tagsüber in die Sportklamotten zu werfen. Der Wechsel zwischen Tempo und Gewicht, macht das alles irgendwie spannender.

 

Es hätten eigentlich noch mehr komödiantische Einlagen folgen sollen, aber heute früh hatte ich eine interessante Begegnung, die nichts mit der Peruvorbereitung zu tun hat, ich aber trotzdem mit euch teilen möchte:

Heute bin ich um sieben los, denn die Wandertagsfamilien sind nicht vor um zehn anzutreffen. Ich jogge immer noch in Intervallen und als ich im Wald um eine Biegung laufe, sehe ich nackte Männerwaden. Das linke Bein zieht etwas nach. Ich hole etwas auf und wir laufen gleich auf. Ich grüße freundlich, ernte aber nur einen erschrockenen Blick. Der große, stämmige Mann versucht es dann doch mit einem Lächeln. Neben der Anstrengung ist die Situation auch noch unglaublich peinlich... irgendwie wollen wir beide uns unsichtbar machen. Aber die nächste Abzweigung ist noch weit weg – ich kann also auch nicht zufällig einen anderen Weg einschlagen. Mit einem lauten „Boar, ich kann nicht mehr!“ höre ich auf zu joggen und beginne zu gehen. Auch der Mann verlangsamt seine Schritte. Er scheint erleichtert. „Ich halte das auch nicht durch.“, sagt er und schaut mich mit hochrotem Kopf an. Wir hätten wahrscheinlich beide gelacht, wenn wir Luft übrig gehabt hätten. So gibt jeder nur ein kurzes Pfeifen von sich und schaut dann wieder gerade aus. Ich finde die Situation immer noch sehr peinlich.

Also fang ich an zu quatschen: „So eine Situation ist irgendwie total unangenehm.“, sag ich, um irgendwie locker zu wirken. Es käme jetzt sehr komisch, wenn ich mich einfach querfeldein ins Gestrüpp verabschieden würde.

„Ich gehe extra früh laufen, damit mich hier niemand rumkrüppeln sieht!“

Der Mann, ich nenne ihn an dieser Stelle mal Jakob, weil er wie ein Jakob aussieht, nickt nur vehement.

„Mit einer Verletzung sollte man keinen Sport machen.“, muss ich natürlich wieder klugscheißen, denn Jakob zieht das Bein auch beim Gehen leicht nach.

Jakob winkt ab. „Das ist schon verwachsen.“ - Keine Ahnung was das bedeuten soll...

„Hier lässt es sich aber auch gut Sport machen, so im Einklang mit der Natur...“ Noch nie habe ich mir eine Weggabelung so sehr herbei gewünscht.

„Kommen Sie aus Schneeberg?“, fragt er.

„Ja und das schlimmste ist, erstmal den Berg hier rauf zu schaffen.“, antworte ich mit pfeifender Stimme. „Und Sie?“

Jakob nennt mir einen Ort, der ein ganzes Stück von hier entfernt ist.

„Da fahren sie extra mit dem Auto hier her? Wegen der schönen Natur?“, frage ich. Es ist mir unverständlich Benzin zu verfahren, um irgendwo zu Fuß gehen zu können.

„Nee, aber ich muss mich ja nicht vor den anderen lächerlich machen, oder?“ Seine Miene wirkt plötzlich eisern. Jakob zieht sein Lauftempo wieder an und mit einem „Man sieht sich!“ läuft er mir davon.

 

Klar wollte ich euch hier eigentlich meine Vorbereitung auf Machu Picchu vorstellen und ich bin sicher, dass ich euch in einem Monat von meinen Fortschritten berichten werde.

Aber heute will ich euch nur eins sagen: Lasst euch nicht einschränken!

Mein Ziel ist immer noch diese herrliche Aussicht des Machu Picchu selbst genießen zu dürfen... und wenn ich telepatisch einem Ameisenvolk befehlen muss, mich den Berg hinauf zu tragen... ich werde das schaffen!

Denn wie sagt ein altes Sprichwort: Egal wie hoch die Brüste schwenken - im Dunkeln ist schneller als durch den Wald... oder so ähnlich...