Mach´s wie Goethe...

Luise

 

„Zu meinen Hobbys gehören: mein Hund, WOW und Reisen...“ Wie oft hab ich schon gehört, dass Menschen das Reisen als Hobby betreiben. Gibt es da eigentlich irgendwelche Richtlinien? Ich meine, ich reise auch jeden Tag von der Couch zum Kühlschrank. - Trotzdem schreibe ich das nicht in mein Online-Profil... Für jeden bedeutet Reisen etwas anderes. Heute gibt’s einen gaaaanz kurzen Exkurs in Sachen Reisegeschichte:

 

Als unsere Vorfahren vor 100.000 Jahren noch als Nomaden von Ort zu Ort zogen, konnte man nicht wirklich vom Reisen sprechen. Auch als der Mensch schließlich sesshaft wurde, dienten die Tagesreisen nur der Nahrungsbeschaffung... von Einklang mit der Natur, Inspiration und neue Orte entdecken war nicht die Rede.

 

Erst in der Antike, als die Griechen und Römer klar zwischen Arbeit und Freizeit unterschieden, erlaubte sich die Oberschicht zu Reisen. Meist waren es Philosophen und Rhetoriker, die sich auf weitverzweigte Pfade aufmachten. Das gut ausgearbeitete Straßennetz im römischen Reich machte das reisen angenehmer. Gereist wurde viel zu Fuß. - Nur die äußerst gut betuchten konnten sich ein Pferd oder gar eine Kutsche leisten. Raststationen und Herbergen an den Straßen waren auf die Bedürfnisse der Reisenden abgestimmt.

 

Als das römische Reich zerfiel, verfielen auch die Straßen. Aber mit dem Aufstieg des Christentums und der Völkerwanderung kam die Wallfahrt immer mehr in Mode. Bestes Beispiel: der Jakobsweg.

 

Im Mittelalter reiste man dann wieder weniger aus Vergnügen sondern aus zweckmäßigen Gründen. Ob aus Berufsgründen (militärische Berufung oder Kaufleute) oder der Glaubens- und Wissensverbreitung wegen (Pilger, Geistliche, Gelehrte) – das Reisen zu dieser Zeit war sehr unbequem. Unbefestigte Wege, Trickbetrüger und Räuber an Land – Seeräuber auf dem Meer. In erster Linie aber war die Natur das größte Hindernis: Temperatur, Wetter und Tierwelt verhinderten oder verlängerten so manche Reise.

 

Bildungs- und Forschungsreisen kamen ab dem 17. Jahrhundert in Mode: Zu den bekanntesten Vertretern gehört zum einen Alexander von Humboldt – der deutsche Naturforscher schlecht hin, und Johann Wolfgang von Goethe, der sich im September 1786 auf den Weg nach Italien machte und als Pantheist Inspiration in Natur und Menschen fand:

 

 

Wanderlied

Von dem Berge zu den Hügeln,
Niederab das Tal entlang,
Da erklingt es wie von Flügeln,
Da bewegt sich's wie Gesang;
Und dem unbedingten Triebe
Folget Freude, folget Rat;
Und dein Streben, sei's in Liebe,
Und dein Leben sei die Tat!

Denn die Bande sind zerrissen,
Das Vertrauen ist verletzt;
Kann ich sagen, kann ich wissen,
Welchem Zufall ausgesetzt
Ich nun scheiden, ich nun wandern,
Wie die Witwe, trauervoll,
Statt dem einen, mit dem andern
Fort und fort mich wenden soll!

Bleibe nicht am Boden heften,
Frisch gewagt und frisch hinaus!
Kopf und Arm mit heitern Kräften,
Überall sind sie zu Haus;
Wo wir uns der Sonne freuen,
Sind wir jede Sorge los;
Daß wir uns in ihr zerstreuen,
Darum ist die Welt so groß.

 


 

Ab dem 19. Jahrhundert geriet die Bildung etwas in den Hintergrund. Vergnügungs- und Erholungsreisen nach Istanbul und Ägypten standen mit Orientexpress und Dampfschiff an der Tagesordnung wohlbetuchter Leute. Durch die Industrialisierung waren nun auch solche Entfernungen mit einem großen Maß an Luxus und keinem allzu großen Zeitaufwand möglich. Im Jahr 1845 gründete Thomas Cook das erste Reisebüro in Leicester, England.

 

Zur Zeit des Nationalsozialismus wurde Tourismus als politisches Mittel eingesetzt. Über die Organisation „Kraft durch Freude“ wurden sehr günstige Reisen angeboten, welche sich auch niedrig-Lohn Verdiener leisten konnten.

 

Der Aufschwung nach dem zweiten Weltkrieg, machte die Urlaubsreise zum Massenprodukt. Durch Standarisierung und Abfertigung in hoher Stückzahl war es möglich, die Preise niedrig zu halten und den Reisenden das Fernweh in den wachsenden Städten zu nehmen.

 

 

Wenn ich mir die Entwicklung des Reisens anschaue, stellt sich mir eigentlich nur eine Frage: Wieso muss man heutzutage zwischen Bildungsreise und Urlaub unterscheiden? Gut, ich kann auch nicht verstehen, wieso ich extra nach Thailand fliegen muss, um in einem abgesperrten All-inclusive Reservoir schwimmen zu gehen... Aber ist es nicht die Neugier auf andere Kulturen und der Wunsch etwas von einem fremden Ort für sich selbst mitzunehmen, der uns erst auf Reisen gehen lässt? Ich würde unsere Perureise auch nicht als Urlaub betrachten, aber trotzdem nehme ich ja alle Strapazen auf mich, weil ich weiß, dass mir diese Reise gut tun wird und ich so viel neues lernen werde.

Goethe hatte auf seiner Italienreise übrigens immer sein eigenes Bett mit dabei... Das mach ich auch! (Mein Blick fällt auf den muffigen, grünen Schlafsack in der Ecke.) Aber meinen Zylinder lass ich dann doch lieber daheim...